Fed-Kandidat Warsh will Bilanz schrumpfen – doch Experten sehen kaum Spielraum
Nominierter Notenbankchef strebt kleinere Zentralbankbilanz an, stößt aber auf systemische Hürden im Finanzsystem.

Kevin Warsh, der designierte neue Chef der US-Notenbank Federal Reserve, will die Bilanz der Zentralbank deutlich verkleinern. Doch Finanzexperten halten dieses Ziel für kaum erreichbar – zumindest nicht ohne tiefgreifende Eingriffe in das amerikanische Finanzsystem. Das Problem: Das aktuelle geldpolitische System der Fed ist darauf angewiesen, dass die Banken über hohe Liquiditätsreserven verfügen.
Die Fed-Bilanz erreichte im Frühjahr 2022 einen Rekordwert von 9 Billionen US-Dollar. Aktuell liegt sie bei 6,7 Billionen Dollar. Warsh kritisiert seit Jahren, dass diese massiven Bestände die Finanzmärkte verzerren und die Wall Street gegenüber der Realwirtschaft bevorzugen. Er möchte die Liquidität der Gesamtwirtschaft zur Verfügung stellen und glaubt, dass dies der Fed ermöglichen würde, das Zinsniveau niedriger anzusetzen.
Die Analysten von BMO Capital Markets warnen jedoch: "Es gibt keinen einfachen Weg zu einer geringeren Präsenz der Fed an den Finanzmärkten." Eine deutliche Reduktion der Bestände sei ohne regulatorische Reformen, die den Reservebedarf der Banken senken, nicht machbar. Ein solcher Prozess würde eher Quartale als Monate in Anspruch nehmen.
Systemische Abhängigkeiten bremsen Reformpläne
Das Kernproblem liegt in der Art und Weise, wie die Fed ihre Zinsziele umsetzt. Seit 2019 nutzt die Notenbank automatische Zinsinstrumente, die sowohl Bargeld aufnehmen als auch verleihen können. Diese Mechanismen sorgen dafür, dass der Leitzins dort bleibt, wo die Fed ihn haben möchte. Eine drastische Verringerung der Liquidität im System könnte diese Kontrolle gefährden.
Die Ökonomen Stephen Cecchetti von der Brandeis University und Kermit Schoenholtz von der New York University bringen das Dilemma auf den Punkt: Eine starke Schrumpfung der Bilanz würde "die kurzfristigen Märkte erheblichen Volatilitätsrisiken aussetzen – eine Heilung, die potenziell schlimmer wäre als die Krankheit."
Als die Fed Ende letzten Jahres versuchte, ihre quantitative Straffung (QT) fortzusetzen, zeigten sich bereits erste Spannungen. Verschiedene Geldmarktsätze begannen zu steigen, und Finanzunternehmen mussten in einigen Fällen direkt bei der Notenbank Kredite aufnehmen. Die Fed stoppte daraufhin den Abbau ihrer Bestände und baut diese nun bis zum Frühjahr technisch bedingt sogar wieder auf.
Regulatorische Reformen als einziger Ausweg
Experten sehen nur einen Weg zu einer kleineren Fed-Bilanz: umfassende Regeländerungen. Morgan Stanley warnt allerdings, dass geringere Liquiditätspuffer "die Risiken für die Finanzstabilität erhöhen" könnten. Die Analysten von J.P. Morgan glauben nicht, dass die Fed die quantitative Straffung wieder aufnehmen kann, selbst wenn die Repo-Geschäfte verbessert würden.
Warsh, der bereits von 2006 bis 2011 als Fed-Gouverneur tätig war, wurde Ende Januar von der Trump-Administration nominiert. Er soll im Mai die Nachfolge des amtierenden Fed-Vorsitzenden Jerome Powell antreten. Seine kritische Haltung zur Bilanzpolitik der Notenbank ist seit Jahren bekannt.
Viele Marktbeobachter erwarten jedoch, dass die finanziellen Realitäten jeden größeren Reformversuch bremsen werden. Die Analysten von Evercore ISI glauben nicht, dass Warsh auf eine Rückkehr zu den Methoden vor der Finanzkrise drängen wird, als die Liquidität knapp war und die Zentralbank die Zinsen unter hoher Volatilität steuern musste. Eine Wiederaufnahme von QT würde zudem signalisieren, dass die Fed die Bilanz künftig nicht mehr als Kriseninstument einsetzen will – was die Kreditkosten am Anleihemarkt bereits jetzt steigen lassen würde.
