EZB-Vizepräsident de Guindos mahnt zu Vorsicht bei Zinsentscheidungen
Angesichts des Iran-Kriegs und enormer Unsicherheit fordert EZB-Vizepräsident Luis de Guindos einen kühlen Kopf bei der Zinspolitik.

Die Europäische Zentralbank (EZB) muss bei der Festlegung der Zinssätze besondere Vorsicht walten lassen. Das betonte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos am Dienstag mit Blick auf die erhebliche Unsicherheit, die der Krieg im Iran mit sich bringt. Die EZB trifft sich bereits in der kommenden Woche zu ihrer nächsten Sitzung.
De Guindos steht damit nicht allein. Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte am Montag signalisiert, dass den Entscheidungsträgern derzeit ausreichende Belege fehlen, um die Zinsen zur Bekämpfung eines energiebedingten Inflationsanstiegs anzuheben. Die Notenbank beobachtet die Lage genau, bevor sie handelt.
„Ich glaube, wir müssen vorsichtig sein, einen kühlen Kopf bewahren und die Daten in einem Kontext enormer Unsicherheit analysieren", sagte de Guindos bei einer Veranstaltung in Spanien. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob höhere Öl- und Gaspreise auch andere Preise in der Eurozone in die Höhe treiben – ein sogenannter Zweitrundeneffekt, der für die Geldpolitik besonders relevant ist.
Zwischen Basisszenario und Negativszenario
De Guindos erläuterte, dass die Energiepreise derzeit zwischen zwei Szenarien liegen: den Basisprojektionen der EZB, die lediglich einen vorübergehenden Inflationsanstieg vorsehen, und einem Negativszenario mit größeren und dauerhafteren Spillover-Effekten auf die Gesamtwirtschaft. Spillover-Effekte bezeichnen dabei die Übertragung von Preisanstiegen aus einem Sektor auf andere Bereiche der Wirtschaft.
Diese Einschätzung verdeutlicht das Dilemma, in dem sich die EZB befindet: Handelt sie zu früh mit Zinserhöhungen, riskiert sie eine unnötige Bremsung der Konjunktur. Wartet sie zu lange, könnte sich die Inflation verfestigen. In einem Umfeld geopolitischer Spannungen ist diese Abwägung besonders schwierig.
Drei Risikoquellen für die Finanzstabilität
Neben der Zinspolitik warnte de Guindos auch vor konkreten Risiken für die Finanzstabilität in der Eurozone. Er nannte dabei drei wesentliche Gefahrenquellen:
- Hohe Marktbewertungen, die auf überhitzte Finanzmärkte hindeuten könnten
- Eine lockere Fiskalpolitik in einigen Ländern der Eurozone
- Probleme bei Privatkrediten, die die Stabilität des Finanzsystems belasten könnten
Diese Warnung kommt zu einem bedeutsamen Zeitpunkt: De Guindos wird voraussichtlich am 27. Mai den letzten Finanzstabilitätsbericht seines Mandats als EZB-Direktoriumsmitglied vorstellen. Ende des Monats scheidet er aus dem Amt aus. Sein Abgang markiert damit das Ende einer wichtigen Ära in der europäischen Geldpolitik, in der die EZB mit Niedrigzinsen, der Corona-Pandemie und nun geopolitischen Krisen konfrontiert war.
Für deutsche Anleger und Sparer bleibt die Botschaft klar: Die EZB wird keine überstürzten Entscheidungen treffen. Die Notenbank setzt auf Datenabhängigkeit und Besonnenheit – auch wenn die geopolitische Lage Druck erzeugt.
