EZB-Entscheider rätseln vor Zinssitzung über künftigen Zinspfad
Weniger als zwei Wochen vor der EZB-Sitzung am 29./30. April herrscht unter den Währungshütern große Unsicherheit über den nächsten Zinsschritt.

Die Europäische Zentralbank steht vor einer schwierigen Entscheidung. Weniger als zwei Wochen vor ihrer nächsten Sitzung am 29. und 30. April geben sich die EZB-Ratsmitglieder betont unverbindlich. Die Finanzmärkte preisen laut LSEG-Daten derzeit eine Beibehaltung des Leitzinses im April ein – gefolgt von einer Zinserhöhung im Juni. Die Mehrheit der Händler erwartet, dass der EZB-Leitzins bis Ende des Jahres mindestens 2,5 Prozent erreichen wird, was einer Anhebung um 50 Basispunkte oder mehr gegenüber dem aktuellen Niveau entspräche.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel machte am Mittwoch am Rande der IWF-Frühjahrstagung in Washington deutlich, wie groß die Unsicherheit derzeit ist. Gegenüber CNBC erklärte er, dass die Volatilität der Ölpreise die EZB „zwischen unser Basisszenario und unser Negativszenario" gebracht habe. „Die gesamte Situation ist sehr undurchsichtig, sehr trüb, und in zwei Wochen müssen wir entscheiden, wie es weitergeht", sagte Nagel. Er betonte, dass „täglich Daten in Form von Nachrichten eingehen".
Als zentralen Unsicherheitsfaktor nannte Nagel die Straße von Hormus. Der kritische Seeweg sei „die Achillesferse des Weltwirtschaftssystems", so der Bundesbank-Chef. Fragen rund um eine mögliche Wiederöffnung der Meerenge stünden im Mittelpunkt der aktuellen Unsicherheit und könnten die geldpolitische Entscheidung maßgeblich beeinflussen.
Sitzung für Sitzung – kein fester Kurs
Nagel plädierte klar für einen datengetriebenen Ansatz ohne Vorabfestlegungen. „Es ist so wichtig, wirklich zu warten, bis uns am Tag der Entscheidung alle verfügbaren Informationen vorliegen", sagte er. „Ein Ansatz von Sitzung zu Sitzung ist der richtige Weg, und so haben wir es auch in der Vergangenheit gehandhabt. In diesen sehr komplizierten Zeiten wird dies umso wichtiger." Gleichzeitig warnte er, dass die EZB reagieren müsse, falls die Preise stärker als erwartet steigen sollten. „Wir müssen uns die Optionen offenhalten – die Geldpolitik sollte nichts ausschließen", so Nagel.
Auch Martins Kazaks, lettischer Zentralbanker und Mitglied des EZB-Rats, schloss sich dieser Linie an. Auf die Frage, ob eine Zinserhöhung im April zu früh sei, antwortete er schlicht: „Wir werden sehen." Kazaks verwies darauf, dass die Kerninflation in der Eurozone im März nicht gestiegen sei – ein Datenpunkt, den die Entscheidungsträger genau im Blick behalten.
Warnung vor dem „Schichtkuchen aus Schocks"
Kazaks nutzte ein einprägsames Bild, um die Risiken zu beschreiben, die aus dem Zusammentreffen mehrerer wirtschaftlicher Erschütterungen entstehen können. Die Schocks der Jahre 2020 und 2022 – die Covid-19-Krise und die russische Invasion in der Ukraine – hätten die Zentralbanker wachsamer gemacht. „Schocks überlagern sich, sie interagieren. Sie könnten Nichtlinearitäten auslösen", sagte er. „Und für Zentralbanker ist es meines Erachtens sehr wichtig, wachsam und vorsichtig zu sein und zu beobachten, was mit diesen Nichtlinearitäten passiert."
Kazaks bezeichnete die aktuelle Lage Europas als „komfortable Situation", mahnte jedoch zur Wachsamkeit. Die Märkte erwarteten für den Euroraum zwei Zinserhöhungen, beginnend im Juni. „Dagegen habe ich momentan nichts einzuwenden. Warten wir ab, wie es sich entwickelt. Aber natürlich werden wir zu einem gewissen Zeitpunkt liefern müssen", sagte er. Die sogenannten Nichtlinearitäten – also unvorhergesehene Wechselwirkungen zwischen verschiedenen wirtschaftlichen Schocks – seien dabei das Element, das die EZB besonders genau beobachten müsse.
Für deutsche Privatanleger bedeutet die aktuelle Gemengelage anhaltende Unsicherheit an den Zinsmärkten. Ob Tagesgeld, Anleihen oder Immobilienfinanzierungen – die Richtung der EZB-Zinspolitik bleibt bis zur Sitzung Ende April offen. Beide Notenbanker machten deutlich, dass erst die Datenlage kurz vor der Entscheidung den Ausschlag geben wird.
