EZB-Chefin Lagarde: Inflation bleibt hoch, wenig Anlass zur Änderung des Zinspfads
Die EZB-Präsidentin rechnet mit anhaltend hoher Inflation im Euroraum und sieht derzeit kaum Anlass, vom erwarteten Zinspfad abzuweichen.

Die Inflation in der Eurozone wird nach Einschätzung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde in den kommenden Quartalen hoch bleiben. Damit signalisierte die Chefin der Europäischen Zentralbank, dass es „erheblicher Veränderungen“ bedürfte, um die politischen Entscheidungsträger davon abzubringen, die Zinsen im Dezember erneut anzuheben. Die Aussagen stammen aus einem Interview, das die japanische Tageszeitung Yomiuri Shimbun am Samstag veröffentlichte.
Lagarde wies darauf hin, dass weiterhin mit anhaltendem Preisdruck zu rechnen sei. Zugleich betonte sie, dass sich die sogenannten sekundären Inflationsübertragungen bisher innerhalb der Erwartungen der Zentralbank entwickelt hätten. „Wir wissen, dass die Inflationszahlen in den kommenden Quartalen hoch bleiben werden“, sagte Lagarde. „Je höher sie sind und je länger sie hoch bleiben, desto größer ist das Risiko für unser mittelfristiges Ziel.“
Die Äußerungen fallen in eine Phase, in der die Notenbank erst Ende Oktober entschieden hatte, ihren Leitzins für Einlagen bei 2,50 Prozent unverändert zu lassen. Da die Gesamtinflation in der 21 Mitglieder zählenden Währungsunion doppelt so hoch war wie das 2-Prozent-Ziel der Zentralbank, forderten zunehmend restriktiv denkende Mitglieder des Governing Council eine erneute Verschärfung der Geldpolitik.
Die Kerninflation blieb im Oktober bei 2,5 Prozent unverändert
Als Treiber der Teuerung nennt die Quelle den Anstieg der globalen Rohölpreise und der europäischen Erdgaspreise seit Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten. Während die Kerninflation im Oktober bei 2,5 Prozent unverändert blieb, deutete Lagarde an, dass die politischen Entscheidungsträger die detaillierten Komponenten sorgfältig prüfen werden. Erst danach wollen sie entscheiden, ob sie im nächsten Monat eine Erhöhung um 25 Basispunkte vornehmen. Ein solcher Schritt wäre die dritte Zinsanhebung im aktuellen Zyklus.
Von entscheidender Bedeutung war die Feststellung der EZB-Chefin, dass die Lohnindizes noch keine alarmierende Aufwärtsspirale ausgelöst haben. „Im Moment sehen wir keine Sekundäreffekte, die über das hinausgehen, was wir in unseren Projektionen berücksichtigt haben“, sagte Lagarde. „Wir beobachten sorgfältig die zukunftsorientierten Indikatoren – mehrjährige Tarifverträge und die Lohnerwartungen der Unternehmen – und wir sehen bisher keine Anzeichen für einen Wandel.“
Eine zentrale Herausforderung für die politischen Entscheidungsträger besteht darin, ob weitere Verschärfungen das wirtschaftliche Momentum in der Eurozone gefährden könnten. Eine zusätzliche Anhebung um einen Viertel-Prozentpunkt im Dezember würde die Kreditkosten an die Obergrenze des neutralen politikbezogenen Bereichs treiben. Jenseits dieser Schwelle würden Zinssätze das Wachstum aktiv dämpfen.
Steigende Anleiherenditen üben bereits restriktiven Druck aus
Darüber hinaus übt der jüngste weltweite Anstieg der Renditen staatlicher Anleihen bereits restriktiven Druck auf die Kreditkanäle aus. Als Ursachen nennt die Quelle intensive Emissionen von Unternehmensanleihen und erhöhte Risikoaufschläge für Staatsanleihen, etwa bei den französischen 10-Jahres-OAT-Renditen. Trotz dieser gegenläufigen Strömungen bekräftigte Lagarde, dass die Tendenz weiterhin zu einer strafferen Politik gehe.
„Ich kann Ihnen heute nicht sagen, dass wir dies im Dezember mit Sicherheit tun werden“, sagte sie. „Was ich weiß, ist, dass es auf der Grundlage der heutigen Informationen erheblicher Veränderungen bedürfte, damit sich die Richtung von dem unterscheidet, was ich erwarte.“ Damit lässt die EZB-Chefin die Tür für eine Zinserhöhung im Dezember offen, ohne sie fest zuzusagen.
Die bevorstehende Zinsentscheidung fällt zusammen mit einem Führungswechsel an der Spitze der europäischen Geldpolitik. Lagarde, 70, hatte im vergangenen Monat angekündigt, im Februar 2027 zurückzutreten – neun Monate vor dem offiziellen Ende ihrer Amtszeit. Die Eurogroup bestätigte am Freitag, dass der niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der ehemalige Gouverneur der Bank of Spain, Pablo Hernández de Cos, als führende Kandidaten für ihre Nachfolge hervorgegangen sind.
Bereits am 06.11.2026 berichtete aktien.news über die Prüfung einzelner Indikatoren
Die aktuelle Debatte ist Teil einer längeren Entwicklung. Bereits am 06.11.2026 berichtete aktien.news, dass die Europäische Zentralbank eine Reihe von Indikatoren prüft, um zu entscheiden, ob im kommenden Monat eine Zinserhöhung gerechtfertigt sein könnte. Damals sagte die scheidende EZB-Präsidentin Lagarde auf einer Konferenz zur finanziellen Bildung in Mailand, dass eine lange Liste von Entscheidungsträgern, darunter die einflussreichen Leiter der deutschen und italienischen Zentralbanken, bereits signalisiert habe, dass ein weiterer Schritt im Dezember wahrscheinlich sein könnte.
Bereits am 30.10.2026 berichtete aktien.news, dass die EZB im Rahmen ihrer jüngsten Direktoriumssitzung in Frankfurt eine Zinspause eingelegt hatte. Trotz einer hartnäckig hohen Inflationsrate, die im Euroraum zuletzt auf 3,8 Prozent gestiegen war – nach 3,2 Prozent im August –, verharrten die Leitzinsen bei 2,5 Prozent. Diese Entscheidung markierte eine Zäsur nach der Anhebung im vergangenen September. Das EZB-Inflationsziel von 2,0 Prozent blieb damit in weiter Ferne.
Bereits am 08.10.2026 berichtete aktien.news unter Berufung auf eine Reuters-Umfrage unter Ökonomen, dass die EZB ihren Einlagenzins im laufenden Monat voraussichtlich bei 2,50 Prozent belassen und ihn im Dezember um 25 Basispunkte anheben werde. Grund dafür sei eine Inflation, die nahezu doppelt so hoch liege wie das 2-Prozent-Ziel der Notenbank. Die meisten befragten Volkswirte gingen bis vor Kurzem noch davon aus, dass die EZB ihre Zinserhöhungen bereits abgeschlossen habe.
Bereits am 22.06.2026 berichtete aktien.news, dass Lagarde sich vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments positioniert hatte. Der aktuelle Inflationsschock in der Eurozone erfordere zwar geldpolitische Maßnahmen, rechtfertige aber noch keine aggressive Zinspolitik. Die Inflation war zuletzt über die Marke von 3 Prozent gestiegen – ein Niveau, das die EZB bereits zu einer Zinsanhebung Anfang April veranlasst hatte.
Für Anleger bleibt die Richtung der Geldpolitik der entscheidende Faktor
Für deutsche Privatanleger ist die Richtung der Geldpolitik ein zentraler Faktor. Ein weiterer Zinsschritt im Dezember würde die Kreditkosten an die Obergrenze des neutralen Bereichs treiben, wie die Quelle beschreibt. Zugleich deuten die von Lagarde genannten Indikatoren – mehrjährige Tarifverträge und Lohnerwartungen der Unternehmen – darauf hin, dass die Notenbank ihre Entscheidung stark von der weiteren Lohnentwicklung abhängig macht.
Die bereits gestiegenen Renditen staatlicher Anleihen, etwa bei französischen 10-Jahres-OAT-Renditen, zeigen, dass restriktive Impulse bereits auf die Kreditkanäle wirken. Anleger sollten daher sowohl die Inflationsdaten als auch die Aussagen der Notenbankvertreter im Blick behalten. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Die nächste Zinsentscheidung fällt im Dezember zusammen mit dem Führungswechsel
Der Ausblick bleibt an konkrete Termine gebunden. Die nächste Zinsentscheidung der EZB steht im Dezember an, wenn die Notenbank darüber befindet, ob sie die Zinsen um 25 Basispunkte anhebt. Lagarde hat klargestellt, dass es dafür „erheblicher Veränderungen“ bedürfte, um von der erwarteten Richtung abzuweichen.
Parallel dazu läuft die Nachfolgedebatte. Lagarde will im Februar 2027 zurücktreten, neun Monate vor dem offiziellen Ende ihrer Amtszeit. Die Eurogroup bestätigte am Freitag, dass Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos als führende Kandidaten für ihre Nachfolge gelten. Wie sich der Führungswechsel auf den geldpolitischen Kurs auswirkt, ist offen.
Drei Fachbegriffe erklären die aktuelle Geldpolitik der EZB
- Einlagenzins: Der Zinssatz, den Banken erhalten, wenn sie überschüssige Gelder bei der Zentralbank parken.
- Kerninflation: Die Teuerungsrate ohne schwankungsanfällige Preise wie Energie und Lebensmittel.
- Basispunkt: Eine Maßeinheit für Zinsänderungen, wobei ein Basispunkt einem Hundertstel Prozentpunkt entspricht.
