Europäische Gaspreise unter Druck: Entspannung am Persischen Golf
TTF und NBP fallen um 3,2 Prozent – Iran legt Sieben-Tage-Plan zur Öffnung der Straße von Hormus vor.

Die europäischen Erdgaspreise haben am Freitag deutlich nachgegeben. Sowohl der niederländische TTF-Benchmark-Kontrakt als auch der britische NBP-Gaspreis verzeichneten ein Minus von jeweils 3,2 Prozent. Damit steuern beide Indizes auf einen Wochenverlust von über 8 Prozent zu – der stärkste Rückgang seit Mitte Juni.
Marktbeobachter führen diese Entwicklung auf eine Kombination aus Gewinnmitnahmen der Händler und einer abnehmenden geopolitischen Risikoprämie zurück. Auslöser für die Entspannung an den Energiemärkten sind diplomatische Signale im Kontext der Spannungen zwischen den USA und dem Iran.
Wie der iranische Außenminister Abbas Araqchi am Freitag am Rande der UN-Generalversammlung in New York erklärte, habe Teheran den USA einen „konkreten" Sieben-Tage-Plan zur Öffnung der strategisch wichtigen Straße von Hormus vorgelegt. Laut Araqchi liege die Entscheidung nun bei Washington.
Die Details
Der iranische Außenminister betonte, die erforderlichen Schritte seien bereits in einem im Juni vereinbarten Memorandum of Understanding (MOU) festgehalten. Sollten die Bedingungen erfüllt werden, könne die Schifffahrt innerhalb einer Woche normalisiert werden. Die Entscheidung über die Umsetzung liegt nach seinen Angaben bei der US-Regierung.
Diese diplomatischen Bemühungen haben die Sorgen vor einer Eskalation im Persischen Golf vorerst gedämpft. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass sich LNG-Tanker und Reedereien zunehmend auf die instabile Lage eingestellt haben, indem sie alternative maritime Routen nutzen, um Lieferunterbrechungen zu vermeiden. Dies hat die Befürchtungen eines totalen Stillstands bei den Flüssigerdgas-Lieferungen gemildert.
Trotz der kurzfristigen Entspannung bei den Gaspreisen bleibt die fundamentale Lage angespannt. Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) zeigen, dass die Gasspeicher in der Europäischen Union derzeit zu etwa 70 Prozent gefüllt sind. Dies entspricht einem Rückstand von rund 12 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahresniveau.
Experten warnen, dass diese geringeren Puffer die europäischen Versorger anfällig für plötzliche Kälteeinbrüche oder weitere Lieferstörungen machen. Die Europäische Zentralbank (EZB) bleibt daher wachsam: Die Volatilität der Großhandelspreise stellt weiterhin ein Inflationsrisiko für die Verbraucher dar, weshalb die Zentralbanker die Entwicklungen an den Energiemärkten trotz des aktuellen Preisrückgangs genau beobachten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 08.04.2026 berichtete aktien.news, dass die europäischen Erdgaspreise nach einem Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran massiv eingebrochen waren. Der richtungsweisende niederländische Frontmonatskontrakt am TTF-Hub fiel laut ICE-Daten um 14,6 Prozent auf 45,50 Euro pro Megawattstunde – der größte Tagesrückgang seit fast einem Monat. Hintergrund war die Hoffnung, dass durch den Konflikt verursachte Versorgungsengpässe behoben werden könnten, da viele europäische Länder Erdgas von Produzenten aus dem Persischen Golf beziehen, insbesondere aus Katar.
Am 06.05.2026 meldete aktien.news, dass der niederländische Frontmonatskontrakt am TTF-Hub bis 09:09 Uhr ET (13:09 Uhr GMT) um 6,7 Prozent auf 43,77 Euro pro Megawattstunde gefallen war. Zuvor war der Kontrakt sogar auf rund 41 Euro pro Megawattstunde abgerutscht, konnte jedoch einen Teil der Verluste wieder aufholen. Auslöser waren aufkeimende Hoffnungen auf ein mögliches Abkommen zur Beendigung des Krieges zwischen den USA und dem Iran. Trotz des deutlichen Rückgangs notierte der TTF-Kontrakt weiterhin klar über dem Vorkriegsniveau – Hauptgrund dafür war die anhaltende faktische Sperrung der Straße von Hormus.
Am 15.06.2026 berichtete aktien.news über einen weiteren Einbruch: Nach einem Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran sank der niederländische Frontmonatskontrakt auf 33,36 Euro pro Megawattstunde. Der britische Erdgas-Kontrakt verlor rund 6 Prozent und fiel auf 106,17 Pence pro Therm – beide Kontrakte notierten damit auf dem niedrigsten Stand seit mehr als einem Monat. Ausgelöst wurde der Preisrückgang durch eine Ankündigung von US-Präsident Donald Trump vom Sonntag, der bestätigte, dass ein vermitteltes Abkommen die Feindseligkeiten zwischen den USA und dem Iran sofort beenden sollte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger bleibt die Lage an den Gasmärkten zweigeteilt. Kurzfristig sorgen die diplomatischen Signale aus New York und die Gewinnmitnahmen der Händler für fallende Preise, was die Belastung für Verbraucher und energieintensive Unternehmen zunächst dämpfen kann. Die fundamentale Situation ist jedoch angespannt: Mit einer Speicherfüllung von etwa 70 Prozent liegt die EU rund 12 Prozentpunkte unter dem Vorjahresniveau.
Diese geringeren Reserven machen den Markt anfällig für Rückschläge. Sollte die Schifffahrt durch die Straße von Hormus nicht wie geplant normalisiert werden oder ein plötzlicher Kälteeinbruch die Nachfrage treiben, könnten die Preise schnell wieder steigen. Die EZB beobachtet die Volatilität der Großhandelspreise ausdrücklich als Inflationsrisiko. Anleger sollten daher die weitere Entwicklung der Speicherstände und die Umsetzung des Sieben-Tage-Plans aufmerksam verfolgen.
Bemerkenswert ist die Häufung ähnlicher Preisbewegungen in diesem Jahr. Bereits dreimal – im April, Mai und Juni – reagierten die europäischen Gasmärkte mit teils deutlichen Abschlägen auf Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen Washington und Teheran. Der aktuelle Wochenverlust von über 8 Prozent reiht sich damit in ein Muster ein, in dem geopolitische Nachrichten die Preise kurzfristig stark bewegen, während die strukturelle Versorgungslage angespannt bleibt.
Ausblick
Entscheidend ist nun, ob Washington den von Teheran vorgelegten Sieben-Tage-Plan zur Öffnung der Straße von Hormus annimmt. Nach Angaben von Außenminister Araqchi könne die Schifffahrt innerhalb einer Woche normalisiert werden, sofern die im Juni vereinbarten Bedingungen des Memorandum of Understanding erfüllt werden. Die Entscheidung liegt bei den USA.
Bis dahin bleibt die Lage fragil. Die EU-Gasspeicher sind zu etwa 70 Prozent gefüllt, und Experten warnen vor den Folgen weiterer Lieferstörungen oder eines Kälteeinbruchs. Die EZB wird die Energiemärkte weiterhin genau beobachten, da die Volatilität der Großhandelspreise ein Inflationsrisiko für die Verbraucher darstellt.
Kurz erklärt
- TTF: Der niederländische Handelsplatz für Erdgas, dessen Preise als richtungsweisend für den europäischen Markt gelten.
- NBP: Der britische Erdgas-Handelspunkt, an dem sich der Großhandelspreis für das Vereinigte Königreich bildet.
- LNG: Flüssigerdgas, das per Schiff transportiert wird und eine zentrale Rolle für Europas Energieversorgung spielt.
- Memorandum of Understanding: Eine Absichtserklärung zwischen Staaten, in der gemeinsame Schritte festgehalten werden.
