Deutsche Wirtschaft zwischen Handelschaos und vorsichtiger Erholung
Neue US-Zölle erschüttern Exportbranchen, während der Ifo-Index auf den höchsten Stand seit August steigt.

Die deutsche Wirtschaft steht im Februar 2026 unter dem Druck widersprüchlicher Kräfte: Während sich die Binnenstimmung aufhellt, sorgt ein erneuter handelspolitischer Schock aus den USA für Turbulenzen an den Finanzmärkten. Der US-Supreme-Court hatte Präsident Trumps bisherige Globalzölle für ungültig erklärt – woraufhin Trump umgehend eine neue Pauschalabgabe von 15% auf alle Importe verhängte, gestützt auf den Trade Act von 1974. Diese Rate gilt als gesetzliches Maximum für 150 Tage, bevor der Kongress zustimmen muss.
Die Reaktion der europäischen Märkte war unmittelbar: Der DAX fiel, der Euro gab gegenüber dem Dollar nach, und die Risikobereitschaft der Anleger sank spürbar. Gold legte als sicherer Hafen zunächst zu, baute die Gewinne aber wieder ab. Bitcoin geriet ebenfalls unter Verkaufsdruck.
Europäische Politiker schlugen Alarm. Das Handelskomitee des Europäischen Parlaments berief eine Notfallsitzung ein; einzelne Vertreter forderten, die Ratifizierung des US-EU-Handelsabkommens bis zur Klärung der Rechtslage auszusetzen. Bundeskanzler Merz kündigte an, bei seinem bevorstehenden Besuch im Weißen Haus eine gemeinsame europäische Position zu präsentieren. Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken warnte vor erheblichen wirtschaftlichen Risiken für beide Seiten des Atlantiks.
Exportbranchen unter Druck
Der Maschinenbau – ein Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft – verzeichnete 2025 das dritte Produktionsjahr in Folge mit Rückgang. Die Ausfuhren sanken nominell um 1,8%, preisbereinigt sogar um 3,3%. Der Branchenverband VDMA nannte US-Zölle und schwaches China-Geschäft als Hauptursachen. Exporte in die USA brachen um 8,0% ein, jene nach China um 8,2%. Die VDMA fordert die Politik auf, Freihandelsabkommen mit Mercosur, Indien und Indonesien zügig zu ratifizieren, um Arbeitsplätze zu sichern.
Ein deutlich positiveres Bild zeigt dagegen die Elektro- und Digitalindustrie: Sie erzielte 2025 einen Exportrekord von 257,5 Milliarden Euro, ein Plus von 5,1% gegenüber 2024. Bemerkenswert: Trotz Rückgängen in den USA (-3,0%) und China (-6,2%) überholten die Vereinigten Staaten China erstmals seit einem Jahrzehnt als größten Abnehmer deutscher Elektronikprodukte. Das Wachstum stützte sich vor allem auf europäische Märkte.
Ifo-Index auf höchstem Stand seit August
Am Binnenmarkt hellt sich die Stimmung auf. Das Ifo-Geschäftsklimaindex kletterte im Februar auf 88,6 Punkte, nach 87,6 im Januar – der höchste Wert seit August. Ifo-Präsident Clemens Fuest sprach von ersten Erholungszeichen der deutschen Wirtschaft. Als Treiber gelten die anlaufenden staatlichen Konjunkturprogramme und eine verbesserte Einschätzung der aktuellen Geschäftslage.
Diese Tendenz wird durch weitere Daten gestützt: Die Industrieaufträge im Dezember überraschten positiv, und die Einkaufsmanagerindizes (PMI) zeigen erstmals seit dreieinhalb Jahren wieder eine Ausweitung im verarbeitenden Gewerbe.
Auf der Seite der Infrastruktur und Arbeitsmärkte gibt es hingegen Kritik. An deutschen Flughäfen häuften sich Qualitätsmängel: Am Münchner Flughafen saßen 500 Passagiere nach Flugausfällen stundenlang im Flieger, weil keine Busse zum Terminal verfügbar waren. Dabei sind die deutschen Flughafengebühren seit 2019 um fast 40% gestiegen – ein Missverhältnis, das dem Ruf des Wirtschaftsstandorts schadet.
Bei der Deutschen Bahn laufen derweil entscheidende Tarifverhandlungen mit der GDL. Die Bahn bietet 3,8% Lohnerhöhung in zwei Stufen, 2,2% über Tarifsystemanpassungen sowie eine Einmalzahlung von 400 Euro. Strittig bleibt die Laufzeit: Die Bahn will 30 Monate, die GDL besteht auf 12 Monaten.
Technologie und Branchentrends
In der Automobilindustrie entbrennt eine Debatte über autonomes Fahren der Stufe 3 ("eyes-off"). Während Ford L3 bis 2028 in erschwingliche Elektrofahrzeuge integrieren will, haben Mercedes-Benz und Stellantis ihre L3-Ambitionen angesichts von Entwicklungskosten von bis zu 1,5 Milliarden Dollar, technologischen Hürden und geringer Nachfrage zurückgefahren. Ungeklärte Haftungsfragen bei Unfällen bremsen die Branche zusätzlich.
Im Bereich Künstliche Intelligenz steht der Energieverbrauch im Fokus. Rechenzentrumsbetreiber konsumierten 2023 bereits so viel Strom wie Deutschland oder Frankreich. OpenAI-Chef Sam Altman räumte den Energiebedarf als legitimes Problem ein und forderte einen schnellen Ausbau von Kernkraft, Wind- und Solarenergie. Schließlich sieht sich die Grüninvestmentfirma ThomasLloyd mit einem Insolvenzverfahren konfrontiert – ein Warnsignal für den nachhaltigen Investmentmarkt.
