China setzt auf Dienstleistungssektor: Wintersport als Blaupause für Konjunkturprogramm
Peking lenkt Investitionen von Infrastruktur in Dienstleistungen um – Skigebiete zeigen Chancen und Risiken

Die chinesische Regierung vollzieht eine bedeutende wirtschaftspolitische Wende. Nach Jahren massiver Investitionen in Infrastruktur, Immobilien und Industrie richtet Peking den Fokus nun auf den Dienstleistungssektor. Als Vorbild dient die boomende Wintersportbranche rund um das Skigebiet Chongli, etwa 200 Kilometer nördlich von Peking.
Luo Li, Betreiber des Wanlong-Skiresorts, erlebte diese Transformation hautnah. Vor zwei Jahrzehnten hatte sein Skigebiet mehr Personal als Gäste. Heute beschäftigt er 1.200 Mitarbeiter und empfängt 600.000 Besucher jährlich. Der Wendepunkt kam mit den Olympischen Winterspielen 2022, die neue Verkehrsinfrastruktur in die Region brachten und sieben weitere Skigebiete anlockten.
"Agglomerationseffekte sind wirklich entscheidend", erklärt der 64-Jährige. "Als ich hier das einzige Skigebiet war, war es sehr schwer, allein Menschen anzuziehen." Nach der Aufhebung der COVID-19-Beschränkungen Anfang 2023 strömten die Massen – Wanlong ist nun das zweite Jahr in Folge profitabel.
Neue Strategie gegen schwache Binnennachfrage
Die Neuausrichtung zielt darauf ab, die chronisch schwache Verbrauchernachfrage anzukurbeln. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Dienstleistungen liegt in China bei nur 46,1 Prozent – in den USA sind es 70 Prozent. Peking hofft, durch den Ausbau von Dienstleistungsangeboten latente Nachfrage freizusetzen.
Lokale Behörden haben bereits konkrete Pläne vorgelegt: Die nördlichen Provinzen Jilin und Hebei bauen Wintersportanlagen aus, Henan forciert die "Nachtwirtschaft" mit Bars und Konzerten, die Insel Hainan fördert Yachtsport und Medizintourismus. Peking selbst setzt auf Bildung, Gesundheit sowie Alten- und Kinderbetreuung.
Die "Eis- und Schnee-Wirtschaft" soll von einer Billion Yuan 2025 auf 1,5 Billionen Yuan (217 Milliarden Dollar) im Jahr 2030 wachsen. Chongli selbst verzeichnete in den letzten fünf Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent jährlich – deutlich über dem nationalen Durchschnitt.
Risiko der Überkapazitäten
Analysten warnen jedoch vor den Risiken dieser Strategie. China nutzt das alte angebotsorientierte Modell nach dem Motto "Baut es, und sie werden kommen". Dieses Vorgehen hatte zwar den Aufstieg von Megastädten wie Shenzhen begünstigt, führte aber auch zu massiven Überkapazitäten in der exportorientierten Industrie.
"In China mangelt es nicht an Beispielen, in denen Überinvestitionen letztlich zu unterausgelasteten oder aufgegebenen Vermögenswerten führten", warnt Tommy Xie, Leiter der Asien-Makroforschung bei der OCBC Bank. Fred Neumann von HSBC ergänzt: "Das Risiko besteht darin, dass eine übermäßige Förderung des Angebots auch zu Überkapazitäten führen kann."
Zudem fehlt es an flankierenden Maßnahmen für das Einkommenswachstum, das seit Jahren hinter der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung zurückbleibt. Verschuldete Lokalregierungen haben nach COVID die Gehälter gekürzt, Hersteller senkten Löhne aufgrund von Preiskämpfen.
"Skifahren für Arme" als Trend
Die Auswirkungen zeigen sich in den sozialen Medien. Der Hashtag "Skifahren für Arme" ist populär geworden – Nutzer teilen Tipps für gebrauchte Ausrüstung und günstige Winterkleidung. Collinder Chen aus Guangzhou, die im Kultursektor arbeitet, begrenzte ihre Ausgaben für einen fünftägigen Skitrip auf 6.000 Yuan. "Skifahren als regelmäßiger Sport ist definitiv ziemlich teuer", sagt die 32-Jährige.
Trotzdem profitieren viele Einheimische vom Boom. Die 23-jährige Skilehrerin Yan Jingyi verdient monatlich über 10.000 Yuan – mehr als Berufseinsteiger in fast jeder anderen Branche. Taxifahrer Ren Bing erhält 9.000 Yuan, ein Drittel mehr als zuvor als Lkw-Fahrer in Peking. "Das Leben ist viel besser als früher", bestätigt Ren.
Ökonomen wie Louis Kuijs von S&P Global Ratings plädieren für mehr Zurückhaltung des Staates: "Wenn das Investitionsklima stimmt, kann und sollte die Regierung dies dem Privatsektor überlassen." Die jährliche Parlamentssitzung ab 5. März wird zeigen, wie konkret Peking seine Dienstleistungsstrategie ausgestaltet.
