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BenQ-Insolvenz 2006: Wie Siemens seine Handysparte verlor

Am 29. September 2006 meldet BenQ Mobile Insolvenz an – 3000 deutsche Mitarbeiter betroffen, Siemens verkaufte die Sparte ein Jahr zuvor.

• 4 Min
BenQ-Insolvenz 2006: Wie Siemens seine Handysparte verlor

Am 29. September 2006 endet ein Kapitel deutscher Industriegeschichte mit einem Insolvenzantrag. BenQ Mobile meldet Zahlungsunfähigkeit an – jenes Unternehmen, das nur gut ein Jahr zuvor das Handygeschäft von Siemens übernommen hatte. Betroffen sind rund 3000 Mitarbeiter in Deutschland, verteilt auf die Zentrale in München, die Produktion in Kamp-Lintfort und die Reparatur in Bocholt.

Der Verkauf der Handysparte war 2005 von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld verkündet worden. Die verlustreiche Sparte sollte an den taiwanischen BenQ-Konzern gehen – begleitet von einer Mitgift in dreistelliger Millionenbetragshöhe. Im Gegenzug durfte BenQ den Markennamen Siemens fünf Jahre lang weiter nutzen.

Öffentlich wurde der Schritt als Befreiungsschlag dargestellt. Kleinfeld sprach vom "Glück für die Mitarbeiter". Aus heutiger Sicht liest sich diese Einschätzung anders: Nur ein gutes Jahr nach der Übertragung stand die deutsche Belegschaft vor dem Aus.

Die Details

Der entscheidende Hebel lag bei BenQ selbst. Konzernchef Kuen-Yao Lee stoppte weitere Zahlungen an die deutsche Tochter – er nannte als Grund knapp "Weitere Finanzspritzen". Ohne diese Mittel war die Fortführung des Geschäfts nicht mehr darstellbar. Der Schritt traf eine Belegschaft, die zuvor auf den Erhalt der Standorte vertraut hatte.

Die Vorgeschichte reicht weiter zurück. Schon Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer hatte die Richtung vorgegeben. Sein Satz "Sanieren, verkaufen oder schließen." bringt die damalige Logik auf den Punkt. Seine letzte Jahrespressekonferenz hatte Pierer im November 2004 bestritten – zu einem Zeitpunkt, als die Weichen im Handygeschäft längst auf Abschied standen.

Technologisch hatte Siemens den Anschluss verloren. Trends zu Kameras, MP3-Playern und Farbdisplays wurden verpasst, der Einstieg in neue Geräteklassen kam zu spät. Nokia und Motorola teilten den Weltmarkt unter sich auf. Auch eine neue Optik für die Siemens-Handys änderte nichts: Die Verluste stiegen weiter, der Marktanteil sank.

Die Stimmung in der Belegschaft entlud sich in Protesten. Vor der Münchner Zentrale zeigten Beschäftigte die "Rote Karte", in Dortmund war die Parole "Danke Siemens BenQ" zu hören. Der Unmut richtete sich gegen beide Konzerne – gegen den Verkäufer wie gegen den Käufer.

Nach der Insolvenz übernahm Insolvenzverwalter Martin Prager das Verfahren. Er klagte gegen Siemens und frühere Manager des Unternehmens. Parallel spekulierten Beobachter über ein abgekartetes Spiel und ein Interesse an Know-how und Markenrechten. Für die Gläubiger endete die Sache vergleichsweise glimpflich: Sie erhielten 98 Prozent ihrer Forderungen zurück. Bis zum Abschluss des Verfahrens vergingen allerdings zehn Jahre.

Was das für Anleger bedeutet

Der Fall zeigt, wie teuer ein verspäteter Ausstieg aus einem strukturell defizitären Geschäft werden kann. Siemens trennte sich von der Handysparte, zahlte dafür eine Mitgift und räumte dem Käufer zusätzlich Markenrechte ein. Wer damals Siemens-Aktien hielt, musste die Belastung aus dem Verlustgeschäft, die Kosten des Ausstiegs und einen langwierigen Rechtsstreit verkraften.

Für Privatanleger lohnt deshalb der Blick auf drei Punkte, wenn Konzerne Randgeschäfte abstoßen. Erstens: Wie viel Geld zahlt der Verkäufer mit, damit der Käufer übernimmt? Zweitens: Welche Rechte – etwa am Markennamen – gibt er zusätzlich ab? Drittens: Bleiben Haftungsrisiken aus der Zeit vor dem Verkauf beim Verkäufer hängen? Genau diese Konstellation prägte den weiteren Verlauf bei Siemens.

Bemerkenswert ist die Gläubigerquote von 98 Prozent. Sie zeigt, dass eine Insolvenz nicht zwangsläufig mit Totalverlust für die Gläubiger enden muss – vorausgesetzt, es gibt verwertbares Vermögen und eine wirksame Verwalterarbeit. Gleichzeitig belegt die Verfahrensdauer von zehn Jahren, dass sich solche Prozesse über sehr lange Zeiträume ziehen können. Der Ruf von Siemens blieb nach dem BenQ-Desaster jedenfalls lange beschädigt, wie die Quelle festhält.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Marke. Mit der fünfjährigen Lizenz zur Nutzung des Namens Siemens kaufte BenQ kein Produkt, sondern vor allem Vertrauen. Anleger sollten bei ähnlich gelagerten Transaktionen prüfen, ob ein Unternehmen vor allem Technologie, Produktionskapazität oder aber die Strahlkraft eines Namens erwirbt. Im Fall der Siemens-Handys reichte die Marke nicht aus, um die Ertragsschwäche auszugleichen.

Ausblick

Das Insolvenzverfahren von BenQ Mobile ist nach den vorliegenden Angaben abgeschlossen – nach zehn Jahren Laufzeit und mit einer Rückzahlung von 98 Prozent an die Gläubiger. Offen bleibt der Fortgang der Klage, die Insolvenzverwalter Martin Prager gegen Siemens und frühere Manager angestrengt hat. Ergebnisse sind in der Quelle nicht benannt, ebenso wenig weitere Termine oder Vergleichsvorschläge.

Für Anleger heißt das: Der wirtschaftliche Kern des Falls ist abgearbeitet, die juristische Aufarbeitung aber nicht zwingend abgeschlossen. Neue Belastungen für Siemens können nur entstehen, wenn aus den laufenden Verfahren Zahlungen oder Rückstellungen resultieren. Die Quelle nennt dazu keine konkreten Beträge oder Fristen. Eine belastbare Einschätzung ist daher erst möglich, wenn zu den Verfahren neue Informationen vorliegen.

Kurz erklärt

  • Insolvenz: Gerichtliches Verfahren, in dem das Vermögen eines zahlungsunfähigen Unternehmens verwertet und an die Gläubiger verteilt wird.
  • Gläubigerquote: Anteil der angemeldeten Forderungen, der im Insolvenzverfahren tatsächlich zurückgezahlt wird.
  • Mitgift: Geldbetrag, den ein Verkäufer dem Käufer mitgibt, damit dieser ein defizitäres Geschäft überhaupt übernimmt.
  • Markenlizenz: Vereinbarung, die einem Käufer erlaubt, den Namen und die Marke des Verkäufers zeitlich befristet weiter zu verwenden.
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