BASF prüft milliardenschwere Übernahme von Evonik
Der Chemieriese BASF bestätigt Sondierungsgespräche mit Evonik – ein möglicher Paukenschlag für die europäische Chemiebranche.

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF plant eine mögliche milliardenschwere Übernahme des Essener Spezialchemieherstellers Evonik. Beide Unternehmen bestätigten am Freitag Sondierungsgespräche, die eine tiefgreifende Neuordnung der europäischen Chemiebranche einleiten könnten. Während Evonik von einer „unverbindlichen Ansprache" für ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot berichtete, betonte BASF, dass der Ausgang der Gespräche derzeit offen sei.
An der Börse löste die Nachricht heftige Reaktionen aus. Die BASF-Aktie verlor 3,6 Prozent und bildete das Schlusslicht im DAX, während die Evonik-Papiere um 7,2 Prozent zulegten und die Spitze des MDax übernahmen. Die deutliche Kursdifferenz spiegelt die unterschiedliche Erwartungshaltung der Anleger: Während Evonik-Aktionäre auf eine attraktive Prämie im Fall eines Übernahmeangebots hoffen, fürchten BASF-Investoren zunächst um die Bewertung und die Finanzierung des Zukaufs.
Eine zentrale Rolle bei der Transaktion kommt der RAG-Stiftung zu, die rund 43 Prozent der Evonik-Anteile hält. Die Stiftung, die für die Folgekosten des Steinkohlebergbaus haftet, verfolgt das Ziel, ihre Abhängigkeit von der Chemieindustrie zu reduzieren und ihren Anteil perspektivisch auf 25,1 Prozent zu senken. Ohne das Einvernehmen des Essener Großaktionärs wäre ein milliardenschwerer Zusammenschluss kaum realistisch.
Strategische Logik hinter dem Vorstoß
Experten bewerten den Vorstoß als logische Reaktion auf den hohen Wettbewerbsdruck und die Überkapazitäten in Europa. Arne Rautenberg von Union Investment sieht in dem komplementären Produktportfolio eine Chance für BASF, sich in der Spezialchemie stärker aufzustellen. Auch Linus Vogel von Deka unterstreicht die strategische Nachvollziehbarkeit: Neben Synergieeffekten in der Verwaltung mache die vergleichsweise niedrige Bewertung Evonik zu einem attraktiven Partner. Beide Argumente deuten darauf hin, dass es sich weniger um eine Größen- als um eine Portfolio-Entscheidung handelt.
Für BASF-Chef Markus Kamieth, der den Konzern seit zweieinhalb Jahren führt, wäre eine Übernahme von Evonik einer der größten Zukäufe der Firmengeschichte. Kamieth verfolgt einen strikten Sparkurs („CoreShift"), um die Fixkosten bis 2029 um 20 Prozent zu senken. Im Zuge dieser Strategie hat sich BASF bereits von Randbereichen wie dem Geschäft mit Fahrzeuglacken getrennt und plant für 2027 den Börsengang der Agrarsparte. Ziel ist es, durch den Verkauf von Unternehmensteilen Schulden abzubauen und strategischen Spielraum für profitables Wachstum zu gewinnen.
Evonik im Umbruch
Parallel dazu befindet sich Evonik in einem tiefgreifenden Umbau. Unter der Führung des Interims-Chefs Claus Rettig – der den erkrankten Konzernchef Christian Kullmann vertritt – plant das Unternehmen die Trennung von den Töchtern Oxeno und Syneqt sowie den Abbau von bis zu 10.000 Stellen bis 2029. Trotz der Krise hob Evonik zuletzt die Jahresprognose an, gestützt durch eine „Sonderkonjunktur" infolge von Lieferengpässen asiatischer Wettbewerber nach dem Iran-Krieg. Die Kombination aus Restrukturierung und verbesserter Ertragslage könnte den Essenern in den Gesprächen mit BASF zusätzliche Verhandlungsmacht verleihen.
Ein Zusammenschluss, der einen gemeinsamen Jahresumsatz von rund 75 Milliarden Euro bedeuten würde, wäre ein Wendepunkt für den Standort Europa. Während BASF seinen globalen Spitzenplatz beim Umsatz langfristig an chinesische Konkurrenten wie Sinopec zu verlieren droht, betont Kamieth, dass Größe kein Selbstzweck sei. Vielmehr stehe die Steigerung des Unternehmenswertes im Vordergrund, wobei Akquisitionen gegenüber dem Bau eigener Großanlagen zunehmend an Attraktivität gewonnen haben.
Was Anleger beachten sollten
Für deutsche Privatanleger ist die Gemengelage anspruchsvoll. Auf der einen Seite lockt bei Evonik die Aussicht auf ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot mit möglicher Prämie, auf der anderen Seite steht das Risiko, dass die Gespräche ergebnislos enden. Bei BASF wiederum hängt viel davon ab, zu welchem Preis ein Zukauf gelingt und wie schnell die avisierten Synergien greifen. Klar ist: Der Ausgang der Sondierungsgespräche ist offen – und damit auch die Frage, ob aus dem Paukenschlag tatsächlich eine der größten Transaktionen der deutschen Chemiegeschichte wird.
