Attestor übernimmt restliche 49 Prozent an Condor von Bund und Hessen
Der Finanzinvestor Attestor zieht seine Kaufoption und wird alleiniger Eigentümer der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft.

Bund und Land Hessen ziehen sich vollständig aus der Condor Fluggesellschaft zurück. Der bisherige Mehrheitseigentümer Attestor übernimmt die verbleibenden 49 Prozent der Anteile, die bislang über die SG Luftfahrtgesellschaft gehalten wurden. Damit endet das staatliche Engagement, das einst in einer Ausnahmesituation begann.
Attestor zieht dabei eine Kaufoption, die bereits beim Einstieg des Investors im Jahr 2021 vereinbart worden war. Finanzielle Details zur Transaktion nannte Condor nicht. Das Unternehmen teilte lediglich mit: „Der Vollzug der Übernahme (Closing) ist zum Stichtag 31. August 2027 geplant."
Die Details
Die Übernahme der restlichen 49 Prozent ist für Ende August 2027 vorgesehen. Bund und Hessen hatten ihre Anteile bislang gemeinsam über die SG Luftfahrtgesellschaft gehalten. Mit dem Closing wird Attestor zum alleinigen Gesellschafter von Condor — der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft.
Parallel zur Neuordnung der Eigentümerstruktur hat Condor seinen Firmensitz von Neu-Isenburg zurück nach Frankfurt verlegt. Die Sitzverlegung nach Neu-Isenburg war seinerzeit aus Kostengründen erfolgt; die Rückkehr nach Frankfurt unterstreicht den strategischen Neuanfang der Airline.
Operativ läuft das Geschäft: Im Geschäftsjahr 2024/25, das am 30. September endete, beförderte Condor gut 9,6 Millionen Passagiere — ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das operative Ergebnis (EBIT) kletterte um ein Viertel auf 151 Millionen Euro. Dennoch wies die Airline unter dem Strich einen Verlust von 110,43 Millionen Euro aus, der sich im Vergleich zum Vorjahr um 13,7 Prozent ausweitete.
Dieser Widerspruch zwischen starkem operativem Ergebnis und hohem Nettoverlust erklärt sich durch zwei strukturelle Belastungen: interne Darlehenszinsen, die Condor an den Eigentümer Attestor zahlt, sowie ungünstige Leasing-Bewertungen für die jungen Flugzeuge der erneuerten Flotte. Hinzu kommen gestiegene Spritpreise infolge der angespannten Lage am Persischen Golf, die die gesamte Airline-Branche trifft.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 9. April 2026 berichtete aktien.news ausführlich über Condors Transformation: Aus dem einstigen Ferienflieger ist ein vollwertiger Drehkreuz-Betreiber am Frankfurter Flughafen geworden. Täglich verbindet die Airline in mehreren Wellen 13 europäische Metropolen mit Frankfurt und füllt darüber ihre Langstreckenflüge. Das Passagierwachstum von 13 Prozent auf rund 9,6 Millionen ist eng mit diesem neuen Zubringernetz verknüpft.
Der Ausgangspunkt des staatlichen Engagements liegt in einer doppelten Krise: Nach der Insolvenz des Reisekonzerns Thomas Cook und den Verwerfungen durch die Corona-Pandemie sprangen Bund und Land Hessen ein, um Condor zu retten. Die Staatshilfen wurden im Frühjahr 2026 vorzeitig zurückgezahlt — darunter ein KfW-Kredit über 175 Millionen Euro. Damit hat Condor seine Schulden gegenüber der öffentlichen Hand vollständig beglichen, bevor der Staat nun auch seine Eigenkapitalbeteiligung abgibt.
Ein weiterer wichtiger Einschnitt war die Kündigung des Zubringervertrags durch Lufthansa. Seitdem baut Condor ein eigenes Städteflugnetz auf, das als Zubringer für das Drehkreuz Frankfurt dient. Dieser Schritt war strategisch notwendig, um die Langstreckenflüge auszulasten — und er zeigt Wirkung, wie die Passagierzahlen belegen.
Was das für Anleger bedeutet
Condor ist nicht börsennotiert, weshalb Privatanleger die Aktie nicht direkt kaufen können. Dennoch ist die Entwicklung des Unternehmens für den deutschen Luftverkehrsmarkt relevant — und damit indirekt auch für Investoren, die in börsennotierte Fluggesellschaften oder Flughafenbetreiber investiert sind.
Die vollständige Übernahme durch Attestor schafft klare Eigentumsverhältnisse. Für ein Unternehmen ist eine eindeutige Gesellschafterstruktur in der Regel vorteilhaft: Entscheidungen können schneller getroffen werden, und es gibt keine divergierenden Interessen zwischen staatlichen und privaten Anteilseignern. Gleichzeitig entfällt mit dem Rückzug des Staates ein implizites Sicherheitsnetz.
Die strukturellen Verluste trotz starkem operativem Ergebnis verdienen besondere Aufmerksamkeit. Interne Zinszahlungen an den Eigentümer und Leasing-Bewertungen drücken das Nettoergebnis erheblich. Das ist ein Muster, das bei fremdfinanzierten Übernahmen durch Finanzinvestoren häufig zu beobachten ist und nicht zwingend auf operative Schwäche hindeutet — aber die Schuldenlast im Blick behalten lässt.
Condor-Chef Peter Gerber erwartet weiter steigende Ticketpreise. Das ist für Verbraucher eine Belastung, kann für Airlines aber die Marge verbessern — sofern die Nachfrage stabil bleibt. Die gestiegenen Spritpreise infolge der Lage am Persischen Golf belasten die gesamte Branche und könnten den Preisdruck auf Tickets weiter erhöhen.
Ausblick
Der entscheidende Termin ist der 31. August 2027: An diesem Stichtag soll das Closing der Übernahme vollzogen werden. Attestor wird dann alleiniger Eigentümer von Condor sein. Bis dahin bleibt die aktuelle Gesellschafterstruktur mit Bund und Hessen formal bestehen.
Strategisch will Condor sein Städteflugnetz als Zubringer für das Drehkreuz Frankfurt weiter ausbauen — ein notwendiger Schritt, nachdem Lufthansa den bisherigen Zubringervertrag gekündigt hat. Die erneuerte Langstreckenflotte und der ausgebaute Kurz- und Mittelstreckenbereich sollen die Grundlage für weiteres Wachstum bilden.
Gerber äußerte sich Ende August bei einer Luftverkehrsveranstaltung in Frankfurt und rechnet mit anhaltend steigenden Ticketpreisen. Ob und wann Condor den Nettoverlust in einen Nettogewinn umkehren kann, hängt maßgeblich von der Entwicklung der Spritpreise, der Zinslast und der weiteren Passagierentwicklung ab.
Kurz erklärt
- Kaufoption: Vertraglich vereinbartes Recht, einen Anteil zu einem vorab festgelegten Zeitpunkt zu erwerben, ohne dazu verpflichtet zu sein.
- EBIT: Operatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern, das die reine Geschäftstätigkeit eines Unternehmens abbildet.
- Closing: Der formale Abschluss einer Unternehmenstransaktion, bei dem Anteile und Gegenleistung tatsächlich übertragen werden.
