Übernahmespekulationen: BASF prüft Einstieg bei Chemie-Konkurrent Evonik
Der weltgrößte Chemiekonzern sondiert eine Übernahme des Essener Wettbewerbers und hat bereits Gespräche mit der RAG-Stiftung geführt.

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF lotet einer möglichen Übernahme seines deutschen Wettbewerbers Evonik Industries aus. Wie unter anderem die „Financial Times" und das „Handelsblatt" unter Berufung auf informierte Kreise berichten, hat BASF bereits erste Sondierungsgespräche mit dem Evonik-Management sowie dem Hauptaktionär, der RAG-Stiftung, geführt. Die Stiftung hält einen entscheidenden Anteil von 44 Prozent an dem Essener Unternehmen.
Ein Zusammenschluss würde eine bedeutende Konsolidierung der europäischen Chemiebranche einleiten. BASF, mit einer Marktkapitalisierung von rund 47 Milliarden Euro, hat laut Medienberichten bereits seit Jahresbeginn Banken konsultiert, um eine mögliche Transaktionsstruktur zu prüfen. Evonik wird derzeit mit etwa 8,4 Milliarden Euro bewertet; der Unternehmenswert inklusive Nettoverschuldung beläuft sich auf rund 12 Milliarden Euro.
Ein konkretes, bindendes Übernahmeangebot liegt nach Angaben von Evonik derzeit nicht vor. Das Unternehmen bestätigte lediglich den Erhalt einer „unverbindlichen" Anfrage und betonte, dass aktuell keine Gespräche stattfänden.
Strategie der Portfolio-Bereinigung
Für BASF-Chef Markus Kamieth fügt sich der Vorstoß in eine Strategie der Portfolio-Bereinigung und Effizienzsteigerung. Der Konzern hat zuletzt den Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung an seiner Autolacksparte für 7,7 Milliarden Euro an Carlyle abgeschlossen und bereitet für 2027 den Börsengang seiner Agrarsparte vor.
Ziel der Konsolidierung ist es, einen global schlagkräftigen Champion zu schaffen, der sich besser gegen Konkurrenten wie Sinopec oder Dow behaupten kann. Die kombinierten Umsätze beider Unternehmen beliefen sich im vergangenen Jahr auf rund 75 Milliarden Euro.
Die Reaktion an der Börse war deutlich: Evonik-Aktien legten zeitweise um über 10 Prozent zu und erreichten den höchsten Stand seit Mai 2025. BASF-Papiere gaben hingegen leicht nach.
Kartellrechtliche Hürden und offene Fragen
Analysten und Marktbeobachter weisen darauf hin, dass eine Übernahme nicht nur eine hohe Prämie erfordern würde, sondern auch kartellrechtliche Hürden überwinden müsste. Dennoch signalisieren europäische Regulierungsbehörden zunehmend Offenheit für regionale Zusammenschlüsse, um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Beide Konzerne kämpfen derzeit mit einem schwierigen makroökonomischen Umfeld, geprägt von volatilen Energiekosten und schwacher Nachfrage. Evonik befindet sich unter dem Interims-Chef Claus Rettig in einem tiefgreifenden Umbauprozess. Erst kürzlich kündigte der Konzern den Abbau von rund 3.200 Stellen bis 2029 an, um die Profitabilität zu steigern.
Während die Branche unter hohen Kosten leidet, konnte Evonik zuletzt von Lieferengpässen asiatischer Wettbewerber profitieren, die unter den Folgen des Iran-Konflikts leiden, was zu einer Anhebung der Jahresprognose führte. Ob die Gespräche in eine definitive Vereinbarung münden, bleibt offen.
Der Erfolg des Vorhabens hängt maßgeblich von der Zustimmung der RAG-Stiftung sowie der Überzeugungsarbeit bei den Evonik-Aktionären ab, die eine klare strategische Logik und eine angemessene Bewertung fordern dürften. Für Anleger bleibt die Lage zunächst spekulativ: Ein bindendes Angebot steht aus, und Evonik selbst dementiert laufende Gespräche.
