Wells Fargo senkt S&P-500-Ziel und warnt vor 10 Prozent Kursrisiko
US-Großbank senkt Jahresendziel auf 7.700 Punkte und sieht Anleger so optimistisch wie seit 1969 nicht.

Die US-Großbank Wells Fargo hat ihr Kursziel für den S&P 500 zum Jahresende 2026 von 7.950 auf 7.700 Punkte gesenkt. Die Analysten unter der Leitung von Ohsung Kwon begründen dies mit einer vorsichtigeren Markteinschätzung und sehen kurzfristig ein Abwärtsrisiko von fünf bis zehn Prozent.
Trotz der Zielsenkung haben die Analysten ihre Prognosen für den Gewinn je Aktie (EPS) angehoben: Für 2027 erwarten sie nun 425 Dollar, für 2028 sogar 460 Dollar. Dennoch sind sie der Ansicht, dass sich die Märkte in den „letzten Phasen des Zyklus“ befinden. Dies spreche für eine Multiplikumskompression und nicht für weitere gewinngetriebene Kurssteigerungen.
Sektorale Neuausrichtung und Rekordallokation
Im Zuge der Neuausrichtung stufte Wells Fargo den Technologiesektor von „Overweight“ auf „Equal Weight“ herab. Gleichzeitig hob der Broker den Gesundheitssektor von „Equal Weight“ auf „Overweight“ an. Dies signalisiert eine vorsichtigere Haltung gegenüber Tech-Werten, die in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Rallye beigetragen hatten.
Ein besonders auffälliger Punkt ist die aktuelle Aktienallokation der Anleger. Wells Fargo schätzt, dass diese bei 72 Prozent liegt – dem höchsten Stand seit 1969. Da die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen sich der Fünf-Prozent-Marke nähert, berechnet der Broker, dass die faire Aktienallokation eher bei 60 Prozent liegen sollte. Die daraus resultierende Lücke von zwölf Prozentpunkten bezeichnen die Analysten als „die breiteste negative Lücke seit 1969“ – noch breiter als während der Tech-Blase.
Übermäßige Gewinne und Liquiditätswende
Das Team betont zudem, dass amerikanische Unternehmen „übermäßig verdienen“. Das annualisierte EPS-Wachstum über zehn Jahre bis 2027 werde voraussichtlich 14 Prozent erreichen – ein Tempo, das nur vom Bull-Markt der Nachkriegszeit in den 1950er Jahren übertroffen wurde. Die Analysten gehen davon aus, dass der EPS 2027 zyklisch um 42 Prozent erhöht sein wird, dem höchsten Stand seit den 1950er Jahren, und erwarten im Jahr 2027 eine Multiplikumskompression.
Während die Analysten begrenzte Risiken für die Gewinne 2027 sehen, warnen sie, dass der EPS 2028 anfällig für eine Verlangsamung der KI-Investitionen in Kapitalausstattung sein könnte. Der Konsens liegt hier bei 487 Dollar, Wells Fargo prognostiziert jedoch nur 460 Dollar.
Liquiditätsindikator auf Jahrestief
Wells Fargo wies außerdem auf einen sich wendenden Liquiditätszyklus hin. Der Liquiditätsindikator sei auf den niedrigsten Wert seit Jahresbeginn gefallen und dürfte bis November weiter sinken. Analysten weisen darauf hin, dass defensive Aktien in Zeiten nachlassender Liquidität historisch besser abgeschnitten haben. Der Broker bevorzugt daher weiterhin Qualität vor Beta.
Gleichzeitig bleibt der Complacency-Indikator von Wells Fargo hoch. Dies deutet darauf hin, dass Aktien die Volatilität im Vergleich zu anderen Assetklassen unterbewerten. Auch der südkoreanische Won wertet sich auf, was als potenzieller Gegenwind für den Handel mit Speicherchips gelten könnte.
Fed-Sitzung als wichtiger Auslöser
Mit Blick auf die Zukunft hob Wells Fargo die Fed-Sitzung am Mittwoch als wichtigen Auslöser hervor. Die vom Markt implizierte Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts sei nach einem stärker als erwartet ausgefallenen CPI-Bericht auf 94 Prozent gestiegen. Die Analysten betonen, dass die wichtigere Frage darin besteht, ob der Fed-Vorsitzende Kevin Warsh den Beginn eines Zinserhöhungszyklus signalisiert oder die Maßnahme als einmalige Anpassung darstellt.
Ein Gipfeltreffen zwischen Präsident Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am 24. September wurde ebenfalls als potenzieller Auslöser für die Märkte genannt. Die Kombination aus hoher Aktienallokation, nachlassender Liquidität und möglichen Zinsschritten dürfte die Volatilität an den Märkten in den kommenden Wochen erhöhen.
