Wall Street wettet auf Rechenzentren – doch Risiken wachsen
Blackstone, Blue Owl und Brookfield drängen mit Rechenzentrum-Investments in den Publikumsmarkt – trotz politischem Gegenwind und fallenden Kursen.

Große alternative Investmentgesellschaften wie Blackstone, Blue Owl und Brookfield vermarkten Rechenzentren zunehmend als attraktive Immobilienanlage – auch für Privatanleger. Der Hintergrund: Die explodierende Nachfrage nach KI-Infrastruktur soll stabile Mieteinnahmen und langfristiges Wachstum liefern. Doch die Realität ist komplizierter: Politischer Widerstand, Projektverzögerungen und fallende Kurse trüben das Bild erheblich.
Blackstone steht dabei an vorderster Front. Der weltgrößte Verwalter alternativer Anlagen rief Anfang dieses Jahres den Blackstone Digital Infrastructure Trust (BXDC) ins Leben – einen neu gegründeten Real Estate Investment Trust (REIT), der an der New York Stock Exchange gehandelt wird. CEO Nick Pell beschrieb das Ziel im Mai gegenüber CNBC: „Wir sahen dies als Chance, den gesamten Markt für stabilisierte Rechenzentren zu erschließen und ihnen eine Heimat am öffentlichen Markt zu geben, wo sie unseres Erachtens hingehören."
Der Fonds konzentriert sich bewusst auf bereits etablierte Märkte wie Nord-Virginia und Dallas, wo Rechenzentren schon vor dem KI-Boom eine bedeutende Präsenz hatten. „Es ist die risikoärmste Art, einzusteigen", so Pell. Blackstone verkaufte beim Debüt Mitte Mai 87,5 Millionen Aktien zu je 20 US-Dollar. Seitdem ist der Fonds jedoch um rund 16 Prozent gefallen – die Aktien schlossen zuletzt unter 17 US-Dollar.
Die Details
Neben Blackstone erwägt auch Blue Owl die Auflegung eines öffentlichen REITs mit einem Wert von bis zu 6,5 Milliarden US-Dollar, der bestehende Rechenzentrumsinvestments bündeln soll. Das Unternehmen gibt an, über 130 Rechenzentren in 32 globalen Märkten zu besitzen, was Vermögenswerten von über 18 Milliarden US-Dollar entspricht. Blue Owl betreibt bereits einen privaten digitalen Infrastrukturfonds für professionelle Anleger. Co-CEO Marc Lipschultz bezeichnete Rechenzentren in einem LinkedIn-Post als „eine der stärksten langfristigen Investitionsmöglichkeiten seit Jahrzehnten" und verwies auf ein „attraktives, niedrigeres Risiko-Rendite-Profil". Er ergänzte: „Diese Projekte haben konsistente Ergebnisse bei reduziertem Kreditrisiko geliefert. Die Verträge sind mit Schutzbestimmungen strukturiert, die uns schadlos halten, selbst wenn ein Mieter vorzeitig aussteigt."
Brookfield Asset Management brachte seinen Rechenzentrumsdienstleister Csquare im Juli ebenfalls als eigenständiges Handelsvehikel an die NYSE. Auch hier fiel der Kurs seit dem Debüt um fast 16 Prozent. Zum Vergleich: Etablierte Rechenzentrums-REITs wie Equinix und Digital Realty Trust haben sich langfristig gut entwickelt, stagnieren aber ebenfalls seit der Auflegung von BXDC. Der gesamte REIT-Sektor wurde seit August zunehmend abverkauft, nachdem sich der Stress am Anleihemarkt intensivierte.
Pell beschrieb den adressierbaren Markt in der jüngsten Telefonkonferenz als „massiv" und erwartet, dass dieser in den nächsten Jahren 1 Billion US-Dollar überschreiten wird. Tatsächlich stützen Rechenzentren die US-Bauausgaben spürbar, während die Bauausgaben in vielen anderen Sektoren rückläufig sind.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 28. Februar 2026 berichtete aktien.news, dass Blackstone eine börsennotierte Akquisitionsgesellschaft für KI-Rechenzentren plane – zunächst mit Fokus auf Staatsfonds und institutionelle Investoren, mit dem Ziel, anschließend ein breiteres Anlegerpublikum zu erschließen. Am 4. Mai 2026 folgte der konkrete Börsengang: BXDC strebte einen Erlös von etwas mehr als 1,7 Milliarden US-Dollar an und bot 87,5 Millionen Aktien zu je 20 US-Dollar an.
Am 9. September 2026 thematisierte aktien.news den wachsenden gesellschaftlichen Widerstand gegen Rechenzentren in den USA: Laut einer NBC-News-Umfrage lehnten damals 69 Prozent der Befragten den Bau solcher Anlagen in ihrer Nachbarschaft ab. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass regulatorische Hürden für neue Projekte die Preismacht bereits bestehender Anlagen stärken könnten. Am 14. August 2026 berichtete aktien.news zudem über die zunehmend schuldenfinanzierte und intransparente Struktur des KI-Infrastrukturbooms – mit Nvidia, Blackstone, Brookfield und weiteren Großinvestoren als zentralen Akteuren.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die über börsennotierte REITs oder ähnliche Vehikel in Rechenzentren investieren möchten, ist das Bild vielschichtig. Sabur Mollah, Professor für Finanzen am Gettysburg College, sieht grundsätzlich Potenzial: „Hochwertige Einrichtungen können durch langfristige Mietverträge mit großen Technologieunternehmen relativ stabile Mieteinahmen generieren." Zu den möglichen Erträgen zählt er nachhaltige Mieteinnahmen, die Teilhabe am strukturellen Wachstum der digitalen Wirtschaft sowie eine Diversifizierung über traditionelle Immobiliensektoren hinaus.
Gleichzeitig warnt Mollah vor erheblichen Risiken: Der Sektor ist sehr kapitalintensiv und hängt entscheidend von einem zuverlässigen Zugang zu Elektrizität, Kühlsystemen und Netzwerkkonnektivität ab. Zudem könne der Hype rund um KI dazu führen, dass Investoren Scheuklappen aufsetzen und Überbewertungen entstehen. Konkret zeigt das Beispiel Oracle: Die Aktie fiel Ende September um 4 Prozent, nachdem das Unternehmen eine Force-Majeure-Mitteilung zu „Project Jupiter" verschickt hatte – einem Rechenzentrumscampus in New Mexico, der Teil des Stargate-KI-Ausbaus von Blue Owl ist. Oracle strebt einen Zahlungsaufschub an, falls das Projekt bis 2028 nicht betriebsbereit ist, und nennt regulatorische Hürden sowie lokalen Widerstand als Gründe.
Auch global zeigen sich Risse: Ein von Nvidia und Blackstone unterstütztes australisches Rechenzentrumsunternehmen zog seinen geplanten Börsengang wegen geringen Anlegerinteresses zurück. Und als berichtet wurde, dass eine Umsatzprognose von OpenAI um fast 20 Milliarden US-Dollar unter einer früheren Projektion lag, gaben viele KI-Themenaktien nach – ein Zeichen dafür, wie eng der gesamte Sektor mit der KI-Stimmung verknüpft ist.
Ausblick
Der politische Gegenwind dürfte anhalten. New York verabschiedete im Juli als erster Bundesstaat ein Moratorium für neue Hyperscale-Rechenzentren, Texas folgte im August. Eine Gallup-Umfrage ergab, dass 70 Prozent der Amerikaner den Bau eines Rechenzentrums in ihrer Nähe ablehnen – parteiübergreifend. Eine New York Times/Siena-Umfrage bestätigte, dass etwa zwei Drittel der Befragten unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit dagegen sind.
Für Investoren bedeutet das: Das Risiko liegt nicht nur darin, ob ein Rechenzentrum gebaut wird, sondern ob lokale und staatliche Politik Projekte verlangsamt oder vereitelt, die bereits in die Renditeannahmen eines Fonds eingepreist sind. Blue Owls geplanter öffentlicher REIT mit einem Volumen von bis zu 6,5 Milliarden US-Dollar ist noch nicht aufgelegt. BXDC hat bisher noch kein Kapital in konkrete Investitionen investiert.
Kurz erklärt
- REIT: Ein Real Estate Investment Trust ist eine börsennotierte Gesellschaft, die in Immobilien investiert und verpflichtet ist, einen Großteil der Erträge als Dividende auszuschütten.
- Force Majeure: Eine Vertragsklausel, die eine Partei von ihren Verpflichtungen entbindet, wenn außergewöhnliche, nicht vorhersehbare Ereignisse die Erfüllung verhindern.
- Hyperscale-Rechenzentrum: Eine besonders große Rechenzentrumanlage, die für den Betrieb massiver Cloud- und KI-Dienste ausgelegt ist und typischerweise von großen Technologiekonzernen genutzt wird.
