Wahrnehmung der Inflation weicht stark von Realität ab
Warum Verbraucher Preissteigerungen überschätzen und Statistiken misstrauen

Verbraucher in Deutschland schätzen die Inflationsrate deutlich höher ein, als sie tatsächlich ist. Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) lag die durchschnittliche Wahrnehmung der Inflationsrate für das Jahr 2024 bei 15,3 Prozent. Tatsächlich betrug die Inflationsrate jedoch lediglich 2,2 Prozent. Besonders im Bereich der Lebensmittelpreise zeigt sich diese Diskrepanz: Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass die Preise in den vergangenen zwölf Monaten stark gestiegen seien. Tatsächlich lag die Inflationsrate für Lebensmittel im Jahr 2024 bei nur 1,9 Prozent.
Ein Grund für diese Fehleinschätzung könnte in der anhaltenden Wahrnehmung von Preissteigerungen aus früheren Jahren liegen. Studienautor Matthias Diermeier erklärt, dass viele Verbraucher den Preisrückgang nicht bemerken, da die starken Anstiege im Jahr 2023 noch präsent sind. Diese Wahrnehmungsverzerrung führt dazu, dass selbst bei einer deutlichen Abschwächung der Teuerung das Gefühl von anhaltend steigenden Preisen vorherrscht.
Darüber hinaus zeigt die Studie, dass politische Einstellungen die Wahrnehmung der Inflation beeinflussen können. Besonders Anhänger von Parteien am politischen Rand wie der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) neigen dazu, die Inflationsrate zu überschätzen. Laut Diermeier könnte dies darauf zurückzuführen sein, dass diese Wählergruppen den offiziellen Statistiken weniger Vertrauen entgegenbringen. Dies könnte bei künftigen Wahlen eine mobilisierende Wirkung entfalten.
Trotz der allgemeinen Fehleinschätzung zeigt die Preisentwicklung in Deutschland in letzter Zeit eine abschwächende Tendenz. So sank die Inflationsrate im Januar 2025 auf 2,3 Prozent. Auch bei den Lebensmittelpreisen gibt es Rückgänge: Verschiedene Händler senkten zu Jahresbeginn die Butterpreise, wodurch der Anstieg der Lebensmittelpreise im Januar auf 0,8 Prozent zurückging. Zuvor hatte dieser Wert im Dezember noch bei zwei Prozent gelegen.
Die Verbraucherpreise sind zwischen 2020 und 2024 insgesamt um 19,3 Prozent gestiegen. Besonders stark verteuerten sich Heizenergie mit einem Plus von 50,3 Prozent, Kraftstoffe wie Diesel und Benzin um 41 Prozent sowie Lebensmittel um 32,8 Prozent. Gleichzeitig hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Januar 2025 zum fünften Mal seit der geldpolitischen Wende die Leitzinsen gesenkt. In ihrer aktuellen Prognose erwartet die EZB, ihr Inflationsziel von zwei Prozent im ersten Halbjahr 2025 nachhaltig zu erreichen.
