US-Quantencomputing braucht staatliche Nachfrage als Wachstumsmotor
Ein UCLA-Professor warnt: Ohne nationalen Abnehmer droht Amerika, die selbst erfundene Quantentechnologie zu verlieren.

Amerika hat das Quantencomputing erfunden – doch es riskiert, die Früchte dieser Erfindung an andere abzugeben. Drei der wichtigsten wissenschaftlichen Grundlagen der Quantentechnologie stammen aus US-Laboren: der Transistor, das supraleitende Transmon-Qubit und der Shor-Algorithmus, der große Zahlen in polynomialer Zeit faktorisiert. Trotz dieser Pionierrolle warnt ein Quantenwissenschaftler und Professor der UCLA in einem Gastbeitrag für die Financial Times eindringlich vor einem strukturellen Versagen.
Das Problem ist nicht die Wissenschaft, sondern die Industrialisierung. Wissenschaftliche Durchbrüche zu erzielen sei nicht dasselbe wie der Aufbau industrieller Kapazitäten, betont der Autor. Das historische Beispiel des Transistors zeigt, wie gefährlich diese Lücke werden kann: Amerika erfand ihn – und musste dann zusehen, wie die Halbleiterfertigung nach Asien abwanderte. Damit gab die USA die strategisch wichtigste Lieferkette der Welt aus der Hand. Die Quantentechnologie birgt dasselbe strukturelle Risiko.
Trumps Exekutivverordnungen als Wendepunkt
Anfang dieses Jahres unterzeichnete Präsident Donald Trump zwei Exekutivverordnungen zur Quantentechnologie. Die erste erkennt Quantentechnologien als „transformative Fähigkeit" an, die „die amerikanische Innovation vorantreiben" werde. Die zweite adressiert die nationale Sicherheit: Widersacher der USA haben demnach bereits verschlüsselte Daten gesammelt, in der Erwartung, diese zu entschlüsseln, sobald ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer existiert. Für Experten wie den UCLA-Professor sind diese Verordnungen ein überfälliges Signal.
Ziel beider Maßnahmen ist es, eine nationale Anstrengung zum Bau eines fehlertoleranten Quantencomputers zu entfachen. Dieser soll in der Lage sein, wissenschaftliche Entdeckungen in Bereichen wie Materialwissenschaft, Arzneimittelforschung, Finanzen und Logistik zu katalysieren. Die heutigen Maschinen gelten noch als zu klein und zu fehleranfällig, um Probleme zu lösen, die außerhalb der Reichweite der größten Supercomputer liegen. Die technologischen Ansätze variieren dabei – von Ionen und Atomen über Photonen bis hin zu supraleitenden Schaltkreisen.
Privatkapital ist bereit – es fehlt das Nachfragesignal
Der private Kapitalmarkt hat seine Bereitschaft bereits signalisiert. Eine Reihe von Quantenunternehmen hat die öffentlichen Märkte mit Bewertungen erreicht, die noch vor wenigen Jahren unrealistisch gewirkt hätten. Neben etablierten Technologieriesen wie Google, <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft und IBM drängen nun auch Neueinsteiger wie IonQ und Quantinuum auf den Markt. Was dem Kapital jedoch bisher fehlt, ist ein klares Nachfragesignal vom Staat.
Genau hier setzen die Exekutivverordnungen an. Das Energieministerium wird angewiesen, als früher Käufer von wissenschaftlich relevanten Quantencomputern aufzutreten. Das Handelsministerium soll verbindliche Marktzusagen, sogenannte „Advance Market Commitments", prüfen. Das Handelsministerium hat bereits Absichtserklärungen unterzeichnet, um 2 Milliarden US-Dollar in neun Quantenunternehmen zu investieren – im Austausch für Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte. Dieses Programm wurde inzwischen auf rund 15 Unternehmen in den Bereichen Halbleiter, kritische Mineralien und Verteidigung ausgeweitet.
Lieferketten und Allianzen als strategische Schlüssel
Der Autor betont, dass kein einzelnes Land den vollständigen „Full Stack" für die Produktion quantenfähiger Technologien kontrolliert. Dazu gehören kryogene Kühlsysteme, Seltene Erden als Input für Qubits sowie Fertigungskapazitäten für Wafer. Die Führung im Quantenbereich werde von geduldigem Kapital, inländischer Fertigung, qualifizierten Arbeitskräften und der Abstimmung mit Verbündeten abhängen.
Als Modell für eine solche Allianzstrategie nennt der Autor die sogenannte Pax-Silica-Initiative – eine alliierte Technologie-Handelsordnung, die auf amerikanischen Chips verankert ist und Peking von wichtigen Lieferketten ausschließen soll. Wenn fehlertolerante Quantencomputer im Versorgungsmaßstab innerhalb einer alliierten Lieferkette gebaut, gekauft und hergestellt werden können, so das Fazit des Autors, wird Amerika die Industrie behalten, die es selbst erfunden hat.
