Speicherchip-Hype: Wenn Anleger quaken, wird gefüttert
Der Boom bei Speicherchips treibt wilde Börsenrallyes – und lockt nun sogar unbekannte Start-ups an die Märkte.

Der Hype um Speicherchips zeigt keine Anzeichen einer Abkühlung. Samsung meldete zuletzt glänzende Quartalszahlen – doch die Aktie enttäuschte, weil sie mit den astronomischen Erwartungen des Marktes nicht mithalten konnte. SK Hynix platzierte unterdessen ein ADR-Angebot in den USA im Wert von 26,5 Milliarden US-Dollar, das offenbar gut aufgenommen wurde. Der Sektor befindet sich in einem außergewöhnlichen Momentum.
Besonders auffällig ist das Phänomen rund um ScaleFlux, ein zwölf Jahre altes Unternehmen für das Design von Speicher-Controllern, das laut einem Bericht von The Information einen Börsengang (IPO) erwägt. Das Unternehmen beschreibt sich selbst als Anbieter, der „den Datentransfer zwischen Rechenleistung, Speicher und Storage beschleunigt, um KI-, Rechenzentrums- und Unternehmensinfrastrukturen zu skalieren". Trotz dieser ambitionierten Positionierung ist ScaleFlux in der Branche kaum bekannt – selbst das renommierte Halbleiter-Fachmedium SemiAnalysis hat das Unternehmen seit einer Erwähnung im Jahr 2022 kaum mehr thematisiert.
Laut dem Datenanbieter PitchBook hat ScaleFlux bislang rund 288 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt. Zuletzt wurde das Unternehmen im Jahr 2021 mit einer Milliarde US-Dollar bewertet. Offenbar war ScaleFlux eines der ersten Unternehmen, das produktionsreife „Computational Storage"-Lösungen einsetzte – eine Technologie, bei der Chips und Prozessoren direkt in den Speicher integriert werden, um Engpässe zu vermeiden.
Irrationale Erwartungen treffen auf reale Zahlen
Die Stimmung im Speicherchip-Sektor ist derzeit von extremen Erwartungen geprägt. Aktien, die Quartalsgewinnsprünge um das 15-fache verzeichnen, brechen nach Gewinnmeldungen ein, die ein Wachstum von dem 19-fachen im Jahresvergleich zeigen. Das verdeutlicht, wie weit die Erwartungen der Anleger die tatsächliche Unternehmensrealität bereits überholt haben.
An der Wall Street gilt das alte Sprichwort: „Wenn die Enten quaken, füttert man sie." Gemeint ist damit, dass Finanzexperten bereit sind, die Nachfrage der Anleger zu bedienen – egal wie spekulativ das Umfeld ist. Der mögliche Börsengang von ScaleFlux ist ein Paradebeispiel dafür: Ein wenig bekanntes Unternehmen nutzt den Hype-Zyklus, um an frisches Kapital zu gelangen.
Dabei zeigen die großen Speicherhersteller – allen voran Micron, Samsung und SK Hynix – bereits erste Schwächezeichen. Alle drei Konzerne sind deutlich von ihren Höchstständen im Juni gefallen, da Sorgen wachsen, dass der Boom seinen Zenit überschritten haben könnte. Dennoch steigen die Preise für Speicherchips bei DRAMeXchange weiterhin leicht an.
Milliardenzuflüsse trotz wachsender Skepsis
Der DRAM-ETF verzeichnete in der vergangenen Woche weitere Zuflüsse in Höhe von 1,9 Milliarden US-Dollar. Innerhalb eines Monats summierten sich die Zuflüsse damit auf fast 9 Milliarden US-Dollar – ein Zeichen dafür, dass institutionelle und private Anleger weiterhin massiv auf den Speicherchip-Sektor setzen.
Die entscheidende Frage bleibt, ob der Hype nachhaltig ist oder ob sich ein klassischer Boom-Bust-Zyklus anbahnt. Wissen die meisten Käufer von Speicheraktien tatsächlich den Unterschied zwischen FPGAs, ASICs und ARM-Kernen? Haben Investoren erst kürzlich „entdeckt", dass Computer RAM benötigen? Die Antworten darauf sind unklar – doch die Dynamik des Marktes spricht eine deutliche Sprache. In den kommenden Wochen dürfte der Speicherchip-Sektor weiterhin für Gesprächsstoff sorgen.
