Toshikazu Kawaguchi: Japanische Retro-Cafés als Quelle der Inspiration
Bestsellerautor Toshikazu Kawaguchi erklärt, warum Japans traditionelle Jun-Kissa-Kaffeehäuser seine Kreativität und sein bekanntestes Werk inspirierten.

Toshikazu Kawaguchi, Autor der weltweit erfolgreichen Buchreihe „Bevor der Kaffee kalt wird", hat in einem Essay für den FT Globetrotter-Guide zu Tokio seine tiefe Verbundenheit mit japanischen Retro-Kaffeehäusern beschrieben. Der Beitrag erschien im wöchentlichen Newsletter von FT-Chefredakteurin Roula Khalaf und beleuchtet, wie diese stillen Orte nicht nur Kawaguchis Schreibprozess prägen, sondern auch die philosophische Grundlage seiner Romane bildeten.
Im Mittelpunkt steht das sogenannte Jun-Kissa – jene Retro-Kaffeehäuser, die seit Jahrzehnten unverändert in den Seitenstraßen japanischer Städte existieren. Kawaguchi beschreibt sie als Gegenentwurf zu modernen, bekannten Café-Ketten: gedimmtes Interieur mit indirekter Beleuchtung, der Geruch von altem Holz, verblasste Speisekarten an den Wänden und Kellner, die keinen Gast hinauswerfen – selbst nach zwei oder drei Stunden.
Die Details
Kawaguchi schildert seinen ganz persönlichen Geschmack mit bemerkenswerter Präzision. Ein Besitzer, der eintretenden Gästen kaum Beachtung schenkt, ist für ihn kein Mangel, sondern ein Vorzug. „Es fällt mir seltsamerweise manchmal leichter, mich dann zu entspannen", schreibt er. Was er in diesen Orten sucht, ist das Gefühl des Stillstands der Zeit – ein Zustand, der ihm das Schreiben erleichtert und den Kopf frei macht.
Der Autor beschreibt zudem eine für ihn typische Erfahrung: Er schlendert durch eine neue Stadt, betritt spontan ein Café, empfindet es als wunderschön – und vergisst anschließend, wo es lag. Weil er nach eigener Aussage keinen guten Orientierungssinn besitzt, passiert ihm das regelmäßig. Diese flüchtigen Begegnungen mit unbekannten Kaffeehäusern bezeichnet er als „traumhafte Begegnungen", die er manchmal im Nachhinein anzweifelt: „Manchmal frage ich mich, ob das Café wirklich existiert hat."
Konkrete Empfehlungen gibt Kawaguchi dennoch: Er nennt das Coffee Tei im Tohkoma Building in Higashi-Ikebukuro, Tokio, das Rokuyosha Underground in Nakagyo-ku, Kyoto, sowie das Cafe Apart in Ibaraki, Osaka. Diese drei Adressen stehen exemplarisch für den Jun-Kissa-Geist, den er beschreibt.
Ichigo Ichie: Das philosophische Fundament
Kawaguchi verknüpft seine Café-Erfahrungen mit einem zentralen japanischen Konzept: „Ichigo Ichie", wörtlich übersetzt „ein Leben, eine Begegnung". Der Ausdruck entstammt dem Geist der Wabi-Cha-Teezeremonie, die vom Teemeister Sen no Rikyū während der Zeit der Streitenden Reiche im 16. Jahrhundert perfektioniert wurde. Die Teilnehmer dieser Zeremonien widmeten sich vollständig ihrer Schale Tee, im Wissen, dass diese spezifische Begegnung sich niemals wiederholen würde.
Die Botschaft dahinter ist tiefgründig: Diese Begegnung, zu dieser Zeit, an diesem Ort, mit dieser Person, wird sich in der gesamten Geschichte des Universums – von seinem Beginn bis zu seinem Ende – kein zweites Mal ereignen. Kawaguchi überträgt diesen Gedanken auf seine Café-Besuche: Die Zeit, die er in einem zufällig entdeckten Kaffeehaus verbringt, ist unwiederholbar und damit unauslöschlich in seinem Gedächtnis verankert. „Ich glaube, dass der Geist von Ichigo Ichie in den Jun-Kissa wohnt", schreibt er.
Genau diese Philosophie, so erkennt Kawaguchi beim Verfassen seines Essays, liegt auch dem Kern seiner Buchreihe zugrunde: Man kann in der Zeit zurückreisen, aber die Realität nicht verändern. Eine Wandlung des eigenen Herzens und Geistes jedoch kann Glück innerhalb derselben Realität bringen. Die Cafés hätten ihm das gelehrt, ohne dass er es zunächst bemerkt hatte – indem sie ihm die Zeit gaben, über sein Leben nachzudenken.
Hintergrund: Was bisher geschah
Der vorliegende Essay ist Teil einer Reihe von Beiträgen, die im Rahmen des FT Globetrotter-Guides erscheinen – einem Format der Financial Times, das Insider-Perspektiven auf bedeutende Städte weltweit bietet. Bereits am 7. April 2026 berichtete aktien.news über einen ähnlichen Beitrag: Gastronom Dom Hamdy beschrieb darin seine Lieblingsorte in East London und erklärte, wie die Gastronomie als Wegweiser für das Verständnis eines Stadtviertels dient. Am 10. Oktober 2026 erschien zudem ein Bericht über Rom, in dem das Lebensgefühl der Stadt als Anziehungspunkt für internationale Käufer beleuchtet wurde – ebenfalls aus dem wöchentlichen Newsletter von Roula Khalaf.
Was das für Anleger bedeutet
Der Essay von Kawaguchi enthält keine Finanzinformationen und ist nicht auf Investmentthemen ausgerichtet. Er erscheint im Lifestyle- und Reisesegment der Financial Times und richtet sich an kulturell interessierte Leser. Für deutsche Privatanleger ist der Beitrag vor allem als Hintergrundlektüre relevant: Er illustriert, wie internationale Medien wie die FT zunehmend auf Kulturjournalismus und persönliche Essays setzen, um ihre Leserschaft zu binden und zu erweitern.
Ausblick
Kawaguchi schließt seinen Essay mit einem persönlichen Bild: Er stellt sich vor, wie in 10, 50 oder hundert Jahren jemand in einem Café in einem fremden Land eines seiner Bücher liest – im dämmrigen Licht, während eine alte Wanduhr tickt. Das Kaffeehaus, so seine Vorstellung, verbindet ihn durch Zeit und Raum mit dem Leser. Konkrete Ankündigungen zu neuen Werken oder Veranstaltungen enthält der Beitrag nicht. Der FT Globetrotter-Guide zu Tokio, in dessen Rahmen der Essay erschien, ist weiterhin online verfügbar.
Kurz erklärt
- Jun-Kissa: Traditionelle japanische Retro-Kaffeehäuser, die seit Jahrzehnten unverändert in Seitenstraßen japanischer Städte betrieben werden
- Ichigo Ichie: Japanisches Konzept, das die Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit jeder Begegnung beschreibt
- Wabi-Cha: Japanische Teezeremonie-Tradition, die Schlichtheit und die bewusste Wertschätzung des gegenwärtigen Moments in den Mittelpunkt stellt
