Top-Wagniskapitalgeberin Jenny Lee: Asiatische Startups eilen Börsengängen entgegen
Granite-Asia-Partnerin Jenny Lee sieht IPOs in Asien deutlich früher als im Westen – teils schon nach vier bis fünf Jahren.

Die Zeitspanne, die Startups bis zu einem Börsengang (IPO) benötigen, hat sich nach Beobachtung von Jenny Lee, Senior Managing Partner bei Granite Asia, spürbar verkürzt. „Im Durchschnitt beträgt die Haltedauer, bevor ein Unternehmen an die Börse geht, acht bis zehn Jahre“, sagte Lee in einem Interview am Rande der DBS Asia Future Forward Conference vergangene Woche in Singapur. „Aber aktuell bereiten sich die späteren Phasen betreffende Unternehmen, mit denen wir uns befassen, bereits auf IPOs vor, wenn sie vier bis fünf Jahre alt sind.“
Lee gilt als eine der profiliertesten Wagniskapitalgeberinnen Asiens. Sie ist nach eigenen Angaben die erste Frau, die es unter die Top 10 der Forbes Global 100 VC Midas List geschafft hat – eine Rangliste, die die erfolgreichsten Venture-Capital-Investoren der Welt erfasst. Ihre Aussagen sind damit ein wichtiger Stimmungsindikator für den asiatischen Startup-Markt.
Der entscheidende Unterschied liegt laut Lee im Tempo: Während es im Westen üblich sei, etwas länger privat zu bleiben, neigten asiatische Firmen zu einem beschleunigten Zeitplan. Die Investmentplattform Granite Asia arbeitet mit Startups von ihrer ersten Finanzierungsrunde bis hin zur Börsennotierung und engagiert sich sowohl im Eigenkapital- als auch im Kreditgeschäft.
Die Details
Granite Asia hat nach Angaben von Lee in den letzten zwei Jahren mehr als 40 Eigenkapitalinvestitionen getätigt. Besonders auffällig ist die Entwicklung in der Frühphase: „In der sehr frühen Phase … verzeichnen wir deutlich mehr Finanzierungsvolumen“, sagte Lee. Gleichzeitig beobachtet sie, dass Unternehmen in späteren Investitionsphasen Produktivitätssteigerungen verzeichnen und schneller profitabel werden.
Bei der Auswahl neuer Investments setzt Granite Asia auf mehrere Schwerpunkte. Dazu zählen künstliche Intelligenz zur Content-Erstellung, KI in der Wissenschaft sowie Robotik. Auch Konzepte rund um asiatische Subkulturen seien interessant, erklärte Lee – etwa Apps, die speziell in Indien attraktiv wären, oder KI-Tools, die bei der Erstellung japanischer Inhalte helfen.
Ein weiteres Feld ist die Energietechnologie. „Wir schauen uns außerdem Unternehmen an, die energietechnologische Lösungen bieten, zum Beispiel im Bereich Speicher, um das Energieproblem zu bewältigen“, sagte Lee. „Viele Länder Asiens importieren einen enormen Prozentsatz ihres Energiebedarfs, und da diese Länder auf dem Weg in Richtung eines stärkeren Einsatzes erneuerbarer Energien wachsen, ist Speichertechnologie dann wichtig.“ Damit verbindet sie den KI-getriebenen Kapitalbedarf der Region mit der Frage der Energieversorgung.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Aussagen Lees stehen in einer Reihe früherer Berichte von aktien.news zur Verbindung von Granite Asia und dem asiatischen Technologiemarkt. Bereits am 23.02.2026 berichtete aktien.news, dass die DBS Bank und der Singapurer Vermögensverwalter Granite Asia eine strategische Partnerschaft besiegelt haben. Den Auftakt bildete ein spezialisierter KI-IPO-Fonds mit einem Volumen von 110 Millionen US-Dollar, der exklusiv an Wealth-Management-Kunden der DBS vertrieben wird und Investitionen in Börsengänge von Unternehmen aus dem Bereich künstliche Intelligenz ermöglicht. Granite Asia verwaltete nach eigenen Angaben damals ein Vermögen von rund 10 Milliarden US-Dollar.
Am 09.02.2026 meldete aktien.news, dass das kalifornische Software-Unternehmen Databricks eine der größten Finanzierungsrunden des Jahres abgeschlossen hat – mit frischen 5 Milliarden Dollar und einem zusätzlichen Kreditrahmen von 2 Milliarden Dollar. Die Bewertung von 134 Milliarden Dollar machte Databricks zu einem der wertvollsten privaten Tech-Unternehmen weltweit.
Am 17.01.2026 berichtete aktien.news über eine Analyse der Venture-Capital-Firma Antler, wonach das Durchschnittsalter von KI-Unicorn-Gründern von 40 Jahren im Jahr 2021 auf nur noch 29 Jahre im Jahr 2024 gefallen ist. Und am 10.10.2026 beschrieb aktien.news einen beispiellosen KI-Boom in Asien: China baue in rasantem Tempo Rechenzentren in seinem energiereichen Hinterland auf, Huawei erziele einen Durchbruch bei Patentlizenzen mit Qualcomm, und Unternehmen in Japan und Südkorea würden von einer Serie schwerer Cyberangriffe getroffen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger sind die Aussagen Lees vor allem ein Signal zur Struktur des asiatischen Technologiemarktes. Der verkürzte Weg zum Börsengang bedeutet, dass Kapital früher in öffentlich handelbare Titel fließen kann – ein Thema, das auch die DBS-Partnerschaft mit dem KI-IPO-Fonds adressiert. Wer sich für diesen Markt interessiert, sollte jedoch beachten, dass ein früher IPO nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal ist: Lee selbst verweist darauf, dass spätere Investitionsphasen mit Produktivitätssteigerungen und schnellerer Profitabilität einhergehen.
Bemerkenswert ist zudem die thematische Breite, die Granite Asia abdeckt. Neben den klassischen KI-Feldern wie Wissenschaft und Robotik rücken regionale Subkulturen und Energiespeicherung in den Fokus. Das zeigt, dass sich der asiatische Wagniskapitalmarkt nicht allein über globale Tech-Trends definiert, sondern zunehmend eigene, lokal verankerte Geschäftsmodelle hervorbringt. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Konkrete Termine für einzelne Börsengänge nannte Lee nicht. Sie beschrieb jedoch eine klare Erwartung: Die Unternehmen in den späteren Phasen, mit denen Granite Asia befasst ist, bereiten sich bereits im Alter von vier bis fünf Jahren auf IPOs vor. Sollte sich dieser Zeitplan bestätigen, dürfte der Kapitalmarkt in Asien weiter an Bedeutung für junge Technologieunternehmen gewinnen. Auch die Felder, die Granite Asia als Schwerpunkte nennt – KI in der Wissenschaft, Robotik, Content-Erstellung, asiatische Subkulturen und Energiespeicherung –, geben einen Hinweis darauf, wo die Plattform künftig Investments erwartet.
Kurz erklärt
- Börsengang (IPO): Der erstmalige Verkauf von Aktien eines Unternehmens an der Börse, wodurch es öffentlich handelbar wird.
- Wagniskapital (Venture Capital): Beteiligungskapital, das Investoren jungen, wachstumsstarken Unternehmen zur Verfügung stellen.
- Haltedauer: Der Zeitraum, in dem ein Investor eine Beteiligung hält, bevor er sie verkauft oder das Unternehmen an die Börse geht.
- Eigenkapital: Kapital, das einem Unternehmen als Beteiligung zugeführt wird, im Gegensatz zu Krediten.
- Energiespeicherung: Technologien, die Energie zwischenspeichern, um sie später nutzbar zu machen.
