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Timekettle-Kopfhörer im Test: KI-Übersetzer zwischen Genie und Lücke

Timekettle will mit KI-Kopfhörern Apple und Google herausfordern – doch Technik und Datenschutz haben noch Lücken.

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Timekettle-Kopfhörer im Test: KI-Übersetzer zwischen Genie und Lücke

Timekettle sorgte auf der diesjährigen ifa in Berlin für Aufsehen. Das chinesische Unternehmen präsentierte Kopfhörer, die Gesprochenes in Echtzeit direkt ins Ohr übersetzen. Zwei Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen können sich so unterhalten, ohne ein Wort der jeweils anderen Sprache zu verstehen. Die Technologie hatte Timekettle bereits im Frühjahr auf dem Mobile World Congress in Barcelona gezeigt. In Berlin folgte nun der große Auftritt.

Gründer Leal Tian, ein 38-jähriger früherer Huawei-Ingenieur, reiste aus Shenzhen an. Seine Ankündigungen waren ambitioniert: Mehr als 1.000 Sprachpaare, 52 Sprachen und 106 Akzente soll der Dienst abdecken. Das Betriebssystem tauft Tian selbstbewusst „Babel OS“ – eine Anspielung auf den Babelfisch aus dem Kultbuch „Per Anhalter durch die Galaxis“. Das Ziel ist verwegen, aber es passt zu den Ambitionen des Start-ups. Tian und sein Team wollen mit ihrer Technologie die US-Giganten Apple und Google schlagen.

Vom persönlichen Notfall zur Geschäftsidee

Die Entstehungsgeschichte von Timekettle ist kurz und schlüssig. Tians Eltern waren 2016 auf ihrer ersten Europareise in der Schweiz. In einer Bergbahn wurde die Mutter höhenkrank – und das Paar konnte sich trotz aller Sprachapps kaum verständigen. „Meine Eltern konnten noch nicht einmal ein Wasser kaufen“, erzählt Tian. Aus dieser Erfahrung heraus gründete er 2017 Timekettle. Inzwischen arbeiten 200 Menschen im Unternehmen.

Das Start-up sammelte sein erstes Geld auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter in den USA ein. Knapp 280.000 Dollar kamen zusammen – fünfmal mehr als das ursprüngliche Ziel. So wurden die USA schnell zum wichtigsten Markt für Timekettle. In den neun Jahren seit der Gründung will Tian eine Million Kopfhörer verkauft haben – zum stolzen Preis von aktuell 440 Euro das Stück. „Der Umsatz wächst nicht einmal so schnell, wichtiger ist uns, dass die Menschen die Kopfhörer häufiger nutzen“, sagt Tian. Die durchschnittliche Nutzungsdauer habe sich im vergangenen Jahr verfünffacht.

Technische Stärken und Schwächen im Praxistest

Der Anwendungsbereich der Geräte ist breit. Anders als bei anderen Angeboten müssen Timekettle-Nutzer nicht auf ein Display schauen. Sie können sich bei der Konversation in die Augen sehen. Das eignet sich sowohl für private Gespräche als auch für geschäftliche Verhandlungen. Die Kopfhörer beherrschen eine Vier-Wege-Simultanübersetzung: Beide Teilnehmer können zeitgleich sprechen und übersetzte Sprache erhalten – theoretisch. In der Praxis ist die Latenz oft so hoch, dass der andere bereits ausgesprochen hat, wenn die Übersetzung eintrifft.

Eine spezielle „Vector Noise Cancellation“ filtert gezielt die Stimme des Sprechenden aus den Umgebungsgeräuschen heraus. Die sogenannte Knochenleitung nimmt mit einem Vibrationswandler die Schwingungen an den Wangenknochen auf und nutzt sie als weiteren Input. Die eigentliche Übersetzungsleistung kauft Tian teilweise von Anbietern großer Sprachmodelle ein. In einer Produktinfo nennt Timekettle konkret <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft, Google und DeepL. DeepL werde in Europa priorisiert. Laut Unternehmenskreisen unterhält DeepL aktuell jedoch keine aktive Geschäftsbeziehung mit Timekettle. Eine Anfrage der WirtschaftsWoche ließen alle drei genannten Anbieter unbeantwortet.

Datenschutz als Knackpunkt für Geschäftskunden

Je nach Standort des Nutzers und Sprachpaar bestimmt die KI die beste Kombination aus Server-Standort und Sprachmodell. „Babel OS entscheidet, welcher Server und welches Modell verbunden werden“, erklärt Tian. Für den Nutzer bleibt diese Entscheidung intransparent. „Wenn eine Anfrage aus Frankfurt kommt, verarbeiten wir sie in einem Frankfurter Datencenter und schicken sie nicht nach China“, versichert Tian. Man halte sich an die Datenschutzgrundverordnung, was ein externer Dienstleister überprüfe.

Diese Unklarheiten dürften Timekettles Erfolg derzeit noch schmälern. Gerade im geschäftlichen Kontext werden nur wenige Kunden akzeptieren, dass sie Timekettle alle Details von Verkaufsverhandlungen anvertrauen – ohne Kontrolle darüber, bei wem die Daten letztlich landen. Immerhin hat Timekettle inzwischen 13 Offline-Sprachpaare programmiert, die Nutzer herunterladen können. Das Offline-Sprachpaar Deutsch–Chinesisch wäre etwa auf einer China-Reise relevant, da von dort nicht auf die westlichen Cloud-Anbieter zugegriffen werden kann.

Ausgerechnet in China abgehängt

Im Heimatmarkt China hat sich Timekettle nie durchgesetzt. Hier dominiert der Konkurrent iFlytek mit einem Marktanteil von mehr als 70 Prozent. Das liegt wohl auch daran, dass Timekettle auf westliche Cloud-Dienste zugreift, die in China nur mit einer VPN erreichbar sind. Weltweit dagegen soll Timekettle laut chinesischen Medienberichten mit einem Umsatz von 256 Millionen Euro im Jahr 2025 derzeit der Marktführer in seinem Segment sein. Ausgeblendet sind dabei Apple und Google, die keine eigene Hardware bauen, sondern Simultanübersetzungen als Zusatzfunktion anbieten.

Gegenüber den beiden Giganten sieht Timekettle seine Chancen in der einfachen Bedienbarkeit. Bei Apple müssen beide Teilnehmer mit den Kopfhörern des Unternehmens ausgestattet sein. Google Translate funktioniert zwar mit nahezu allen Bluetooth-Kopfhörern – man muss sich allerdings tief in die Gebrauchsanweisungen einarbeiten. Timekettle-Kopfhörer dagegen funktionieren sofort.

KI-Übersetzung: Fortschritt ja, Perfektion nein

Im Praxistest offenbaren die Kopfhörer Schwächen. Bei einer Unterhaltung mit den Sprachpaaren Deutsch–Hindi und Deutsch–Tamil gelingen Formalitäten wie Getränkewünsche problemlos. Als jedoch ein Gespräch über die Wahl des geeigneten Studienfachs beginnt, hängt sich die Software auf. Aus flüssigen Sätzen werden maschinell klingende Allgemeinplätze. „Es hängt vom Sprachpaar ab und davon, wie viele zugrundeliegende Daten den Sprachmodellen zur Verfügung stehen“, sagt Tian.

Claudio Fantinuoli, Professor für Dolmetscherwissenschaften an der Uni Mainz, pflichtet Tian bei: „Anhand einer einzelnen Anwendung oder eines Sprachpaars kann man die großen Fortschritte, die gerade in KI-Übersetzung gemacht werden, unmöglich beurteilen.“ Die maschinelle Simultanübersetzung sei noch nicht perfekt, aber „die Verbesserungen beschleunigen sich masiv.“

Noch arbeitet Timekettle mit Modellen, die das gesprochene Wort transkribieren und den erfasten Text anschließend maschinell übesetzen. Ein neuer Ansatz ist ein sogenanntes „Audio-Large-Language-Model“, das das Gesprochene ohne Zwischenschritte übersetzt. „Das überträgt sogar den Tonfall und Nuancen in die andere Sprache“, schwärmt Fantinuoli. Eingesetzt wird es etwa im Pixel-Handy oder bei der Synchronisation von YouTube-Videos.

Warum KI menschliche Dolmetscher vorerst nicht ersetzt

Noch erreichen die Modelle dieses Niveau in der Praxis nicht. „Die Sprachmodelle allein sind noch nicht gut genug für eine Simultanübersetzung“, sagt Jan Niehues, Professor für Übersetzungs-KI am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „Ich freue mich sehr, wenn es klappt, aber wenn Leute behaupten, alles sei gelöst, dann stimt das einfach nicht.“ Es sei sehr viel Kontext nötig, damit ein Inhalt verständlich wird. Auch Eigennamen seien oft ein Problem. „Simultandolmetscher werden noch lange nicht arbeitslos“, so Niehues’ Prognose.

Die Timekettle-Kopfhörer faszinieren die Menschen. Die Wochenzeitung „Zeit“ testete die Kopfhörer darauf, ob man Menschen in einem Asia-Center in ihrer eigenen Sprache belauschen könnte. Ein lustiges Experiment, das natürlich scheiterte. „Es ist immer eine Herausforderung, wenn wir etwas Neues erfinden“, sagt Tian. „Wir stellen uns einen speziellen Use Case als möglich vor, und dann klappt es doch nicht.“

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