Temu drängt Händler zu niedrigeren Preisen
Chinesische Plattform fordert Preisabgabe und sorgt für rechtliche Bedenken

Die chinesische Onlineplattform Temu setzt hiesige Händler unter Druck, indem sie konkrete Vorgaben zur Preisgestaltung macht. Dies geht aus einem Angebot hervor, das einem deutschen Händler im Dezember 2024 unterbreitet wurde. Darin wird verlangt, dass der Verkaufspreis auf der Temu-Plattform mindestens 15 Prozent unter dem Einzelhandelspreis auf Amazon liegt. Die Entscheidungshoheit über die Preise solle an Temu abgegeben werden. Ein Sprecher des Unternehmens betont, dass die Preisgestaltung in Absprache mit den Händlern erfolge.
Temu, das zur in Shanghai ansässigen PDD Holdings gehört, ist seit April 2023 auf dem deutschen Markt aktiv und hat mittlerweile 16,3 Millionen monatliche Nutzer. Damit ist Deutschland der wichtigste Markt innerhalb der EU, gefolgt von Frankreich mit zwölf Millionen und Italien mit zehn Millionen monatlichen Nutzern. Laut einer repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung Oliver Wyman haben bereits 59 Prozent der Deutschen mindestens einmal auf Temu eingekauft. Das Unternehmen verzeichnet ein starkes Wachstum. Im dritten Quartal 2024 stieg der Umsatz um 44 Prozent auf umgerechnet 13,4 Milliarden Euro, während der operative Gewinn um 46 Prozent auf rund 3,4 Milliarden Euro anstieg.
Seit August 2024 baut Temu seinen Marktplatz in Europa aus und spricht gezielt lokale Händler und Hersteller an. Wie viele deutsche Anbieter mittlerweile auf der Plattform aktiv sind, gibt das Unternehmen nicht an. Unternehmensnahe Kreise berichten jedoch von „mehr als einer Handvoll“. Temu plant, dass in Zukunft bis zu 80 Prozent des Umsatzes aus Verkäufen lokaler Händler und Hersteller stammen sollen. Der Bundesverband E-Commerce äußert jedoch Zweifel an diesem Modell und gibt zu bedenken, dass Händler im Gegenzug für bevorzugte Konditionen ihre Preisautonomie aufgeben müssten. Wer die geforderten Preise nicht akzeptieren könne, werde wohl auch keinen Zugang zum Verkauf auf der Plattform erhalten.
Auch der Handelsverband Deutschland beobachtet die Plattform kritisch. Ein Sprecher des Verbands hebt hervor, dass bei Temu eine Häufung von Verstößen gegen geltende Regeln und Gesetze innerhalb der EU festgestellt worden sei. Die Bundesregierung hat Ende Januar einen Aktionsplan beschlossen, um Plattformen wie Temu und Shein strenger zu regulieren. Künftig sollen nationale und europäische Marktüberwachungsbehörden sowie der Zoll enger zusammenarbeiten und mehr Befugnisse erhalten.
Ob Temus Preisvorgaben rechtlich zulässig sind, ist umstritten. Christoph Wenk-Fischer, Geschäftsführer des Bundesverbands E-Commerce, hält die Praxis für problematisch, da sie kaum Verhandlungsspielraum lasse und somit eine hohe Markteintrittsbarriere darstelle. Eine abschließende kartellrechtliche Bewertung liegt bisher nicht vor. Das Bundeskartellamt wollte sich zu den Konditionen von Temu nicht äußern.
