Studie: Substanzbedingte Notaufnahmen bei jungen Müttern steigen rasant
Eine kanadische Kohortenstudie über 16 Jahre zeigt: Mütter mit abhängigen Kindern suchen deutlich häufiger wegen Substanzkonsum die Notaufnahme auf als Frauen ohne Kinder.

Substanzbedingte Notaufnahmebesuche bei Müttern mit abhängigen Kindern sind in Ontario zwischen 2008 und 2024 um durchschnittlich fast 5 Prozent pro Jahr gestiegen. Bei Frauen ohne Kinder lag der jährliche Anstieg im gleichen Zeitraum knapp unter 2 Prozent. Das zeigt eine große Kohortenstudie, die am 26. Oktober 2026 im Canadian Medical Association Journal (CMAJ) veröffentlicht wurde. Besonders deutlich fällt der Trend bei sehr jungen Müttern aus.
Für die Analyse nutzten die Forschenden ICES-Daten zu allen Frauen in Ontario, die im Untersuchungszeitraum gebaren und mindestens ein Kind im Alter von 18 Jahren oder jünger hatten. Diese gebärenden Eltern wurden mit anderen Frauen ohne Kinder verglichen. Die Stichprobe umfasste 988.106 gebärende Eltern (47 Prozent) und 1.198.063 andere Frauen (53 Prozent). Untersucht wurden Notaufnahmebesuche und Krankenhausaufenthalte im Zusammenhang mit Opioiden, Amphetaminen, Cannabis, Halluzinogenen und Alkohol.
Die Autoren betonen, dass die Belastung durch Substanzkonsum nicht nur die konsumierende Person selbst trifft. „Das Aufwachsen mit einem Elternteil, der von einer Substanzgebrauchsstörung betroffen ist, gilt als adverse Kindheitserfahrung, die das Risiko für schlechte Gesundheit, Entwicklungsprobleme und zukünftigen Substanzkonsum eines Kindes erhöhen kann", sagt Dr. Colleen Webber, Forscherin am Bruyère Health Research Institute in Ottawa und Leiterin von OnSPARK bei Bruyère Health. Sie weist darauf hin, dass es überraschend wenig Evidenz zum Substanzkonsum bei Eltern gebe, obwohl viele Studien zur Allgemeinbevölkerung vorliegen. Genau diese Lücke will die Untersuchung schließen.
Jüngste Mütter treiben den Trend
Bei Müttern unter 25 Jahren stiegen die substanzbedingten Notaufnahmebesuche um rund 8 Prozent pro Jahr, verglichen mit 2 Prozent bei anderen Frauen – also mehr als viermal schneller. Die Muster bei Krankenhausaufenthalten wegen Substanzkonsums verliefen ähnlich. Den stärksten Anstieg verzeichnete der Zeitraum von 2014 bis 2018 mit 11 Prozent pro Jahr, danach sanken die Raten auf 2 Prozent pro Jahr. Krankenhausaufenthalte wegen Substanzkonsums nahmen bei gebärenden Eltern von 99 auf 259 pro 100.000 Personenjahre zu, bei Frauen ohne Kinder von 136 auf 209 pro 100.000 Personenjahre.
Obwohl die relativen Zunahmen bei Amphetaminen, Cannabis und Opioiden am höchsten waren, bleibt Alkohol der größte Treiber. Im Jahr 2024 entfielen 46 Prozent der Notaufnahmebesuche und 41 Prozent der Krankenhausaufenthalte wegen Substanzkonsums bei Müttern auf Alkohol. „Während Cannabis, Opioide und Amphetamine im Laufe der Zeit am stärksten zunahmen, blieb Alkohol das häufigste Substanzproblem für Mütter", sagt Dr. Webber. Dies könnte aus ihrer Sicht die „Pinkisierung" von Alkohol widerspiegeln, bei der Produkte speziell für Frauen und Mütter durch die „Mommy-Wine-Kultur" vermarktet werden.
Keine Entwarnung trotz seltener Fälle
In absoluten Zahlen bleiben die Fälle relativ selten: Rund 0,5 Prozent der Mütter waren betroffen. „Zwar bleiben ED-Besuche und Krankenhausaufenthalte wegen Substanzkonsums bei Müttern relativ selten, doch sollten wir besorgt sein, dass es für jede Mutter, die in diesen Einrichtungen Hilfe sucht, mehrere andere gibt, die keine Hilfe suchten, entweder aufgrund von Stigmatisierung oder weil ihr Substanzkonsum nicht schwerwiegend genug war, um einen Krankenhausaufenthalt zu benötigen", sagt Dr. Daniel Myran, Mitautor, Gordon F. Cheesbrough Research Chair am North York General sowie Wissenschaftler an der University of Toronto, bei ICES und am Bruyère Health Research Institute.
Myran betont die breitere Dimension der Entwicklung: „Wir sprechen viel über die Opioid- und toxische Drogenkrise, und der Schwerpunkt lag weitgehend auf Überdosierungen und Todesfällen. Wir wollten einige der breiteren Auswirkungen des steigenden Substanzkonsums verstehen. In dieser Studie haben wir gefragt, ob Mütter von diesen sich überschneidenden Krisen verschont geblieben sind, und die Antwort scheint nein zu sein." Die Schäden durch Substanzen seien bei Müttern mindestens genauso stark gestiegen wie bei Frauen ohne Kinder.
Die Autoren schränken jedoch ein, dass die Studie nicht untersucht, ob Mutterschaft oder Elternschaft selbst zu einem steigenden Substanzkonsum führen. Die höheren Raten bei Müttern unter 25 Jahren stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit anderen Faktoren, die dazu führen, dass früher im Leben Kinder geboren werden – was ebenfalls das Risiko für Substanzkonsum erhöhen kann. Für deutsche Leser ist wichtig: Die Daten beziehen sich ausschließlich auf Ontario in Kanada. Belastbare Aussagen zur Situation von Müttern in Deutschland lassen sich daraus nicht ableiten.
Die Forschenden fordern bessere Unterstützung für junge Eltern. Eine angepasste Versorgung könne integrierte Dienste umfassen, die Substanzkonsum und psychische Gesundheit gemeinsam adressieren, sowie Programme, die elterliche Verpflichtungen berücksichtigen. Zudem könnten Upstream-Interventionen – etwa Einkommens- und Wohnungsunterstützung sowie Maßnahmen zur Minderung und Prävention von Partnerschaftsgewalt – einige soziale Treiber angehen, die zum Substanzkonsum beitragen. Damit rückt die Studie nicht nur das Individuum, sondern auch die sozialen Rahmenbedingungen in den Fokus der Prävention.
