Saudi-Aramco-Chef: Ölbestände auf Stressniveau, nur 10% verfügbar
Amin Nasser warnt auf dem Energy Intelligence Forum in London vor kritisch niedrigen globalen Öllagerbeständen und steigender Marktfragilität.

Die globalen, marktzugänglichen Öllagerbestände sind auf kritisch niedrige Niveaus gesunken. Das erhöht die Fragilität der Ölmärkte und treibt die Preise nach oben. Diese Einschätzung äußerten Branchenexecutive in dieser Woche auf einem Forum in London. Im Zentrum der Warnungen steht Amin Nasser, CEO der staatlichen saudischen Ölgesellschaft Saudi Aramco.
Auf dem Energy Intelligence Forum in London erklärte Nasser, die verfügbaren kommerziellen Lagerbestände hätten einen Stresspunkt erreicht. „Heute stehen weniger als 6 billion Barrel kommerzielle Lagerbestände zur Verfügung, wobei der Großteil davon praktisch nicht verfügbar ist, sodass das System bereits unter Druck steht", sagte Nasser. Mit dieser Aussage machte der Aramco-Chef deutlich, wie eng der Puffer am globalen Ölmarkt geworden ist.
Regierungen und Energieunternehmen haben im Laufe des Jahres Öl aus ihren strategischen Reserven abgezogen, um den Druck auf den globalen Ölmarkt zu mildern. Dieser steht durch Lieferengpässe infolge der Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine unter Belastung. Seit Beginn der aktuellen Krise im Nahen Osten seien mehr als 1 billion Barrel Öl freigegeben worden, vor allem aus terrestrischen kommerziellen Lagerbeständen, so Nasser. Er beschrieb diese Freigaben als das letzte große verfügbare Instrument.
IEA bereitet Freigabe von 100 Millionen Barrel vor
Die Internationale Energieagentur (IEA), die die strategischen Ölreserven westlicher Nationen koordiniert, bereitet die Freigabe von 100 million Barrel Rohöl und Diesel vor. Damit soll den steigenden Dieselpreisen entgegengewirkt werden. Es bleibt jedoch unklar, ob ein Teil dieses Volumens auch Anteile aus ihrer rekordverdächtigen Freigabe von 400 million Barrel aus dem März umfasst. Diese Menge hat den Markt noch nicht erreicht.
Zu der Entscheidung der IEA sagte Nasser: „Es hat viele Verhandlungen erfordert, aber es ist 100 million." Zugleich betonte er die angespannte Lage: „Die Lagerbestände erreichen ein Stressniveau. Nur noch 10% oder weniger ist verfügbar, weshalb sie Schwierigkeiten mit 100 million Barrel haben."
Der weltweite Ölbedarf liegt laut IEA bei etwa 102 million Barrel pro Tag. Nasser wies darauf hin, dass weltweit eine erhebliche Nachfrage besteht, zusätzliche Lagerbestände aufzubauen. Diese Kombination aus knappen Vorräten und anhaltend hoher Nachfrage erklärt, warum der Markt nach Einschätzung der Branchenvertreter so anfällig auf neue Störungen reagiert.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung in mehrfacher Hinsicht relevant. Öl ist ein zentraler Kostenfaktor für die Industrie und für Verbraucher, etwa an der Tankstelle oder bei Heizkosten. Steigt der Ölpreis, schlägt sich das mittelfristig auch in der Inflation nieder. Die Ankündigung einer weiteren IEA-Freigabe zeigt, wie stark die Politik eingreifen muss, um den Markt zu stabilisieren.
Die Zahlen, die Nasser nennt, unterstreichen die angespannte Versorgungslage. Zugleich bleibt die Nachfrageseite robust: Rund 102 million Barrel pro Tag werden weltweit verbraucht. Solange zusätzliche Lagerbestände aufgebaut werden sollen, bleibt der Druck auf die verfügbaren Mengen hoch. Ob die geplante Freigabe von 100 million Barrel ausreicht, um die Preise spürbar zu dämpfen, ist offen. Klar ist: Die strategischen Reserven sind ein begrenztes Instrument, und die wiederholten Freigaben in diesem Jahr haben die Puffer weiter reduziert.
Die Aussagen aus London dürften die Debatte über Versorgungssicherheit und Preisrisiken weiter befeuern. Für Marktteilnehmer bleibt die zentrale Frage, wie schnell neue Mengen tatsächlich an den Markt gelangen und wie stark die geopolitischen Spannungen die Lieferketten weiter belasten. Nasser machte deutlich, dass der Handlungsspielraum enger geworden ist – ein Signal, das über den reinen Ölmarkt hinaus Wirkung entfalten dürfte.
