Prognosemärkte: Warum Gen Z trotz Verlustrisiko wettet
Über 70% der Händler verlieren Geld – dennoch setzen junge Generationen verstärkt auf Prediction Markets als Weg zum Wohlstand.

Prognosemärkte boomen in den USA, doch die Mehrheit der Nutzer verliert dabei Geld. Besonders Gen Z und Millennials strömen auf Plattformen wie Polymarket und Kalshi – getrieben von finanziellem Druck und der Hoffnung auf schnelle Gewinne. Die Zahlen zeichnen ein ernüchterndes Bild.
Laut einer Studie von Northwestern Mutual vom Januar geben 32% der Generation Z und 24% der Millennials an, aktuell Geld in Prognosemärkte oder Sportwetten zu investieren oder dies zu erwägen. Zum Vergleich: Bei allen US-Erwachsenen sind es nur 17%, bei der Generation X und den Babyboomern liegt der Anteil noch deutlich darunter. Die Umfrage befragte knapp 4.400 US-Amerikaner zu verschiedenen Finanzaktivitäten.
Verluste dominieren das Bild
Die Realität auf den Plattformen ist für die meisten Nutzer wenig erfreulich. Eine Bloomberg-Analyse von Handelsdaten der Datenfirma Dune zeigt, dass über 100.000 Konten auf Polymarket mindestens 1.000 US-Dollar verloren haben – mehr als doppelt so viele wie jene, die einen entsprechenden Betrag gewonnen haben. Forscher französischer und kanadischer Business Schools stellten in einem im März veröffentlichten Papier fest, dass seit 2022 rund 69% der Konten auf Polymarket Geld verloren haben. Noch drastischer: 77% der Gewinne entfielen auf die obersten 1% der Nutzer.
Auch bei Kalshi sieht es nicht besser aus. Über 70% der Händler waren dort in den letzten sechs Monaten unprofitabel, wie aus Daten hervorgeht, die das Unternehmen mit CNBC Make It teilte. Kalshi bestätigte zwar Millionen von monatlichen Nutzern, lehnte es jedoch ab, weitere Details zu den Verlusten der Nutzer zu nennen. Polymarket reagierte auf eine Anfrage von CNBC Make It nicht.
Trotz dieser Zahlen wächst der Markt rasant. Laut einem Bericht der Investmentfirma Bernstein vom April wird erwartet, dass sich das Handelsvolumen im Jahr 2026 gegenüber dem Vorjahr fast vervierfacht und bis 2030 die Marke von einer Billion US-Dollar erreicht. Polymarket und Kalshi dominieren die US-Prognosemärkte mit einem kombinierten Handelsvolumen von bereits 60 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026.
Finanzieller Nihilismus als Antrieb
Warum setzen junge Menschen trotz der schlechten Erfolgsquoten auf diese Plattformen? Die Northwestern-Mutual-Studie liefert eine Antwort: Unter denjenigen, die sich für Prognosemärkte, Sportwetten, Kryptowährungen, Optionen oder Meme-Aktien interessieren, geben 80% der Gen Z und 75% der Millennials an, dies zu tun, weil sie sich finanziell im Rückstand fühlen. Sie glauben, dass diese Plattformen ihnen eher helfen können, ihre finanziellen Ziele zu erreichen als traditionelle Methoden.
Finanzexpertin Haley Sacks, online bekannt als Mrs. Dow Jones und Moderatorin des Podcasts „Financial Tea", benennt das zugrundeliegende Phänomen klar: „Es gibt ein wachsendes Gefühl des Nihilismus, eines finanziellen Nihilismus, dass die traditionellen Geldregeln außer Kraft gesetzt sind." Sie ergänzt: „Wohnraum ist unerschwinglich, die Inflation frisst den Gehaltsscheck auf, und ich denke, die Leute haben einfach das Gefühl, dass der langsame und stetige Ansatz vielleicht eine Art Betrug ist."
Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums vom März nennt hohe Studienverschuldung und stagnierende Löhne bei gleichzeitig steigenden Wohnkosten als Haupttreiber für den finanziellen Nihilismus der Gen Z. Diese strukturellen Probleme sind auch in Deutschland bekannt und machen das Phänomen für hiesige Anleger nachvollziehbar.
Unterhaltung statt Investment
Prognosemärkte bieten Wetten auf eine breite Palette von Themen – von Wahlergebnissen über Popkultur bis hin zu Wettervorhersagen. Sacks erklärt die Anziehungskraft: „Sie geben einem fast das Gefühl, dass all die Stunden, die man mit Doomscrolling auf TikTok oder dem Verfolgen von Promi-Dramen verbracht hat, in Wirklichkeit Marktforschung sind." Die Plattformen vermitteln das Gefühl, dass Fan-Wissen oder Nachrichtenkonsum in bare Münze umgewandelt werden kann.
Sacks warnt jedoch eindringlich davor, auf Prognosemärkten eingesetztes Geld als Investition zu betrachten: „In dem Moment, in dem man das Wetten auf Prognosemärkten als Investition bezeichnet, hat man bereits verloren." Ihr Rat: Das eingesetzte Geld wie Ausgaben für Unterhaltung behandeln – ähnlich wie ein Kinoticket oder ein Abendessen, ohne Erwartung einer Rendite.
Auch John Roberts, Chief Field Officer von Northwestern Mutual, mahnt zur Vorsicht: „Investieren Sie nicht mehr, als Sie sich leisten können, vollständig zu verlieren, und konzentrieren Sie Ihre Planung auf Strategien, die sich bewährt haben, um Menschen dabei zu helfen, langfristig Vermögen aufzubauen und zu schützen." Finanzexperten empfehlen stattdessen klassische Strategien wie Investitionen in kostengünstige Indexfonds und regelmäßige Einzahlungen in Rentenkonten – Methoden, die zwar Zeit brauchen, aber nachweislich funktionieren.
Zusätzlich stehen Prognosemärkte unter regulatorischer Beobachtung. Es gab Vorwürfe, dass Personen unrechtmäßig Insiderwissen genutzt haben sollen, um Gewinne zu erzielen. Sowohl Polymarket als auch Kalshi geben an, Regeln zur Unterbindung von Insiderhandel implementiert zu haben.
