Pflegekosten sind das größte finanzielle Risiko für Selbstständige
Eine Civey-Umfrage im Auftrag der Debeka zeigt: Fast die Hälfte der Selbstständigen fürchtet die Pflegekosten mehr als jede andere Finanzlast.

Die Pflegebedürftigkeit gilt in Deutschland als das größte finanzielle Risiko für Erwachsene. Zu diesem Ergebnis kommt eine Civey-Umfrage im Auftrag des Versicherers Debeka, die im September durchgeführt wurde. 34 Prozent der befragten Erwachsenen nannten die Pflegebedürftigkeit als größtes finanzielles Risiko. An zweiter Stelle steht die Armut im Rentenalter.
Bei Selbstständigen fällt das Ergebnis noch deutlicher aus: 47 Prozent sehen in der Pflegebedürftigkeit das größte finanzielle Risiko. Das hat einen strukturellen Grund. Selbstständige haben meist keine oder nur eine kleine gesetzliche Rente, weil sie in der Regel nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Ihre Altersvorsorge stützt sich häufig auf vermietete Immobilien – ein Vermögenswert, der im Pflegefall nicht geschützt ist.
Denn die gesetzliche Pflegeversicherung ist keine Vollkasko-Absicherung. Sie deckt nur einen Teil der Pflegekosten. Sozialkassen zahlen erst dann, wenn kein Vermögen mehr vorhanden ist. Pflegebedürftigkeit wird damit zum Armutsrisiko – auch für Menschen, die jahrzehntelang Rücklagen gebildet haben.
Die Details
Ein Platz im Pflegeheim kostet rund 4500 Euro monatlich. Die Pflegeversicherung zahlt je nach Pflegegrad unterschiedlich viel, in der höchsten Stufe – Pflegestufe 5 – bis zu 2096 Euro monatlich. Daraus ergibt sich eine Eigenbeteiligung von im Schnitt 3237 Euro pro Monat. Dieser Betrag übersteigt die Alterseinkünfte der meisten Rentner deutlich.
Zum Vergleich: Männer im Rentenalter verfügen über durchschnittlich 2403 Euro monatlich, Frauen über 1822 Euro. Bei diesen Rentenangaben sind Hinterbliebenenrenten nicht berücksichtigt. Die Lücke zwischen Eigenanteil und Einkommen müssen Pflegebedürftige aus Vermögen schließen.
Dabei werden Vermögen und Immobilien sukzessive aufgelöst. Eine Ausnahme gilt für das selbst genutzte Eigenheim: Es bleibt geschützt, wenn Angehörige dort ihren Wohnsitz haben. Vermietete Immobilien dagegen müssen veräußert werden. Genau diese vermieteten Immobilien sind für viele Selbstständige die wichtigste Altersvorsorge.
Selbstständige sind meist in einer privaten Pflegepflichtversicherung abgesichert. Deren Leistungsumfang entspricht dem der gesetzlichen Pflegeversicherung – die Finanzierungslücke bleibt also bestehen. Eine private Pflegezusatzversicherung kann diese Lücke verringern.
An der Diskussion beteiligt sind neben dem Versicherer Debeka und dem Meinungsforschungsinstitut Civey auch das Statistische Bundesamt, die gesetzliche Pflegeversicherung, die private Pflegepflichtversicherung, die private Pflegezusatzversicherung sowie die gesetzliche Rentenversicherung.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 22.01.2026 berichtete aktien.news, dass Pflegebedürftige im ersten Jahr durchschnittlich 3.245 Euro monatlich aus eigener Tasche zahlen müssen – einschließlich Unterkunft, Verpflegung und Investitionen. Der Anstieg von 261 Euro binnen Jahresfrist setzte viele Familien unter erheblichen finanziellen Druck.
Am 19.05.2026 berichtete aktien.news über die lebenslangen Kosten der Alzheimer-Pflege. Laut der Alzheimer's Association belaufen sich die gesamten Pflegekosten für einen Alzheimer-Patienten auf rund 417.000 Dollar – mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne diese Erkrankung. Wer Pflege in einem Heim benötigt, muss mit Kosten von mehr als 100.000 Dollar pro Jahr rechnen.
Am 07.06.2026 folgte ein Beitrag zur Pflegevorsorge von Frauen. Laut einer Studie des US-Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2022 werden rund 26 Prozent aller Frauen länger als fünf Jahre auf Langzeitpflege angewiesen sein. Bei Männern liegt dieser Anteil mit 17,5 Prozent merklich niedriger.
Am 09.06.2026 berichtete aktien.news über die geplante Pflegereform. Laut einem Referentenentwurf könnten Hunderttausende Kinder künftig wieder für die Pflegekosten ihrer Eltern aufkommen müssen – die Pflicht soll offenbar auch unterhalb einer Jahreseinkommensgrenze von 100.000 Euro greifen. Hintergrund ist die Finanzierungslücke in der Pflegeversicherung, der ohne Gegenmaßnahmen ein Defizit von rund 7,6 Milliarden Euro droht.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger zeigt die Umfrage vor allem eines: Die Pflegekosten sind ein Planungsfaktor, der nicht in die Zukunft verschoben werden sollte. Wer heute Vermögen aufbaut, sollte prüfen, wie dieses Vermögen im Pflegefall behandelt wird. Zwischen selbst genutztem Eigenheim, vermieteter Immobilie und liquiden Rücklagen bestehen erhebliche Unterschiede.
Selbstständige trifft die Problematik doppelt. Sie tragen einerseits das höhere subjektive Risiko – 47 Prozent nennen die Pflegebedürftigkeit als größtes Risiko – und verfügen andererseits seltener über eine gesetzliche Rente. Wer seine Altersvorsorge auf vermietete Immobilien stützt, sollte wissen, dass diese im Pflegefall veräußert werden müssen. Das kann die gesamte Vorsorgeplanung infrage stellen.
Ein zweiter Blick sollte der Absicherung selbst gelten. Die private Pflegepflichtversicherung bietet den gleichen Leistungsumfang wie die gesetzliche Pflegeversicherung. Sie schließt die Finanzierungslücke also nicht. Eine private Pflegezusatzversicherung kann diese Lücke verringern – sie ist damit ein Baustein, der die Eigenbeteiligung reduziert.
Wer die eigene Situation einschätzen will, sollte drei Fragen beantworten: Wie hoch ist der zu erwartende Eigenanteil im Pflegefall? Welche Einkünfte stehen dem gegenüber? Und welches Vermögen müsste dafür aufgelöst werden? Die Antworten zeigen, wo eine zusätzliche Absicherung ansetzen kann.
Ausblick
Eine Expertenkommission soll Strukturreformen für die Pflegeversicherung vorschlagen. Die finanziellen Lasten für Pflegebedürftige dürften weiter steigen. Für die kommenden Jahre ist damit zu rechnen, dass die Eigenbeteiligung an den Pflegekosten nicht zurückgeht.
Kurz erklärt
- Eigenanteil: Der Betrag, den Pflegebedürftige nach Abzug der Leistungen der Pflegeversicherung selbst tragen müssen.
- Private Pflegepflichtversicherung: Die Absicherung, die Selbstständige in Deutschland meist anstelle der gesetzlichen Pflegeversicherung abschließen.
- Private Pflegezusatzversicherung: Eine ergänzende Versicherung, die die verbleibende Finanzierungslücke verringern kann.
