Ölpreisschock und Inflation: Bank of England unter Druck
Explodierende Ölpreise und hartnäckige Inflation zwingen die BoE zu einer Zinswende.

Die Bank of England (BoE) steht vor einer schwierigen geldpolitischen Entscheidung. Angesichts explodierender Ölpreise, die infolge der eskalierenden Konflikte im Nahen Osten die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel überschritten haben, wächst der Druck auf die Währungshüter, die Zinsen noch in diesem Jahr anzuheben. Für die anstehende Sitzung am Donnerstag gehen die Märkte mehrheitlich von einem unveränderten Leitzins von 3,75 Prozent aus.
Doch Analysten und Investoren signalisieren eine zunehmende Dringlichkeit für eine straffere Geldpolitik. Die Kombination aus einem externen Ölpreisschock und einer weiterhin hartnäckigen Binneninflation stellt die Notenbank vor ein klassisches Dilemma: Steigende Energiepreise dämpfen die Wirtschaft, während sie gleichzeitig die Teuerung anheizen.
Goldman Sachs revidiert Prognose nach oben
Experten von Goldman Sachs haben ihre Prognose revidiert und erwarten nun für November eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte. Zuvor waren sie von einer Stagnation für den Rest des Jahres ausgegangen. Diese Einschätzung stützt sich auf das robuste Wirtschaftswachstum, das im Juli den schnellsten Anstieg seit 18 Monaten verzeichnete, sowie auf die hartnäckige Inflation.
JPMorgan-Ökonom Allan Monks prognostiziert, dass die Teuerungsrate bis Anfang nächsten Jahres auf 4 Prozent oder mehr steigen könnte – das Doppelte des offiziellen BoE-Ziels von 2 Prozent. Sollte sich diese Prognose bewahrheiten, wäre die Notenbank gezwungen, deutlich gegenzusteuern.
Debatte im geldpolitischen Ausschuss wird intensiver
Innerhalb des geldpolitischen Ausschusses (MPC) zeichnet sich eine intensivere Debatte ab. Laut LSEG-Daten wird ein Abstimmungsverhältnis von sechs zu drei Stimmen für eine Zinspause erwartet. Doch Marktbeobachter wie Akshay Singal von Citi halten eine Überraschung oder ein knapperes 5-zu-4-Votum für möglich. Ein solches Ergebnis würde signalisieren, dass die Falken im Ausschuss an Einfluss gewinnen.
Zudem steht die Zukunft des Programms zur quantitativen Straffung (QT) auf dem Prüfstand. Angesichts der jüngsten Turbulenzen am Anleihemarkt, bei denen die Renditen 30-jähriger Staatsanleihen (Gilts) fast 6 Prozent erreichten, spekulieren Marktteilnehmer auf eine Drosselung der Bilanzverkürzung. Konkret wird über eine Reduzierung von 70 Mrd. auf 50 Mrd. Pfund diskutiert, um den Markt zu entlasten.
Globaler Kontrast: China mit schwacher Kreditdynamik
Während die britische Zentralbank mit diesen Herausforderungen ringt, zeigt ein Blick nach Asien die globalen wirtschaftlichen Spannungen. In China fielen die neuen Bankkredite im August mit 60 Milliarden Yuan deutlich hinter die Erwartungen der Analysten von 400 Milliarden Yuan zurück. Dies unterstreicht die anhaltend schwache Kreditnachfrage von Haushalten und Unternehmen, nachdem der Juli sogar einen historischen Rückgang der Kreditvergabe verzeichnet hatte.
Dieser Kontrast zwischen der drohenden Straffung in Großbritannien und der schwachen Kreditdynamik in China verdeutlicht die komplexe Lage der Weltwirtschaft in diesem Herbst. Während die BoE gegen die Inflation kämpft, kämpft die chinesische Wirtschaft mit einer Nachfrageschwäche, die durch die Immobilienkrise und die anhaltende Konsumzurückhaltung verstärkt wird.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung in Großbritannien besonders relevant, da die Europäische Zentralbank (EZB) vor ähnlichen Herausforderungen steht. Auch hierzulande bleibt die Inflation hartnäckig, während die Konjunktur schwächelt. Die Entscheidungen der BoE könnten daher als Gradmesser für die künftige Geldpolitik im Euroraum dienen.
