Ölpreis unter Druck: Hormus-Krise treibt Brent auf 113 Dollar
Nach starken Vortagesgewinnen legen die Ölpreise eine Pause ein – doch die geopolitische Lage bleibt hochexplosiv.

Die Ölpreise haben am Dienstag, dem 5. Mai 2026, nach kräftigen Kursgewinnen vom Vortag eine leichte Verschnaufpause eingelegt. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juli sank zwischenzeitlich auf 113,13 US-Dollar. Das große Bild bleibt jedoch unverändert dramatisch: Seit Kriegsbeginn Ende Februar hat der Rohölpreis um mehr als 40 Dollar zugelegt.
Auslöser der jüngsten Preisrally ist die erneute Eskalation im Nahen Osten. Der Iran hat Ölanlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen und in Brand gesetzt – eine direkte Reaktion auf eine US-Initiative zur Öffnung der Straße von Hormus. US-Präsident Donald Trump antwortete mit scharfen Drohungen: Der Iran werde „von der Erde gefegt", sollte er Schiffe angreifen, die im Rahmen dieser Initiative operieren. Teherans Außenminister Abbas Araghtschi warnte Washington seinerseits unmissverständlich vor einer Fortsetzung seines Kurses.
„Die Angriffe deuten allesamt darauf hin, dass der Waffenstillstand bröckelt", sagt Saul Kavonic, leitender Energieanalyst bei MST Marquee. Seine Einschätzung ist eindeutig: „Der Ölpreis könnte deutlich ansteigen, sollte der Krieg wieder aufflammen und vor allem, wenn es zu weiteren Schäden an der Öl-Infrastruktur kommt."
Straße von Hormus: Der gefährlichste Engpass der Welt
Bereits am Montag, dem 4. Mai, hatten die Ölpreise trotz Trumps angekündigter Maßnahmen zur Öffnung der Meerenge weiter zugelegt. Brent stieg im Tagesverlauf zeitweise um 4,18 Prozent auf 112,57 Dollar – nachdem der Preis zuvor noch unter 110 Dollar gelegen hatte. Der Kommandeur der iranischen Zentralen Militärführung, Ali Abdollahi Aliabadi, drohte offen: Frachter, die die Straße von Hormus passieren wollten, müssten dies mit iranischen Streitkräften absprechen – andernfalls drohten Angriffe.
Trumps Initiative „Projekt Freiheit" soll Schiffen helfen, die wegen der Blockade der Meerenge feststecken. Händler bezweifeln jedoch, dass der Plan in der Praxis funktionieren wird – entsprechend blieb die Risikoprämie im Ölpreis hoch. Widersprüchliche Berichte über Zwischenfälle in der Meerenge sorgten für zusätzliche Unruhe. Iranische Medien berichteten, US-Verbände seien an der Einfahrt gestoppt worden; das US-Regionalkommando Centcom wies Berichte über einen Raketenangriff auf ein US-Schiff als falsch zurück.
Politisch gilt die Lage als festgefahren: Die Gespräche zwischen Washington und Teheran über ein Ende des Kriegs kommen nicht voran. Bereits in der Vorwoche waren die Ölpreise auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2022 gestiegen.
Rückblick: Brent über 105 Dollar Ende April
Am 24. April hatte sich Brent-Öl zur Lieferung im Juni bei 105,15 US-Dollar stabilisiert – klar über der psychologisch bedeutsamen Marke von 100 Dollar. Rohstoffexpertin Barbara Lambrecht von der Commerzbank betonte damals, dass die Straße von Hormus der zentrale Engpass bleibe: Solange sich dort keine Öffnung abzeichne, dürfte Brent über 100 Dollar verharren. Im Wochenverlauf hatte sich Brent um rund neun Dollar verteuert, US-Rohöl WTI stieg auf 95,93 Dollar je Barrel.
Mona Yacoubian vom Center for Strategic and International Studies warnte: Je länger der Krieg andauere, desto klarer werde, dass die negativen Folgen noch Monate, wenn nicht länger, spürbar sein dürften. Selbst Meldungen über eine mögliche Verlängerung der Waffenruhe zwischen der Hisbollah-Miliz im Libanon und Israel verpufften am Ölmarkt wirkungslos.
Kurze Hoffnung Mitte April: Brent fiel unter 100 Dollar
Mitte April hatte es kurzzeitig Entspannungssignale gegeben. Am 15. April kostete ein Barrel Brent rund 94,80 Dollar – die Notierung hatte sich nach einem deutlichen Rückschlag unter der 100-Dollar-Marke stabilisiert. Hintergrund war die Hoffnung auf ein Ende des Iran-Kriegs: Trump erklärte in einem Fox-News-Interview, der Konflikt sei „fast vorbei". Analystin Dilin Wu vom Handelshaus Pepperstone rechnete kurzfristig eher mit einer Seitwärtsentwicklung – leicht abwärts gerichtet. Gleichzeitig betonte sie, dass selbst bei einer politischen Entspannung das reale Angebot nur schrittweise zurückkehren werde.
Bereits am 14. April hatten diplomatische Signale die Ölpreise unter Druck gesetzt. Brent fiel auf 98,62 US-Dollar, WTI sogar auf 97,38 Dollar – ein Minus von 1,72 Prozent. US-Vizepräsident JD Vance hatte erklärt, die Gespräche mit dem Iran hätten „große Fortschritte" gebracht. Direkte Verhandlungen in Islamabad unter pakistanischer Vermittlung blieben jedoch ohne konkretes Ergebnis. Analysten der Helaba hielten es für „völlig unklar, ob sich in den kommenden Tagen eine Lösung des Konflikts finden lässt."
Für Privatanleger bleibt die Lage am Ölmarkt damit das bestimmende Thema: Energieaktien, Rohstoff-ETFs und die gesamte Weltwirtschaft reagieren sensibel auf jeden neuen Schritt in diesem Konflikt. Solange die Straße von Hormus nicht dauerhaft geöffnet ist, dürfte der Ölpreis volatil und auf erhöhtem Niveau bleiben.
