Straße von Hormus gesperrt: Warum Brent-Öl nicht explodiert
Trotz der größten Ölversorgungsunterbrechung der Geschichte bleibt Brent-Rohöl moderat. Yardeni Research erklärt sechs dämpfende Faktoren.

Die Schließung der Straße von Hormus seit dem 28. Februar gilt als die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarktes. Mehr als 15 Prozent des weltweiten Angebots fielen damit weg. Viele Analysten hatten Preise von 150 bis 200 US-Dollar pro Barrel prognostiziert – doch Brent-Rohöl notiert lediglich in der Spanne von 90 bis 100 Dollar. Das Analysehaus Yardeni Research hat nun sechs Faktoren identifiziert, die den erwarteten Preisschock abgefedert haben.
Der erste und wohl wichtigste Faktor ist die Umgehungsinfrastruktur. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre Pipeline-Kapazitäten massiv hochgefahren. Zusammen transportieren sie nun rund 7 Millionen Barrel pro Tag – verglichen mit den 17 bis 20 Millionen Barrel, die zuvor täglich durch die Meerenge flossen. Diese Kapazität deckt damit einen erheblichen Teil des ausgefallenen Volumens ab, reicht aber bei Weitem nicht aus, um die Lücke vollständig zu schließen.
Als zweiten Faktor nennt Yardeni Notfalllieferungen über verschiedene Kanäle. Dazu zählen Ausnahmeregelungen für iranisches und russisches Öl, Freigaben aus den strategischen Reserven der Internationalen Energieagentur (IEA) sowie der Wiederverkauf chinesischer Lagerbestände auf dem Weltmarkt. Diese Maßnahmen haben gemeinsam dazu beigetragen, die unmittelbaren Engpässe zu mildern.
Der Weltmarktpreis erzählt nur die halbe Geschichte
Drittens weist Yardeni auf eine wichtige Differenzierung hin: Der viel beachtete Brent-Preis spiegelt die globale Lage nur unvollständig wider. „Während der Referenzpreis für Brent-Rohöl nahe 100 Dollar pro Barrel verharrte, ist dies nicht repräsentativ für die Ölpreise weltweit", schrieb das Unternehmen. „Die nach Asien gelieferte Sorte Dubai Crude ist auf bis zu 260 Dollar pro Barrel gesprungen. Lokale Käufer in ganz Asien zahlen Aufschläge." Für asiatische Volkswirtschaften, die stark von Golfstaaten-Importen abhängig sind, ist die Lage also deutlich dramatischer als der Brent-Preis vermuten lässt.
Als vierten Faktor führt Yardeni die sich beschleunigende Nachfragezerstörung an. Die IEA prognostiziert mittlerweile, dass die weltweite Ölnachfrage im Jahr 2026 um 80.000 Barrel pro Tag schrumpfen wird. Hohe Preise und wirtschaftliche Unsicherheit bremsen den Verbrauch spürbar.
Fünftens ist die Weltwirtschaft heute deutlich weniger energieintensiv als noch während der Ölschocks der 1970er-Jahre. Effizienzgewinne, der Ausbau erneuerbarer Energien und strukturelle Veränderungen in den Industrieländern dämpfen die Abhängigkeit vom Rohöl – und damit auch die Preissensitivität bei Angebotsausfällen.
Futures-Markt signalisiert vorübergehende Unterbrechung
Der sechste und letzte Faktor ist das Signal der Terminmärkte. Der Handel mit Öl-Futures befindet sich in einer ausgeprägten Backwardation – das bedeutet, dass Terminkontrakte für spätere Lieferungen günstiger notieren als Kontrakte für sofortige Lieferung. Dies signalisiert, dass die Märkte die aktuelle Unterbrechung als vorübergehend und nicht als dauerhaft einschätzen.
Für den weiteren Jahresverlauf zeigt sich Yardeni Research verhalten optimistisch. „Wir gehen davon aus, dass ein Barrel Brent-Rohöl für den Rest des Jahres in der Spanne von 85 bis 100 Dollar gehandelt wird, was über dem Niveau vor dem Konflikt liegt", so das Unternehmen. Gleichzeitig sieht Yardeni Zinserhöhungen vorerst vom Tisch – solange die langfristigen Inflationserwartungen verankert bleiben und das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale gering bleibt. Für deutsche Anleger und Unternehmen bedeutet dies: Die Energiekosten bleiben erhöht, ein unkontrollierbarer Preisschock wie in den 1970er-Jahren scheint aber derzeit nicht das Basisszenario.
