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Ölpreis-Prognose: Wann Sprit- und Rohölpreise wieder sinken

Geopolitische Spannungen treiben Ölpreis – wann Anleger mit einer Entspannung rechnen können

6 Min
Ölpreis-Prognose: Wann Sprit- und Rohölpreise wieder sinken

Für Autofahrer wird die Lage an den Tankstellen immer ungemütlicher. Die Spritpreise haben ein Allzeithoch erreicht, und der Tankstellenverband rechnet damit, dass in den nächsten Wochen die Marke von drei Euro pro Liter fallen könnte. Auslöser ist eine erneute Eskalation der Lage im Nahen Osten. Diesmal sind gleich zwei der wichtigsten Energieversorgungsrouten der Welt betroffen: Die Straße von Hormus ist seit März blockiert, und nun fällt auch die Straße von Bab al-Mandab zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden teilweise aus. Huthi-Rebellen haben vergangene Woche eine strategisch wichtige Insel an der engsten Stelle dieser Passage eingenommen.

Doch die Huthi blieben nicht untätig. Am 8. September griffen sie den saudischen Ölhafen Dschisan an und setzten zwei Öltanks in Brand. Nur zwei Tage später attackierten offenbar vom Iran unterstützte Milizen aus dem Irak die saudische Ost-West-Pipeline – eine der zentralen Lebensadern der Weltwirtschaft. Durch diese Pipeline flossen in den vergangenen Monaten bis zu sieben Prozent des täglich weltweit verbrauchten Öls. Zuletzt transportierte sie nahezu das gesamte Öl, das Saudi-Arabien als zweitwichtigster Petroleumproduzent der Welt exportiert.

Die große Sorge der Märkte: ein monatelanger Ausfall dieser kritischen Infrastruktur. Das wäre eine mittlere Katastrophe für den Ölpreis. Manche Experten sehen die Marke von 150 Dollar pro Barrel bereits in greifbarer Nähe. Doch wie dramatisch ist die Lage tatsächlich?

Geopolitik: Ein Wettstreit mit ungewissem Ausgang

US-Energieminister Chris Wright zeigte sich am Dienstag im Interview mit dem US-Sender CNBC betont gelassen. „Das wird eine kurze und zeitlich begrenzte Unterbrechung sein“, sagte er. Die Störung werde lediglich Tage dauern. Analysen aktueller Satellitenbilder der betroffenen Pumpstationen durch die WirtschaftsWoche stützen diese Einschätzung. Die Schäden an den Pumpstationen 8 und 9 erscheinen demnach überschaubar und könnten zügig repariert werden.

Die Pumpstation 11, wo die Milizen einen Volltreffer landeten, ist zwar schwer beschädigt. Eine Reparatur dürfte hier Monate dauern. Allerdings begannen Arbeiter bereits einen Tag nach dem Angriff damit, eine Hilfspipeline um die Station herum zu verlegen. Auch hier könnte also relativ schnell wieder Öl fließen.

Die Einnahme der Insel Perim in der Meerenge Bab al-Mandab durch die Huthi am 11. September deutet jedoch darauf hin, dass ein längeres Auf und Ab am Ölmarkt bevorsteht. Die Insel ist der perfekte Ausgangspunkt, um die für die Weltwirtschaft wichtige Passage zu blockieren oder gezielt saudische Öltanker anzugreifen. Eine kurzfristige Wiederaufnahme der Öllieferung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das fundamentale Problem bestehen bleibt: ein auf Provokation getrimmtes Regime im Iran.

Die Angriffe lassen sich allesamt mit Teheran in Verbindung bringen. Die Milizen aus dem Irak werden genauso vom Mullahregime unterstützt wie die Huthi im Jemen. Und der Iran hat ein großes Interesse daran, die Lage instabil und den Ölpreis hoch zu halten. „Diese Volatilität nutzt dem Iran, das ist ein sehr starkes Druckmittel“, erklärt Timo Blenk von der geopolitischen Strategieberatung Agora Strategy. Die Mullahs wüssten, dass der Winter kommt und die Nervosität steigt. Zudem isoliere es die USA in der Golfregion. Blenk glaubt sogar, dass die Zahl der Zwischenfälle eher zunehmen wird. Besonders vor den Zwischenwahlen in den USA bringen steigende Spritpreise Präsident Donald Trump zunehmend in Bedrängnis.

Sollten die USA sich weiterhin weigern, Saudi-Arabien beizustehen, gibt es Blenk zufolge nur zwei plausible Szenarien. Weil Russland die Situation eher nützt, bleibt nur China, um einen Frieden auszuhandeln. Die Volksrepublik hat ein starkes Interesse an einer Normalisierung, ist sie doch der wichtigste Abnehmer von Öl aus der Golfregion. Sollte China nicht bereitstehen, bleibt nur der offene Krieg gegen die Huthi – der allerdings nicht ohne Bodentruppen auskommen dürfte.

Logistik: Begrenzte Alternativen für die Ölversorgung

Wie der politische Status quo verändert werden könnte, ist ungewiss. Daher lohnt ein Blick auf die Alternativen jenseits der Konfliktregion. Die Handelswege durch die Meerengen von Bab al-Mandab und Hormus sind vor allem für die Versorgung Ostasiens von Bedeutung. Daten der US-Regierung zufolge gingen bis 2025 rund 60 Prozent der Ölförderung der wichtigsten OPEC-Staaten über diese Routen nach Ostasien. Rund die Hälfte der täglich passierenden 23 Millionen Barrel war für China bestimmt, ein weiteres Drittel für Südkorea und Japan.

Für Europa ist die Bedeutung dieser Routen eher gering. Gleichzeitig ändert eine Reparatur der saudischen Ost-West-Pipeline wenig an der kurzfristigen Mangelsituation in Asien. Die aktuell einzig sichere Exportroute führt vom Hafen Yanbu durch den Suezkanal. Öl mit Ziel Indien müsste dann durchs Mittelmeer und um Afrika herum transportiert werden. Doch dieser Ausweg ist nur theoretisch: Die Verschiffung um Afrika dauert mindestens zwei Wochen länger und treibt die Kosten für Risikoprämien, Transport und Charter weiter in die Höhe.

Börse: Die Angstkurve hat ein Ende

Wie sich diese Gemengelage in der Vergangenheit ausgewirkt hat, zeigt der Preisverlauf der Öl-Futures für die Nordseesorte Brent. Auffällig ist, wie empfindlich der Ölmarkt auf geopolitische Krisen reagiert. Gleichzeitig zeigt die Statistik einen signifikanten Gewöhnungseffekt. Die Spannbreite des Ölpreises zwischen Anfang 2019 und dem Beginn der Coronapandemie gilt als „Normalzustand“: Ein Preis zwischen 60 und 70 Dollar pro Barrel entspricht in normalen Zeiten dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Die Entwicklung ab März 2020 war zunächst durch den Nachfrageeinbruch infolge der Pandemie gekennzeichnet. Ab Ende 2021 folgte die Normalisierung, mit der die zuvor reduzierte Produktion nicht vollends Schritt hielt. Der Ukraine-Krieg löste dann die Energiekrise in Europa aus. Doch der Markt zeigte seine Resilienz: Trotz unveränderter Kriegssituation schwächten sich die Preise wieder auf ein Niveau um 85 Dollar ab.

Wie angespannt die Lage derzeit ist, zeigt sich vor allem an den Terminmärkten. An der Londoner Intercontinental Exchange (ICE) und der New Yorker Mercantile Exchange notiert Öl für kurzfristige Lieferungen wesentlich höher als für langfristige. In London kostet ein Fass Brent zur sofortigen Lieferung 108 Dollar, für Dezember 2026 nur noch 102,60 Dollar. Wer bis Ende 2027 Zeit hat, zahlt sogar nur 78,80 Dollar.

Dieses Phänomen nennen Fachleute „Backwardation“: Kurzfristige Terminkontrakte sind teurer als langfristige. Der Normalfall bei Rohstoffen ist dagegen „Contango“ – Kontrakte werden umso teurer, je länger sie laufen. Die extreme Backwardation spiegelt die aktuelle Knappheit durch die Blockade der Straße von Hormus wider. Wer Öl sofort braucht, muss deutlich mehr bezahlen.

Szenarien für einen Ölpreis-Rückgang

Wie in der ersten Phase des Iran-Konflikts im Frühjahr 2025 oder zu Beginn des Ukraine-Kriegs ist die Backwardation derzeit extrem ausgeprägt. Für einen Zeitraum von einem Jahr ist Öl rund 30 Dollar billiger als zur sofortigen Lieferung. Darin steckt die Hoffnung, dass Öl mittel- bis langfristig deutlich günstiger werden könnte.

Nach dem jüngsten Report der ICE setzen derzeit 78 Prozent aller spekulativen Positionen auf einen steigenden Ölpreis, nur 22 Prozent auf fallende. In New York ist die Stimmung mit einem Verhältnis von 2 zu 1 ebenfalls eindeutig auf eine Öl-Hausse ausgerichtet.

Beim ersten Ölpreisanstieg im März 2025 kam es zu einem ähnlichen Bild. Als dann im Mai Friedenshoffnungen aufkamen, lösten sich sowohl die extreme Backwardation als auch das Übergewicht der Long-Positionen auf. Der Ölpreis fiel innerhalb von nur sechs Wochen von 110 auf 70 Dollar. Ein so schneller Rückgang wäre auch jetzt wieder möglich – entscheidend ist der Grund der Entspannung. Käme es zu einer generellen Friedenshoffnung, könnten die Notierungen binnen weniger Wochen auf ein Niveau um 70 Dollar fallen.

Sollte sich das Umfeld dagegen nur partiell aufhellen, könnte eine Entwicklung wie nach dem Ölschock von Frühjahr 2022 drohen. Damals dauerte es mehrere Monate, bis die extreme Backwardation abgebaut war. Der Umschwung zu Contango gelang erst Ende des Jahres. Mitte 2023 notierte Brent dann zwar bei 70 Dollar, doch für diesen Rückgang brauchte der Markt ein ganzes Jahr.

Fazit für Anleger

Ein nachhaltiger Rückgang des Ölpreises ist nur dann wahrscheinlich, wenn es zu einer echten politisch-militärischen Entspannung kommt. Die aktuell extreme Marktverfassung könnte dann dazu führen, dass der Preisrückgang in wenigen Wochen abläuft. Bleibt es jedoch bei der schwierigen geopolitischen Gemengelage, dürften sich die Marktextreme nur partiell abbauen. Für den Ölpreis selbst könnte das eine längere Schwankungsphase zwischen 80 und 100 Dollar bedeuten.

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