OECD: Bank of England muss Zinsen nicht weiter anheben
Geldpolitik im Vereinigten Königreich sei bereits restriktiv genug, um Inflation zu kontrollieren.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am Mittwoch erklärt, dass die Bank of England (BoE) die Leitzinsen nicht weiter anheben müsse. Die Geldpolitik im Vereinigten Königreich sei bereits so restriktiv, dass sie die Inflation unter Kontrolle halte. Gleichzeitig warnte die Organisation jedoch vor steigendem globalen Preisdruck durch die Energiekrise.
In ihrem Zwischenausblick sagte die in Paris ansässige Organisation voraus, die BoE könne es sich leisten, den Leitzins bis weit ins Jahr 2027 hinein bei 3,75 Prozent stabil zu halten. Erst im dritten Quartal 2027 sei eine Senkung um einen Viertelpunkt vorgesehen. Diese Prognose steht im Gegensatz zu den Erwartungen für andere große Zentralbanken, darunter die US-amerikanische Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan, von denen erwartet wird, dass sie die Geldpolitik in den kommenden Monaten weiter verschärfen.
Die Details
Andrew Bailey, Gouverneur der BoE, hatte Haushalte und Unternehmen erst in diesem Monat darauf hingewiesen, dass „die Politik möglicherweise verschärft werden muss". Hintergrund ist die Prognose, dass die Inflation im nächsten Jahr auf über 4 Prozent steigen wird. Die Märkte preisen bis Ende nächsten Jahres vier Zinserhöhungen um je einen Viertelpunkt im Vereinigten Königreich ein.
Stefano Scarpetta, Chefvolkswirt der OECD, erklärte jedoch, das Vereinigte Königreich befinde sich bei der Geldpolitik im Vergleich zu anderen Ländern „in einer anderen Ausgangslage". Der Leitzins sei hoch genug, um die Inflation einzudämmen, die in diesem Jahr hinter den Prognosen der OECD zurückgeblieben sei.
Offizielle Zahlen zeigten, dass die Inflation im August auf 3,1 Prozent stieg – deutlich über dem Zielwert der BoE von 2 Prozent. In ihrem Ausblick korrigierte die OECD ihre Inflationsprognose für das Vereinigte Königreich für 2026 von 3,7 Prozent im Juni auf nun 3,1 Prozent. Das Preiswachstum werde sich 2027 weiter auf 2,6 Prozent verlangsamen, so die OECD.
Unter der Annahme, dass die Energiepreise 2027 sinken, sollten die Risiken sogenannter Sekundäreffekte der Energiekosten auf Löhne und Unternehmenspreise abnehmen. Dies würde der BoE ermöglichen, die Zinsen zu senken. Sollten Öl- und Gaspreise jedoch unerwartet hoch bleiben, werde die britische Zentralbank die Politik unverändert lassen müssen, sagte Scarpetta.
Die britische Wirtschaft wird nach OECD-Prognose in diesem Jahr um 1,1 Prozent wachsen – etwas schneller als im Juni vorhergesagt, aber deutlich unter dem für die USA prognostizierten Tempo von 2,2 Prozent. Für 2027 erwartet die OECD ein Wachstum von 1 Prozent.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.07.2026 berichtete aktien.news, dass die OECD eindringlich vor den wirtschaftlichen Herausforderungen Großbritanniens unter dem damals designierten Premierminister Andy Burnham gewarnt hatte. Haushaltsdisziplin, hohe Rentenausgaben und volatile Energiepreise standen im Mittelpunkt der Analyse.
Am 30.04.2026 hatte die Bank of England ihren Leitzins bei 3,75 Prozent belassen – mit 8 zu 1 Stimmen. Lediglich Chefökonom Huw Pill plädierte für eine sofortige Anhebung auf 4,0 Prozent. Die Entscheidung fiel einen Tag nach dem identischen Schritt der US-Notenbank.
Am 17.09.2026 berichtete aktien.news, dass die BoE den Leitzins voraussichtlich unverändert lassen würde, obwohl die Inflation im August auf 3,1 Prozent gestiegen war. Einen Tag später, am 18.09.2026, bestätigte die Notenbank diese Entscheidung: Der Leitzins blieb mit 6:3 Stimmen bei 3,75 Prozent. Drei Mitglieder – Chefvolkswirt Huw Pill sowie die externen Mitglieder Megan Greene und Catherine Mann – stimmten für eine Anhebung um 25 Basispunkte auf 4,0 Prozent. Notenbankchef Andrew Bailey warnte eindringlich vor den Folgen der geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, die die Preise für Erdgas und Brent-Rohöl in jenem Monat um knapp 20 Prozent in die Höhe getrieben hatten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung im Vereinigten Königreich aus mehreren Gründen relevant. Die OECD signalisiert, dass der Zinserhöhungszyklus in Großbritannien möglicherweise bereits abgeschlossen ist, während die EZB und die Fed ihren Straffungskurs voraussichtlich fortsetzen werden. Dies könnte zu einer Divergenz der Geldpolitik führen, die Wechselkurse und Anleiherenditen beeinflusst.
Die britische Wirtschaft wächst mit prognostizierten 1,1 Prozent in diesem Jahr deutlich schwächer als die US-Wirtschaft mit 2,2 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Inflation mit 3,1 Prozent über dem Zielwert. Schatzkanzler John Healey steht vor einem schwierigen Haushalt, da die hohen Staatsverschuldungskosten den fiskalischen Spielraum einschränken. Scarpetta betonte, die Regierung müsse die Ausgaben unter Kontrolle halten, da dies „wichtig im Hinblick auf die Signalwirkung" gegenüber den Anleihemärkten sei.
Eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage zeigte zudem, dass die Geschäftstätigkeit im September stärker als erwartet auf ein Dreimonatstief sank. Der S&P Global Flash UK PMI Composite Output Index fiel auf 51,7 nach 52,5 im August. Unternehmen nannten hohe Energiepreise, erhöhte Kreditkosten und politische Unsicherheit im Vorfeld des Haushalts als Gründe.
Ausblick
Die OECD rechnet damit, dass die BoE den Leitzins bis weit ins Jahr 2027 bei 3,75 Prozent stabil halten kann. Eine erste Senkung um einen Viertelpunkt wird für das dritte Quartal 2027 erwartet – vorausgesetzt, die Energiepreise sinken wie angenommen. Sollten Öl- und Gaspreise unerwartet hoch bleiben, müsste die britische Zentralbank die Politik unverändert lassen.
Die britische Regierung unter Premierminister Andy Burnham erwägt weitere Maßnahmen zur Linderung der aufwärtsgerichteten Preisdrucke auf die Lebenshaltungskosten. Die OECD drängte ihre Mitgliedsländer jedoch sicherzustellen, dass solche Eingriffe temporär sind und sich an die am meisten bedürftigen Haushalte richten. Schatzkanzler John Healey sieht sich im nächsten Monat einem schwierigen Haushalt gegenüber.
Kurz erklärt
- Leitzins: Der von der Zentralbank festgelegte Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken Geld leihen können. Er beeinflusst die Zinsen für Kredite und Spareinlagen in der gesamten Volkswirtschaft.
- Sekundäreffekte: Folgeeffekte steigender Energiepreise, die über höhere Löhne und Unternehmenspreise eine länger anhaltende Inflation verursachen können.
- PMI (Purchasing Managers' Index): Ein Frühindikator für die wirtschaftliche Aktivität in einem Land. Werte über 50 signalisieren Wachstum, Werte darunter eine Schrumpfung der Wirtschaft.
