Nomad-Mitbegründer Nicolas Bellavance-Lecompte über Geschmack und Design
Der Architekt und Kurator spricht im FT-Interview über Sammlerstücke, Reisen und die Designmesse Nomad.

Nicolas Bellavance-Lecompte, Mitbegründer der Designmesse Nomad, hat in einem ausführlichen Interview mit der Financial Times über seinen persönlichen Geschmack gesprochen. Das Gespräch erschien im Rahmen des wöchentlichen Newsletters von FT-Herausgeberin Roula Khalaf. Der in Kanada geborene Architekt und Kurator lebt heute in Mailand und gibt darin Einblicke in seine Sammlung, seine Reisen und seine Vorlieben.
Als sein persönliches Stilmerkmal bezeichnet Bellavance-Lecompte eine Baseballkappe aus Sag Harbor in Pfirsich- oder Säuregrün. In diesem Jahr habe man Nomad für seine erste Ausgabe auf die Hamptons geholt, und er habe dabei das alte Amerika neu entdeckt. Der Sag Harbor Variety Store habe einen klassischen Vibe der 90er Jahre mit wunderschönen alten Fruit-of-the-Loom-Shirts, die über eine Qualität verfügten, die man heute nicht mehr finde. Er habe die Hälfte des Ladens gekauft.
In Mailand sei er der Einzige, der so etwas trage, sagt er. Die Leute hielten ihn für einen Amerikaner und sprächen ihn auf Englisch an. Diese Anekdote steht exemplarisch für einen Mann, der zwischen Kontinenten, Stilen und Epochen zu Hause ist – und der seine Beobachtungen immer wieder in kuratorische Arbeit übersetzt.
Die Details
Das letzte Objekt, das er gekauft und geliebt habe, sei ein Girafa-Stuhl des brasilianischen Architekten Lina Bo Bardi, die italienische Wurzeln hatte. Der Stuhl sei atemberaubend und bestehe aus Cabreuva, einem seltenen brasilianischen Hartholz. Erworben habe er ihn in St. Moritz, als er dort für die Alpine-Ausgabe von Nomad war, bei der jungen Händlerin Mírian Badaró, die die Sorgin Gallery in San Sebastián gegründet hat. Bo Bardi sei eine seiner Lieblingsarchitektinnen der Moderne gewesen, als er Ende der 90er Jahre Architektur an der Universität Montreal studierte. Er habe schon immer eines ihrer Stücke kaufen wollen – besonders diesen ikonischen skulpturalen Stuhl –, aber nie die Gelegenheit gehabt. Es habe viele Jahre gedauert, doch nun besitze er endlich einen.
Ein Ort, der ihm viel bedeutet, ist das Tassili-n'Ajjer-Plateau im Südosten Algeriens, ein großes Gebiet, in dem der Tourismus streng kontrolliert wird. Vor zwei Jahren wurde er gebeten, die Algerische Design-Biennale zu kuratieren, und unternahm eine Forschungsreise, um die lokale Architektur zu verstehen. Die Recherche sei eine Herausforderung gewesen, weil man online nichts finde – man müsse dorthin gehen. Die Region vereine eine der schönsten Wüsten der Welt, die Hoggar-Berge, mit einer antiken Kultur aus Malereien, Schnitzereien und 7.000 Jahre alten Bewässerungssystemen, die noch immer perfekt funktionierten. Das habe seine Wahrnehmung der Ursprünge der Zivilisation völlig verändert. Drei Wochen lang sei er in einem kleinen Jeep mit einem Führer, Fahrer und Koch gereist. Es sei schwierig, von einem Ort überrascht zu werden – doch er träume immer noch davon.
Das beste Souvenir, das er mit nach Hause brachte, ist eine Tuareg-Kopfstütze. Die Tuareg sind wandernde Menschen aus der Sahara, die in Karawanen reisen und diese Kopfstützen nachts in den Sand stellen, um darauf zu schlafen. Sie sei sehr schön und sehr schwer, hergestellt aus Akazienholz, dem einzigen festen Holz, das in der Wüste wächst. Gekauft habe er sie, während er in Togo war.
Das beste Buch, das er im vergangenen Jahr gelesen habe, sei „The Fountainhead" der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand. Anfangs habe er gedacht: „Okay, seltsam." Dann habe er es geliebt. Er möge die Idee eines radikalen Autors mit einer starken Vision der Modernität und der Rolle eines Architekten als jemandem, der die Art und Weise gestalten kann, wie Menschen leben. Es sei kein zeitgenössisches Buch, doch die Kritik an der neoklassischen Architektur sei im Kontext von Trumps Agenda sehr aktuell.
Seine Stil-Ikone ist Abdelrahman Elaraby, ein ägyptischer Nationalschwimmer, der im Nahen Osten zu einem gewissen Star geworden ist. Er liebe die Spannung, Eleganz in einen starken Sportswear-Look zu bringen. In seinem Koffer finden sich immer TYR-Schwimmbrillen. Er reise ziemlich viel, und Schwimmen sei eine Übung, die man fast überall machen könne. Es sei gut, um den Stoffwechsel am Morgen wieder zu aktivieren – und das Erste, was er bei Jetlag tue.
Das beste Geschenk, das er kürzlich gegeben habe, sei sein Palmento Floresco-Olivenöl aus Sizilien. Vor drei Jahren sei er herumgefahren, um ein Objekt zum Renovieren zu suchen, als er ein herausragendes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert auf einem Hügel in der Nähe von Noto sah. Er habe einen alten Mann gefunden, der draußen mit seinem Hund saß – das Gebäude gehörte ihm zusammen mit seinen Cousins. Nach einem Jahr des Gesprächs habe er sie vom Verkauf überzeugt. Das Land habe viele Olivenbäume, also habe er begonnen, Olivenöl herzustellen. Es sei biologisch und kaltgepresst. Er nehme einen Löffel voll mit einer Prise Meersalz und gebe es zu allem, was er koche.
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Format ist Teil einer wiederkehrenden Reihe. Bereits am 23.10.2026 berichtete aktien.news, dass die schwedische Innenarchitektin Beata Heuman in einem ausführlichen FT-Interview Einblicke in ihren persönlichen Geschmack, ihre Kunstsammlung und ihre Kindheit in Schweden gegeben hatte. Damals ging es unter anderem um einen gelben Cord-Bodysuit der Marke Bodes und ihre Vorliebe für Werke des britischen Künstlers Ruskin Spear.
Bereits am 19.09.2026 berichtete aktien.news über eine kuratierte Auswahl exquisiter Accessoires und Kunstgegenstände aus dem Newsletter von Roula Khalaf, die Mode, Kunst und Handwerk auf höchstem Niveau vereinte. Am 10.04.2026 widmete sich die Reihe den sogenannten Ein-Produkt-Spezialisten – Herstellern, die sich auf ein einziges Kernprodukt oder eine sehr enge Produktkategorie konzentrieren. Und bereits am 17.09.2026 berichtete aktien.news über den Modedesigner Conner Ives, der sich zu seinen persönlichen Stilvorlieben und den Herausforderungen des Modegeschäfts äußerte.
Was das für Anleger bedeutet
Das Interview liefert keine unmittelbaren Finanzkennzahlen und keine Unternehmensdaten. Es ist ein Stück Lebensstil-Berichterstattung, das jedoch Einblick in die Welt des Sammlerdesigns und der kuratierten Luxusgüter gibt. Bellavance-Lecompte ist als Mitbegründer von Nomad ein Akteur in diesem Markt, und seine Kaufentscheidungen – etwa der Girafa-Stuhl von Lina Bo Bardi oder Objekte von Keramikern und Bronzekünstlern – verweisen auf ein Segment, in dem Seltenheit, Provenienz und Handwerkskunst den Wert bestimmen.
Für deutsche Privatanleger ist das insofern relevant, als Sammlerdesign und hochwertige Handwerksprodukte seit Jahren als alternative Anlageklassen diskutiert werden. Konkrete Preisentwicklungen oder Renditen lassen sich aus dem Quelltext jedoch nicht ableiten. Wer sich für diesen Bereich interessiert, sollte beachten, dass solche Objekte illiquide sind und der Markt stark von einzelnen Händlern und Messen geprägt wird. Das Interview nennt ausdrücklich die Händlerin Mírian Badaró und die Sorgin Gallery in San Sebastián als Bezugsquelle.
Ausblick
Einen konkreten Termin nennt der Quelltext: Nomad Abu Dhabi läuft vom 18. bis 22. November. Weitere Angaben zu künftigen Ausgaben oder Projekten enthält das Interview nicht. Bellavance-Lecompte erwähnt lediglich eine geplante Reise nach Madagaskar im Sommer, für die er über die App Places das zeitgenössische Kunststudio Fondation H in Antananarivo und die Tsara Komba Lodge auf der Insel Nosy Komba entdeckt habe.
Kurz erklärt
- Kaltgepresst: Ein Verfahren zur Gewinnung von Öl, bei dem die Oliven ohne Wärmezufuhr gepresst werden.
- Calisthenics: Eine Trainingsform, bei der mit dem eigenen Körpergewicht und ohne Geräte gearbeitet wird.
- Biennale: Eine alle zwei Jahre stattfindende Ausstellung oder Schau, häufig zu Kunst und Design.
