Longview-Strategie warnt: Große Verkaufswelle am Aktienmarkt steht bevor
Chris Watling von Longview Economics erwartet einen Rückgang des S&P 500 um 10 bis 20 Prozent – und nennt einen Sektor als möglichen Schutz.

Der US-Aktienmarkt steht nach Einschätzung von Chris Watling, CEO und Chief Market Strategist bei Longview Economics, unmittelbar vor einer "großen, kräftigen Verkaufswelle". In der CNBC-Sendung "Squawk Box Europe" sagte Watling am Donnerstag, die Liquidität verknappe sich weltweit, und das zeige sich an vielen Stellen. Für den S&P 500 prognostizierte er einen Rückgang um rund 10 bis 20 Prozent.
Watling verwies auf die steigende Risikoprämie für französische Staatsanleihen und deren Spread zu anderen Ländern der Euro-Zone. Spannungen ortete er zudem bei CCC-bewerteten US-Korporatanleihen und Hochzinsanleihen (High-Yield-Credit) sowie in einigen Bereichen des Aktienmarktes. "Es ist wie in einem Schnellkochtopf, und ich denke, wir erleben das alle paar Jahre", sagte er.
Als Auslöser benannte der Stratege die globale Wende in der Geldpolitik. In den vergangenen Monaten hätten die Zentralbanken von Zinssenkungen auf Zinserhöhungen umgeschaltet. "Dies geschieht im Allgemeinen dann, wenn die Zentralbanken ihre Kursrichtung ändern", erklärte Watling. Der S&P 500 hatte in dieser Woche dennoch ein Rekordhoch erreicht.
Die Details
Watling rechnet mit einer "zwei- bis sechsmonatigen Verkaufswelle bei Risikoaktiven, die jeden Moment ausbrechen wird". Der erwartete Rückgang des S&P 500 um 10 bis 20 Prozent entspricht der gängigen Definition einer Korrektur, also eines Wertverlusts von 10 bis 20 Prozent vom jüngsten Höchststand.
Der Stratege zog Parallelen zu den Jahren 2018, 2015 und 2011. In diesen Perioden sei der Markt Anfang des Jahres seitwärts gelaufen, was zu Verwirrung geführt habe. Danach "zerfällt die Breite", weil die Gewinne von einer schrumpfenden Zahl von Unternehmen getrieben werden – "und dann knallt der Markt hart zurück". Watling sagte: "Ich denke, wir befinden uns in einer solchen Umgebung. Die Zinsen steigen. Die Bullen sagen: 'Nun ja, es gibt sieben Aktien mit erstaunlichem Gewinnwachstum, keine Sorge.' Aber in Wirklichkeit fällt alles nach und nach. Die Dominosteine fallen."
Trotz dieser Warnung bezeichnete Watling die US-Wirtschaft als "in guter Verfassung". Er erwartet eine "Mittelperiodenkorrektur" und keine Rezession. Die steigenden US-Staatsanleiherenditen seien vor allem ein Spiegelbild der Beschleunigung des Investitionsbooms (Capex) rund um künstliche Intelligenz sowie eines raschen Anstiegs der Verschuldungsaktivitäten von Unternehmen, die damit stärkeres Wachstum erreichen wollen.
Der S&P 500 hatte in dieser Woche ein Rekordhoch markiert und dabei mehrere Belastungsfaktoren ignoriert: Zinserhöhungen, den Wettbewerb durch höhere Renditen bei Staatsanleihen, einen Schock auf dem Energiemarkt sowie die Volatilität infolge des Krieges zwischen den USA und Israel im Iran.
Watling ist mit seiner Warnung nicht allein. Ökonomen der Europäischen Zentralbank veröffentlichten im August einen Bericht, in dem sie festhielten, dass "die wirtschaftswissenschaftliche Forschung zu vergangenen technologischen Revolutionen zu einer besorgniserregenden Schlussfolgerung führt: Eine Korrektur der aktuellen Aktienbewertung ist wahrscheinlich". Sie stützten ihr Argument auf die Ausbreitung der Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf praktisch alle Sektoren der Wirtschaft – wie zuvor bei Eisenbahnen, Elektrizität und dem Internet. Anleger dürften schließlich eine höhere Risikoprämie fordern, was die Preise drückt. Auf die Korrektur könnte eine Erholung folgen, doch Anleger könnten weiterhin exponiert bleiben, fügten die EZB-Ökonomen hinzu.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Warnung vom Donnerstag reiht sich in eine Serie ähnlicher Berichte von aktien.news ein. Bereits am 20.04.2026 berichtete aktien.news, dass Goldman Sachs vor dem Abebben einer 33 Milliarden US-Dollar schweren mechanischen Kaufwelle am S&P 500 warnte. Der Trading Desk der Bank verschickte die Warnung an Kunden, nachdem der Index auf sein siebtes Rekordhoch des laufenden Jahres gestiegen war.
Am 05.05.2026 meldete aktien.news, dass vier Warnsignale gleichzeitig zusammentreffen. Der S&P 500 erreichte damals ein Rekordhoch nahe 7.125 Punkte, während die Median-Aktie im Index 13 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch notierte. Als Treiber nannte der Bericht einbrechende Marktbreite, überreizte Positionierung, das schwächste saisonale Fenster des Jahres sowie das schlechteste Jahr im politischen Vierjahreszyklus.
Am 09.08.2026 berichtete aktien.news über eine CAPE-Ratio von 41,4. Laut einer Umfrage von MarketWise aus dem Juli 2026 äußerten rund drei Viertel der US-Investoren Bedenken hinsichtlich eines bevorstehenden Marktabschwungs.
Am 24.09.2026 schließlich warnte aktien.news unter Berufung auf Clocktower: Eric Wallerstein, Chief Macroeconomic Strategist der Firma, rechnet mit Abwärtsszenarien, die den S&P 500 bis auf 6.300 Punkte drücken könnten – fast 20 Prozent unter dem damaligen Niveau. Er verwies auf Parallelen zu 2022, als Zinserhöhungen, sinkende Anleihenmärkte und Energieschocks infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine den Markt ins Wanken brachten.
Was das für Anleger bedeutet
Watling hob einen Bereich hervor, der als Absicherung dienen könnte: die Konsumgüter des Basisbedarfs (Consumer Staples) in der Euro-Zone. "Es ist nicht der attraktivste Sektor, aber seine Bewertung im Verhältnis zum Markt war noch nie günstiger", sagte er gegenüber CNBC. Diese Aktien seien "zutiefst unbeliebt und stark abgestürzt" und mögen steigende Staatsanleiherenditen nicht. "Und sobald diese Art von steigenden Anleiherenditen durchgebrochen sind, denke ich, dass Sie feststellen werden, dass genau solche Bereiche für ein paar Monate ein guter Ort zum Verstecken sind."
Für deutsche Privatanleger ist die Einordnung wichtig: Watling erwartet keine Rezession, sondern eine Korrektur innerhalb eines intakten Aufwärtstrends. Eine Verkaufswelle bei Risikoaktiven würde nach seinen Worten die Zinserwartungen neu justieren, die Wirtschaft erschüttern und die Liquidität wieder in das System bringen. Ob und wann dies eintritt, ist offen – der Stratege nennt kein konkretes Datum.
Ausblick
Watling rechnet mit einem Zeitfenster von zwei bis sechs Monaten für die erwartete Verkaufswelle. Er betont, dass die Korrektur seiner Einschätzung nach von einer Erholung gefolgt sein könnte. Die EZB-Ökonomen halten ebenfalls fest, dass auf eine Korrektur eine Erholung folgen kann, Anleger aber exponiert bleiben könnten. Konkrete Termine oder Prognosewerte für einzelne Indizes nannte Watling über den erwarteten Rückgang des S&P 500 um 10 bis 20 Prozent hinaus nicht.
Kurz erklärt
- Risikoprämie: Zusätzlicher Renditeaufschlag, den Anleger für die Übernahme eines höheren Ausfall- oder Schwankungsrisikos verlangen.
- Spread: Abstand zwischen den Renditen zweier Anleihen, häufig als Maß für die relative Risikoeinschätzung von Märkten genutzt.
- Korrektur: Rückgang eines Marktindex vom jüngsten Höchststand, der allgemein mit einem Wertverlust von 10 bis 20 Prozent definiert wird.
