Nasdaq-Chefin: Tokenisierung könnte Milliarden an gebundenem Kapital freisetzen
Adena Friedman sieht in der Tokenisierung von Sicherheiten enormes Potenzial und verweist auf wachsendes institutionelles Interesse.

Die Tokenisierung von Finanzwerten könnte Milliardenbeträge an Kapital freisetzen, die im globalen Finanzsystem in Sicherheiten gebunden sind. Das sagte Adena Friedman, CEO der US-Börse Nasdaq, auf der TOKEN2049-Konferenz in Singapur. Sie sprach dort mit CNBCs Joanna Ossinger.
Nach Friedmans Einschätzung könnten Banken und Finanzinstitute Sicherheiten künftig effizienter bewegen. Tokenisierte Staatsanleihen, Aktien und Geldmarktfonds sowie die tokenisierten Geldflüsse würden Sicherheiten deutlich liquider machen. „Wenn Sie all diese Instrumente zusammen mit dem Geldfluss tokenisieren, werden die Sicherheiten sehr flüssig“, sagte Friedman.
Tokenisierung bezeichnet die Darstellung finanzieller Vermögenswerte wie Aktien und Anleihen als digitale Token, die über Blockchain-Technologie übertragen werden können. Das institutionelle Interesse an diesem Ansatz sei im vergangenen Jahr gewachsen, betonte Friedman. Als einen Grund nannte sie die Verabschiedung des „Genius Act“ in den USA, der einen regulatorischen Rahmen für Stablecoins geschaffen habe. „Wenn wir Geld tokenisieren können, dann können wir auch den Kapitalfluss tokenisieren“, sagte sie.
Die Details
Friedman verwies auf die Nachfrage von Privatanlegern, die seit Langem nach der Möglichkeit suchen, rund um die Uhr zu handeln. Das Ökosystem der Privatanleger sei „etwa zehn Jahre voraus“, sagte sie. Das wachsende institutionelle Interesse treffe damit auf eine bereits bestehende Erwartungshaltung auf der Kundenseite.
Der Übergang zu einem vollständig rund um die Uhr offenen Markt wäre laut Friedman ein großes Unterfangen für die Finanzbranche. „Der einfachste Teil ist die Infrastruktur der Börsen“, sagte sie. Finanzinstitute hätten traditionell Phasen gehabt, in denen die Märkte geschlossen waren, um Systeme zu aktualisieren und Risiken zu steuern. Ein Betrieb rund um die Uhr würde jedoch erfordern, dass diese Prozesse – einschließlich Risiko- und Sicherheitenmanagement – kontinuierlich stattfinden. „Alles muss jederzeit in Echtzeit laufen“, sagte Friedman.
Künstliche Intelligenz könnte Finanzinstituten helfen, diesen Übergang zu bewältigen. Die Nasdaq habe innerhalb ihrer Risikomanagement-Plattform eine Reihe digitaler Agenten eingeführt, die zunächst Empfehlungen aussprechen. Mit der Zeit könnten Banken diese Agenten nutzen, um direktere Maßnahmen einzuleiten, ergänzte Friedman. „KI ist entscheidend für den 24/7-Betrieb“, sagte sie.
Arjun Sethi, Co-CEO der Kryptowährungsbörse Kraken, erklärte gegenüber CNBC, Unternehmen außerhalb der USA zeigten Interesse an der Tokenisierung und suchten nach einem größeren Zugang zu den amerikanischen Kapitalmärkten. Er verwies auf ein Unternehmen, das Einnahmen in Höhe von rund 25 Millionen US-Dollar generiert und Möglichkeiten erkundet, Zugang zu den Kapitalmärkten zu erhalten. Zudem nannte er größere internationale Unternehmen, die an der Tokenisierung und an Börsengängen in den USA interessiert seien. Die Tokenisierung könne dazu beitragen, den Zugang zu den Kapitalmärkten für Unternehmen weltweit zu erweitern, betonte Sethi.
Friedman schränkte ein: Rund um die Uhr offener Handel sei nicht für alles geeignet. „Nicht jeder Vermögenswert ist liquide genug, um ein 24/7-Umfeld zu unterstützen“, sagte sie. Eine stärkere Vernetzung innerhalb des globalen Finanzsystems könnte dennoch den Zugang zu Anlageklassen eröffnen, die zuvor für einige Anleger unerreichbar waren.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 10.03.2026 berichtete aktien.news, dass Nasdaq eine Partnerschaft mit der Kryptobörse Kraken bekanntgegeben hat, um tokenisierte Aktien anzubieten. Gemeinsam mit emittierenden Unternehmen sollte ein Rahmenwerk entwickelt werden, das Anlegern weltweit den Zugang zu digitalen Versionen börsennotierter Wertpapiere ermöglicht. Der Start war für Anfang 2027 geplant. Im Mittelpunkt der Initiative stand die Corporate Governance: Inhaber tokenisierter Aktien sollten dieselben Stimmrechte und Ansprüche auf Kapitalmaßnahmen wie Dividenden erhalten wie traditionelle Aktionäre. Nasdaq wollte dabei Prozesse wie die Stimmrechtsausübung automatisieren und vereinfachen.
Am 14.03.2026 folgte der Bericht, dass Nasdaq eine Partnerschaft mit Kraken angekündigt hat, um tokenisierte Aktien börsennotierter Unternehmen anzubieten. Ziel war es, Anlegern den Handel mit digitalen Versionen von Aktien rund um die Uhr zu ermöglichen – ein grundlegender Wandel gegenüber den klassischen Börsenzeiten. Kraken übernahm dabei die Rolle des Vertriebspartners und sollte die tokenisierten Aktien zunächst Kunden in Europa und weltweit zugänglich machen. Die Token werden im Verhältnis eins zu eins zu den zugrunde liegenden Wertpapieren ausgegeben und sollen denselben Inhaberrechten entsprechen – inklusive Stimmrechten und Dividendenzahlungen.
Am 17.09.2026 meldete aktien.news, dass die US-Börsenaufsicht SEC den Weg für den Handel mit tokenisierten Aktien in den USA freigemacht hat. Die Behörde erklärte, sie werde autorisierte Handelsplätze von bestimmten Vorschriften befreien, die bisher den Handel mit digitalen Token behindert hatten, die sich an den Aktien gelisteter Unternehmen orientieren. Diese Entscheidung könnte die traditionellen Kapitalmärkte grundlegend verändern. Sowohl die New York Stock Exchange als auch Nasdaq bereiteten bereits ihre eigenen Tokenisierungsplattformen vor.
Am 23.09.2026 berichtete aktien.news, dass Nasdaq Ventures 100 Millionen US-Dollar in Payward investiert, die Muttergesellschaft der Krypto-Börse Kraken. Die beiden Unternehmen arbeiten bereits im Rahmen des Nasdaq Equity Token (NET) Rahmens zusammen. Gemeinsam wollen sie die Infrastruktur aufbauen, die für den Handel mit tokenisierten Aktien unter hohen Vertrauens- und Zuverlässigkeitsstandards erforderlich ist.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Debatte insofern relevant, als sie den Zugang zu US-Kapitalmärkten und die künftigen Handelszeiten betreffen könnte. Friedman verweist darauf, dass Privatanleger seit Langem rund um die Uhr handeln wollen und ihr Ökosystem dem institutionellen Umfeld „etwa zehn Jahre voraus“ sei. Sollte sich der 24/7-Handel durchsetzen, könnten Anleger zeitlich flexibler auf Ereignisse reagieren, die außerhalb der klassischen Börsenzeiten stattfinden.
Zugleich machte Friedman deutlich, dass nicht jeder Vermögenswert für einen durchgehenden Handel geeignet ist. Die Liquidität bleibt damit ein begrenzender Faktor. Für Anleger heißt das: Ein 24/7-Markt entsteht nicht flächendeckend, sondern zunächst dort, wo genügend Umsatz vorhanden ist.
Die Archivberichte zeigen zudem, dass sich die regulatorische Seite bewegt. Die SEC hat autorisierte Handelsplätze von bestimmten Vorschriften befreit, und Nasdaq sowie die New York Stock Exchange bereiten eigene Plattformen vor. Ob und wann deutsche Anleger tokenisierte Aktien handeln können, geht aus den vorliegenden Informationen nicht hervor. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Konkrete Termine nennt der Quelltext nur indirekt. Aus dem Bericht vom 10.03.2026 geht hervor, dass der Start des gemeinsamen Vorhabens von Nasdaq und Kraken für Anfang 2027 geplant war. Friedman erwartet, dass KI im Echtzeit-Risikomanagement eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Die Nasdaq hat dazu bereits digitale Agenten in ihrer Risikomanagement-Plattform eingeführt, die zunächst Empfehlungen aussprechen und später auch direktere Maßnahmen ermöglichen könnten.
Sethi rechnet mit weiterem Interesse außerhalb der USA. Unternehmen außerhalb der Vereinigten Staaten erkunden die Tokenisierung und suchen einen größeren Zugang zu den amerikanischen Kapitalmärkten. Friedman sieht in der Tokenisierung von Instrumenten und Geldflüssen den zentralen Hebel, der Sicherheiten flüssig macht – vorausgesetzt, die Liquidität des jeweiligen Vermögenswerts reicht für einen durchgehenden Handel aus.
Kurz erklärt
- Tokenisierung: Darstellung finanzieller Vermögenswerte wie Aktien und Anleihen als digitale Token, die über eine Blockchain übertragen werden können.
- Stablecoins: Digitale Token, für die der „Genius Act“ in den USA einen regulatorischen Rahmen geschaffen hat.
- Sicherheiten: Vermögenswerte, die im Finanzsystem hinterlegt werden und durch Tokenisierung liquider bewegt werden könnten.
