KPMG wird interimistischer Verwalter bei Eisenerzhändler Radiant World
Ein Gericht in Singapur bestellt KPMG als interimistischen gerichtlichen Verwalter von Radiant World – Mizuho zog die Nominierung von Deloitte zurück.

Das Gericht in Singapur hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG als interimistischen gerichtlichen Verwalter des Eisenerzhändlers Radiant World bestellt. Zuvor hatte die Gläubigerbank Mizuho ihr Bestreben aufgegeben, den Wettbewerber Deloitte mit dieser Rolle zu betrauen. Das berichten zwei mit dem Vorgang vertraute Quellen.
Auslöser für den Wechsel war der Widerstand der Anwälte von Radiant World gegen Deloitte. Sie argumentierten, es liege ein Interessenkonflikt vor, weil Deloitte den an der Londoner Börse notierten Konzern Glencore prüft. Gegen Glencore klagt der Eisenerzhändler in Singapur auf 2 Milliarden US-Dollar. Eine der Quellen sowie ein von Reuters eingesehener Entwurf eines Gerichtsdokuments bestätigen diesen Zusammenhang.
Ein Sprecher von Radiant World bestätigte, dass die singapurische Betriebseinheit des Unternehmens unter interimistische gerichtliche Verwaltung gestellt und KPMG als gerichtliche Verwalter bestellt wurden. Über die Ernennung durch das Gericht hatte zunächst Bloomberg News berichtet. Glencore, KPMG und Mizuho lehnten eine Kommentarabgabe ab; Deloitte reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Die Details
Deloitte hatte nach Angaben einer der Quellen eine eidesstattliche Versicherung eingereicht, in der das Unternehmen darlegte, dass kein Interessenkonflikt bestehe. Dennoch zog Mizuho seine Nominierung zurück. Damit entschied das Gericht in Singapur zugunsten von KPMG.
Interimistische gerichtliche Verwalter übernehmen typischerweise die Unternehmensführung, während das Gericht darüber entscheidet, ob ein vollständiger gerichtlicher Verwalter eingesetzt wird. Sie übernehmen effektiv die Kontrolle über Bankkonten, Verträge und Geschäftsbeziehungen mit Kontrahenten, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten, ohne neue Geschäfte einzugehen. Für einen Händler wie Radiant World, dessen Geschäft auf dem Abschluss neuer Lieferverträge beruht, bedeutet das eine erhebliche Einschränkung des operativen Spielraums.
Radiant World sieht sich zunehmenden Herausforderungen gegenüber. Banken und Geschäftspartner wahren Distanz zu dem Unternehmen, weil sie befürchten, dass Rechnungen, die ihren Banken vorgelegt wurden, möglicherweise ungültig sind. Die Polizei von Singapur gab im vergangenen Monat bekannt, dass sie Radiant World untersucht, ohne weitere Details preiszugeben. Radiant World hat jegliches Fehlverhalten bestritten, die Vorwürfe als unzutreffend und unbegründet bezeichnet und erklärt, dass es „sein Geschäft nach höchsten kommerziellen und rechtlichen Standards" führe.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 28.08.2026 berichtete aktien.news, dass Radiant World unter Druck geraten sei. Nach Berichten über die Verwendung mutmaßlich ungültiger Dokumente gegenüber Banken hatten zahlreiche Geschäftspartner die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt. Das von dem 45-jährigen Inder Pinkesh Nahar gegründete Unternehmen ist mit Standorten in Großbritannien, China, Indien, Singapur, der Schweiz, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten vertreten und gilt als einer der weltweit größten Eisenerzhändler.
Am 16.09.2026 berichtete aktien.news über die Klage gegen Glencore. Radiant World hatte gemeinsam mit dem in Hongkong ansässigen Unternehmen Sapphire Minmetals und einem singapurischen Eisenerzhändler Klage vor einem Gericht in Singapur eingereicht. Die Forderung beläuft sich auf Schadensersatz in Höhe von 2 Milliarden US-Dollar. Sapphire Minmetals, das früher Teil von Radiant World war, unterstützt den Händler bei der Forderung, wie Vorstandsvorsitzender Rakesh Sethi gegenüber Bloomberg mitteilte. Zugleich sind Radiant World und Sapphire selbst Gegenstand eines Londoner Gerichtsbeschlusses zur Einfrierung von Vermögenswerten.
Am 19.09.2026 meldete aktien.news, dass Glencore seinen Leiter für Stahlrohstoffe, Peter Hill, suspendiert hat. Der Rohstoffriese führt eine interne Überprüfung seiner langjährigen Geschäftsbeziehung zu Radiant World durch. Die Suspendierung folgt auf eine Reihe schwerwiegender Vorwürfe und die Zwei-Milliarden-Dollar-Klage. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine komplexe, mehrjährige Handelsbeziehung, die Ende der 2000er-Jahre begann.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Vorgang vor allem wegen der Verflechtung mit einem börsennotierten Konzern relevant. Glencore ist an der Londoner Börse notiert (LSE: GLEN) und damit auch über viele europäische Depots investierbar. Die Auseinandersetzung mit Radiant World ist ein Rechtsrisiko, das den Konzern über die interne Überprüfung und die suspendierte Führungskraft hinaus beschäftigt.
Die Einsetzung eines interimistischen gerichtlichen Verwalters ist ein tiefgreifender Schritt. Sie bedeutet nicht zwangsläufig eine Abwicklung, wohl aber, dass ein unabhängiger Dritter die Kontrolle über Finanzen und Verträge übernimmt und das Neugeschäft zum Erliegen kommt. Ob ein vollständiger gerichtlicher Verwalter folgt, entscheidet das Gericht in Singapur. Anleger sollten die weitere Berichterstattung aufmerksam verfolgen; eine Handlungsempfehlung lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht ableiten.
Ausblick
Das Gericht in Singapur muss nun darüber entscheiden, ob ein vollständiger gerichtlicher Verwalter eingesetzt wird. Offen ist auch der Ausgang der Ermittlungen der singapurischen Polizei gegen Radiant World, zu denen bislang keine Details bekannt sind. Darüber hinaus läuft die Klage über 2 Milliarden US-Dollar gegen Glencore weiter. Konkrete Termine für Entscheidungen sind bislang nicht bekannt.
Kurz erklärt
- Interimistischer gerichtlicher Verwalter: Eine vom Gericht bestellte Person oder Gesellschaft, die vorübergehend die Geschäfte eines Unternehmens führt, solange über eine dauerhafte Lösung entschieden wird.
- Interessenkonflikt: Eine Situation, in der eine Doppelrolle die unabhängige Wahrnehmung einer Aufgabe gefährdet.
- Eidesstattliche Versicherung: Eine schriftliche Erklärung, mit der eine Person die Richtigkeit ihrer Angaben förmlich bestätigt.
