Kevin Warsh als Fed-Chef: Hawkish in Worten, dovish in der Praxis?
Der designierte Fed-Vorsitzende Kevin Warsh sorgt mit seiner Präferenz für den Trimmed PCE als Inflationsmaßstab für Kontroversen.

Kevin Warsh, der designierte Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve, steht im Mittelpunkt einer geldpolitischen Debatte. Sein bevorzugter Inflationsindikator – der sogenannte „Trimmed PCE" – sorgt für Diskussionen unter Ökonomen und Analysten. Während Kritiker warnen, dass diese Wahl nach hinten losgehen könnte, sehen Analysten von KB Securities in Warshs Ansatz letztlich eine eher expansive Geldpolitik.
Warsh ist kein Unbekannter in der Welt der Zentralbanken. Der US-amerikanische Ökonom war von 2006 bis 2011 Mitglied des Gouverneursrats der Federal Reserve – eine Amtszeit, die die globale Finanzkrise umfasste. In dieser turbulenten Phase spielte er eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der Fed-Reaktion auf die Marktturbulenzen und fungierte als wichtiges Bindeglied zur Wall Street. Nach seinem Ausscheiden blieb er eine einflussreiche Stimme in der Geldpolitik.
Starkes Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Fed
Bei einer Anhörung im US-Kongress betonte Warsh die Unabhängigkeit der Federal Reserve „stärker als erwartet". Er erklärte, die Notenbank sei für die Preisstabilität verantwortlich und müsse die Inflation als Beweis für ihre Unabhängigkeit niedrig halten. Sein Credo: „Unabhängigkeit muss man sich verdienen." Trotz dieser entschlossen klingenden Worte bewerten die Analysten von KB Securities seine tatsächliche Haltung anders: „Dies hätte leicht als restriktiv aufgefasst werden können. Doch was sein tatsächliches Handeln betrifft, waren seine Bemerkungen nicht hawkish."
Der zentrale Streitpunkt ist Warshs Präferenz für den Trimmed PCE als Inflationsmaßstab. Dieses von der Dallas Fed entwickelte Instrument schließt die obersten 31 % und untersten 24 % der detaillierten Preiskomponenten aus. Es unterscheidet sich damit grundlegend vom Kern-PCE, dem derzeit bevorzugten Inflationsindikator der Federal Reserve, der lediglich die volatilen Preise für Lebensmittel und Energie ausklammert.
Was ist der Unterschied zwischen Trimmed PCE und Kern-PCE?
Die praktischen Konsequenzen dieser Wahl sind erheblich. Kritiker weisen darauf hin, dass ein Trimmed PCE von nur 2,3 % darauf hindeuten könnte, dass kein Spielraum für Zinssenkungen besteht – selbst wenn der Kern-PCE bei 2,8 % liegt. Ein niedrigerer Inflationsindikator könnte also paradoxerweise eine restriktivere Geldpolitik rechtfertigen.
Die Analysten von KB Securities widersprechen dieser Lesart jedoch. Sie betonen, dass der Trimmed PCE nicht dazu gedacht sei, die Inflation unterzubewerten, sondern sie präziser zu erfassen – unter anderem durch das Ausschließen von Komponenten mit besonders hoher Inflation. Entscheidend sei dabei die eigentliche Funktion des Instruments: Es handele sich um ein Werkzeug zur „Trendbestätigung" und nicht um einen Frühindikator.
„Viele argumentieren, dass der Trimmed PCE im aktuellen Umfeld schwer als Frühindikator zu verwenden ist. Aber der Trimmed PCE war von vornherein nie als Frühindikator gedacht. Seine eigentliche Rolle besteht darin, zu bestätigen, ob sich ein Inflationstrend verschoben hat", so die Analysten von KB Securities.
Als konkretes Beispiel verweisen die Analysten auf das Jahr 2021: Damals diente der Trimmed PCE als früher Indikator für den beginnenden Inflationsanstieg, während die Fed die Preissteigerungen noch als vorübergehend einstufte. Das Maß funktioniere auch dann, wenn sich die Inflation abzukühlen beginne, der Trend aber im Kern-PCE noch nicht deutlich sichtbar sei.
Expansives Instrument trotz restriktiver Rhetorik
Das Fazit der KB-Securities-Analysten fällt eindeutig aus: Warshs Rhetorik und seine tatsächliche Werkzeugwahl stehen in einem gewissen Widerspruch zueinander. „Sein Engagement für die Inflationskontrolle klingt restriktiv, aber das geldpolitische Instrument, das er tatsächlich vorgeschlagen hat, ist expansiv", so die Analysten. Für Anleger und Märkte bedeutet dies: Die öffentlichen Aussagen des designierten Fed-Chefs sollten nicht zwingend als Blaupause für seine künftige Zinspolitik gewertet werden. Die Wahl des Inflationsmaßstabs könnte letztlich mehr Spielraum für Zinssenkungen lassen, als Warshs Worte vermuten lassen.
