Japan und Großbritannien unter Druck: Haushaltskrise zwingt zu Sparmaßnahmen
Zwei Wirtschaftsmächte kämpfen gleichzeitig um fiskalische Glaubwürdigkeit – mit weitreichenden Folgen für Märkte und Anleger.

Japan und Großbritannien stehen Mitte Oktober 2026 vor denselben grundlegenden Herausforderungen: Wie lassen sich ambitionierte politische Versprechen mit der harten Realität der Haushaltsdisziplin vereinbaren? Beide Länder befinden sich mitten in kritischen Ausgabenüberprüfungen, während die Märkte das Vertrauen in die Fiskalstabilität zunehmend hinterfragen.
In Japan hat die Regierung ihre Ausgabenüberprüfung offiziell neu gestartet – und orientiert sich dabei ausdrücklich am US-amerikanischen Department of Government Efficiency (DOGE). Ziel ist es, Dutzende Milliarden Dollar an öffentlichen Mitteln und Subventionen zu identifizieren, um das kostspielige Politikprogramm von Premierministerin Sanae Takaichi zu finanzieren. Im Mittelpunkt steht eine geplante Senkung der Verbrauchssteuer auf Lebensmittel, die für April 2027 vorgesehen ist.
Finanzminister Satsuki Katayama betonte, die Initiative sei unverzichtbar, um sowohl Wirtschaftswachstum als auch Haushaltsstabilität zu erreichen. Konkret richtet sich der Blick auf 201 Sonderfonds der Regierung, die zusammen geschätzte 7 Billionen Yen – umgerechnet rund 44,35 Milliarden US-Dollar – für das kommende Fiskaljahr halten. Die Regierung plant, ungenutztes oder brachliegendes Kapital zurückzufordern und bestehende Subventionsprogramme einer strengen Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen.
Japans DOGE-Initiative: Ehrgeizige Ziele, magere Bilanz
Dieser Schritt folgt auf eine enttäuschende erste Überprüfungsrunde zu Beginn des Jahres, die bei 120 untersuchten Steuervergünstigungen lediglich drei Abschaffungsvorschläge hervorbrachte. Gleichzeitig haben die Renditen zehnjähriger japanischer Staatsanleihen Mehrjahrzehnthochs erreicht, was den Druck auf die Regierung erhöht, ihre Wahlversprechen ohne übermäßige Neuverschuldung zu finanzieren.
Premierministerin Takaichi hat sich verpflichtet, die Nettoneuverschuldung auf 40 Billionen Yen zu begrenzen – trotz Rekordausgabenanträgen von 143 Billionen Yen. Ökonomen wie Keiji Kanda vom Daiwa Institute of Research warnen jedoch, dass die Kürzung von Subventionen zur Finanzierung von Verbrauchssteuersenkungen Ressourcen von wichtigen angebotsseitigen Investitionen abziehen und damit das langfristige Wachstumspotenzial des Landes gefährden könnte.
Auf der anderen Seite des Globus steht Großbritannien vor seiner eigenen fiskalischen Bewährungsprobe. Berichten zufolge könnte Premierminister Andy Burnham die Ankündigung eines Fahrplans zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschieben – ein wichtiger Schritt in Richtung des NATO-Ziels von 3,5 Prozent bis 2035. Das Finanzministerium bezeichnete diese Berichte zwar als „Gerüchte und Spekulation", doch die Unsicherheit verdeutlicht die Schwierigkeit, Sicherheitsverpflichtungen angesichts einer Finanzierungslücke von 4,7 Milliarden Pfund im aktuellen Verteidigungsinvestitionsplan zu erfüllen.
Großbritannien: Morgan Stanley warnt vor unterschätztem Fiskalrisiko
Finanzminister John Healey, der zuvor wegen Finanzierungsstreitigkeiten zurückgetreten war, soll seinen ersten Haushalt noch in diesem Monat vorlegen. Die Devisenstrategen von Morgan Stanley haben gewarnt, dass der Markt das britische Fiskalrisiko derzeit unterschätzt. Die Bank empfiehlt eine Short-Position auf GBP/USD und verweist auf den schrumpfenden fiskalischen Spielraum des Schatzkanzlers – dieser ist von 24 Milliarden Pfund im März auf nur noch 8 Milliarden Pfund gesunken, maßgeblich bedingt durch steigende Gilts-Renditen.
Morgan Stanley schätzt, dass die Regierung Maßnahmen zur Einnahmenerhöhung von 15 Milliarden Pfund – vorwiegend durch Steuererhöhungen – umsetzen müsste, um den fiskalischen Spielraum auf 15 Milliarden Pfund wiederherzustellen. Darüber hinaus prognostiziert die Bank, dass das Haushaltsdefizit im nächsten Jahr 3,7 Prozent des BIP erreichen wird, wobei die Schuldendienstkosten einen erheblichen Teil des Anstiegs ausmachen.
Mit Blick auf die Ausgabenüberprüfung 2027 steht die britische Regierung vor einer gewaltigen Aufgabe: Sie muss 11 Milliarden Pfund für Verteidigungsziele aufbringen und zusätzlich 13,5 Milliarden Pfund, um reale Ausgabenkürzungen in nicht geschützten Ministerien zu verhindern. Da der Brutto-Finanzierungsbedarf im nächsten Jahr voraussichtlich um rund 60 Milliarden Pfund steigen wird, bleibt Großbritannien unter intensiver Beobachtung von Investoren, die nach vergangenen fiskalischen Überraschungen besonders wachsam sind.
Für deutsche Anleger sind diese Entwicklungen von unmittelbarer Relevanz: Steigende Anleiherenditen in Japan und Großbritannien können globale Kapitalströme beeinflussen und Druck auf europäische Zinsmärkte ausüben. Zudem signalisieren die Schwierigkeiten beider Länder, Haushaltsdisziplin mit politischen Versprechen zu verbinden, ein breiteres Muster fiskalischer Anspannung in den großen Industriestaaten.
