IFS warnt: Healeys Budget braucht 36 Milliarden Pfund Anpassung
Ein britischer Thinktank schlägt Alarm: Ein „Weiter-so"-Haushalt am 28. Oktober ist für Finanzminister Healey keine Option.

Das Institute for Fiscal Studies (IFS) hat eine deutliche Warnung an den britischen Finanzminister John Healey gerichtet: Sein erster Haushalt, der am 28. Oktober vorgestellt wird, muss Steuererhöhungen oder Kürzungen bei den Sozialausgaben in Höhe von 36 Milliarden Pfund umfassen. Nur so lassen sich die inflationsbedingten Belastungen für den öffentlichen Dienst ausgleichen und ein Versprechen für höhere Verteidigungsausgaben einhalten. Ein bloßes Fortschreiben der bisherigen Pläne sei keine realistische Option.
Die Ausgangslage ist politisch heikel: Healey und Premierminister Andy Burnham haben versprochen, die Lebenshaltungskosten für die britische Bevölkerung zu senken. Gleichzeitig sind sie durch die angespannte Lage der öffentlichen Finanzen und durch Steuererhöhungen von mehr als 60 Milliarden Pfund in den beiden vorangegangenen Haushalten von Healeys Vorgängerin Rachel Reeves stark eingeschränkt. Zudem steht die Regierung unter Druck, einen konkreten Zeitplan für die Anhebung der Verteidigungsausgaben auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorzulegen.
IFS-Direktorin Helen Miller brachte die Lage auf den Punkt: „Es wäre eine bewusste Entscheidung, erhebliche Einschnitte bei der Quantität oder Qualität einiger öffentlicher Dienstleistungen hinzunehmen." Ein Untätigbleiben sei damit keine neutrale Wahl, sondern eine aktive Entscheidung mit spürbaren Folgen für die Bevölkerung.
Die Details
Die Zahl 36 Milliarden Pfund verdeutlicht das Ausmaß der Herausforderung: Laut IFS würde es einer Erhöhung des Hauptsatzes der Einkommensteuer um 3 Prozentpunkte entsprechen, um diesen Betrag allein über Steuereinnahmen zu decken. Healey und Burnham haben jedoch ausdrücklich erklärt, an dem Versprechen der Vorgängerregierung festzuhalten, die Hauptsteuersätze nicht zu erhöhen. Dennoch wird erwartet, dass sie nach Wegen suchen, die Einnahmen auf anderem Wege zu steigern.
Der IFS-Bericht basiert auf Inflationsprognosen, die deutlich über den offiziellen Regierungsschätzungen liegen. Das Institut rechnet damit, dass die Inflation in diesem Jahr durchschnittlich 3,1 Prozent und im Jahr 2027 rund 3,0 Prozent betragen wird – verglichen mit den offiziellen Projektionen vom März in Höhe von 2,3 Prozent beziehungsweise 2,0 Prozent. Diese höhere Inflation ist maßgeblich auf den Iran-Krieg zurückzuführen, der die Kreditkosten für Staatsanleihen weltweit in die Höhe getrieben hat.
Beim Wirtschaftswachstum zeichnet sich ein gemischtes Bild ab: Für das laufende Jahr erwartet das IFS eine Aufwärtskorrektur von der März-Schätzung von 1,1 Prozent auf 1,4 Prozent. Für das Folgejahr hingegen könnte die Wachstumsprognose von 1,6 Prozent auf 1,2 Prozent nach unten revidiert werden. Diese Verlangsamung würde die Haushaltslage zusätzlich erschweren.
Beim sogenannten fiskalischen Spielraum – also der Differenz zwischen der Kreditaufnahme für laufende Staatsausgaben und den Steuereinnahmen im Geschäftsjahr 2029/30 – rechnet das IFS mit einem Rückgang auf rund 20 Milliarden Pfund, verglichen mit einer früheren Schätzung von 24 Milliarden Pfund aus dem März. Dieser Wert liegt zwar über den Analystenschätzungen von 12 Milliarden Pfund, ist im historischen Vergleich jedoch niedrig. Voraussetzung für dieses Szenario ist allerdings, dass die höhere Inflation das Lohnwachstum und damit die Einkommensteuereinnahmen ankurbelt – was die Zinslasten und inflationsgebundenen Sozialkosten teilweise kompensieren würde.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle IFS-Warnung reiht sich in eine Serie besorgniserregender Signale ein, die aktien.news in den vergangenen Wochen dokumentiert hat. Bereits am 11. September 2026 berichtete aktien.news, dass Analysten der UBS davor warnten, der fiskalische Spielraum könnte deutlich unter die vom Office for Budget Responsibility (OBR) im März prognostizierten 23,6 Milliarden Pfund fallen – unter anderem wegen höherer Zinsannahmen und gestiegener Renditen für zehnjährige Staatsanleihen.
Am 24. September 2026 meldete aktien.news, dass das britische Finanzministerium bereit sei, mit einem kleineren fiskalischen Puffer auszukommen, um die Steuererhöhungen im Haushalt zu dämpfen. Anleger signalisierten damals, dass der Gilt-Markt durch ein bescheideneres Ziel für die fiskalischen Spielräume nicht erschreckt würde. Premierminister Burnham räumte in diesem Zusammenhang ein, er sei „sich bewusst", dass Labour die Steuern in den vergangenen Jahren bereits zweimal erhöht habe.
Am 5. Oktober 2026 zeichnete aktien.news ein düsteres Gesamtbild: Als Nation schulde Großbritannien knapp 3 Billionen Pfund, und allein im August seien 18,3 Milliarden Pfund aufgenommen worden – 3,5 Milliarden Pfund mehr als erwartet. Nur zwei Tage später, am 7. Oktober 2026, berichtete aktien.news, dass Healey voraussichtlich Steuern erhöhen werde, um einen Teil der durch den Iran-Krieg erodierten fiskalischen Spielräume zurückzugewinnen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in britische Staatsanleihen (Gilts) oder in britische Aktien investiert sind, ist die Haushaltslage in London von unmittelbarer Relevanz. Steigende Kreditkosten und eine unklare Fiskalpolitik können die Renditen für Gilts weiter in die Höhe treiben und damit bestehende Anleiheportfolios unter Druck setzen. Gleichzeitig signalisiert ein fiskalischer Spielraum von nur rund 20 Milliarden Pfund, dass der Handlungsspielraum der britischen Regierung für konjunkturstützende Maßnahmen begrenzt ist.
Das IFS warnt ausdrücklich davor, dass Investoren ein „Weiter-so"-Budget als wenig glaubwürdig einstufen könnten. Eine solche Reaktion der Märkte könnte die Renditen für britische Staatsanleihen weiter steigen lassen und das Pfund Sterling unter Druck setzen – beides Faktoren, die auch für Anleger außerhalb Großbritanniens spürbar wären. Miller mahnte unmissverständlich: „Hoffnung kann nicht Ihre Kernstrategie sein."
Die Regierung steht zudem unter Druck, die steigenden Sozialausgaben zu senken – insbesondere nach dem starken Anstieg der staatlichen Kreditkosten seit Beginn des Konflikts am Golf. Wie Healey diesen Spagat zwischen Ausgabendisziplin, Steuerversprechen und Verteidigungszielen meistern will, bleibt die zentrale Frage für die Märkte.
Ausblick
Der entscheidende Termin ist der 28. Oktober, an dem Healey seinen ersten Haushalt vorlegen wird. Laut IFS könnte er sich dazu entscheiden, umfassende Änderungen an den Finanzplänen bis zu einer Überprüfung der Staatsausgaben – der sogenannten „Spending Review" – im Jahr 2027 aufzuschieben. Bis dahin könnte der Iran-Krieg beendet sein und die Kreditkosten könnten niedriger ausfallen. IFS-Direktorin Miller warnte jedoch, dass Investoren, die die Renditen für Staatsanleihen weltweit in die Höhe getrieben haben, vor einer solchen Hinhaltetaktik zurückschrecken könnten.
Kurz erklärt
- Fiskalischer Spielraum: Die Differenz zwischen staatlicher Kreditaufnahme für laufende Ausgaben und den Steuereinnahmen in einem bestimmten Haushaltsjahr.
- Gilts: Britische Staatsanleihen, die der Staat zur Finanzierung seiner Ausgaben am Kapitalmarkt ausgibt.
- Spending Review: Eine regelmäßige Überprüfung der britischen Staatsausgaben, bei der die Mittelzuweisungen für einzelne Ministerien festgelegt werden.
