Irans Energiekrise: Vier gefährliche Illusionen bedrohen die Weltwirtschaft
Die globale Energiekrise rund um die Straße von Hormus ist bereits Realität – unabhängig vom weiteren Verlauf des Konflikts.

Selbst ein sofortiger Waffenstillstand würde die drohende Energiekrise für die Weltwirtschaft nicht mehr abwenden. Das ist die ernüchternde Einschätzung von Analysten, die den nun bereits sechs Wochen andauernden Konflikt rund um die Straße von Hormus beobachten. Klares Denken seitens der Regierungen, Unternehmen und Verbraucher sei jetzt dringend erforderlich, um eine weitere Verschlimmerung der Lage zu verhindern.
Die Straße von Hormus ist für die Mehrheit der Schiffseigentümer faktisch zu riskant für eine Durchfahrt. Von den wenigen Schiffen, die die Meerenge passieren, wird angenommen, dass dies mit Zustimmung des Irans und nach Zahlung einer Gebühr an Teheran geschieht. Der Verlust dieser strategisch entscheidenden Wasserstraße trifft die globale Energieversorgung an einem ihrer empfindlichsten Punkte.
Vier Illusionen, die die Krise verschärfen
Experten identifizieren vier zentrale Fehleinschätzungen, die das internationale Krisenmanagement belasten. Die erste Illusion ist der Glaube, dass eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus die aktuellen Versorgungsprobleme bei Rohöl, raffinierten Produkten und verflüssigtem Erdgas (LNG) automatisch lösen würde. Die zweite Illusion betrifft das Vertrauen in rationales und berechenbares Handeln der US-Regierung unter Präsident Donald Trump.
Die dritte und besonders folgenreiche Fehleinschätzung: Viele behandeln die Krise als Rohölpreiskrise, obwohl es sich in Wirklichkeit um einen akuten Notstand bei der Versorgung mit raffinierten Produkten handelt – besonders für kraftstoffimportierende Nationen. Die vierte Illusion schließlich ist der Glaube, dass kurzfristige nationale Eigeninteressen das eigene Land vor den schlimmsten Auswirkungen schützen können.
Versorgungsausfall von über zehn Prozent
Das Ausmaß des Schocks ist enorm: Der weltweite Markt muss mit dem dauerhaften Verlust von rund 12 Millionen Barrel pro Tag (bpd) an Rohöl und raffinierten Produkten umgehen – das entspricht mehr als zehn Prozent des täglichen globalen Bedarfs. Zum Vergleich: Während der COVID-19-Pandemie brachen Preise und Nachfrage ein, weil weltweite Lockdowns die Nachfrage abwürgten. Der aktuelle Schock ist jedoch ein Versorgungsproblem, das die Preise in die Höhe schnellen lässt. Physische Produkte wie Kerosin haben sich in Singapur bereits mehr als verdoppelt.
Das Beispiel China verdeutlicht das Dilemma der nationalen Eigeninteressen: Peking hat die Exporte von raffiniertem Kraftstoff gestoppt, um die inländische Versorgung zu sichern. Doch wenn Chinas Nachbarn in Asien aufgrund von Engpässen große Teile ihrer Wirtschaft stilllegen müssen, dürfte dies früher oder später auf Chinas eigene Exportindustrien zurückschlagen. Australien hingegen hat einen anderen Weg gewählt und sich Kraftstoffimporte von Lieferanten wie Japan und Singapur gesichert – im Austausch gegen die Zusage, weiterhin Kohle und LNG zu liefern.
Trumps drei Optionen
Dem iranischen Konflikt liegen auch diplomatische Verwicklungen zugrunde, die eine Lösung erschweren. Trump drohte dem Iran öffentlich damit, das Land „auszuschalten", falls die Meerenge nicht wieder geöffnet werde. Solche Aussagen, kombiniert mit dem sichtbaren Aufmarsch von US-Streitkräften in der Region und Trumps Vergangenheit, Abkommen aufzukündigen, haben bisherige Annäherungsversuche für einen Waffenstillstand scheitern lassen.
Dem Iran ist es bisher gelungen, Katars LNG- und Gas-to-Liquids-Anlagen sowie Raffinerien und Infrastruktur in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Bahrain und Saudi-Arabien zu treffen. Das Risiko weiterer Angriffe auf Energieanlagen am Golf bleibt damit real und hoch.
Für Trump zeichnen sich drei mögliche Handlungsoptionen ab:
Option 1:
Rückzug aus dem Konflikt bei gleichzeitigem Versuch, diesen als Sieg darzustellen -
Option 2:
Dramatische Eskalation mit dem Risiko eines langwierigen Konflikts, massiver Schäden an der Energieinfrastruktur und einer globalen Rezession -
Option 3:
Akzeptanz eines Waffenstillstands und einer Verhandlungslösung, die für den Iran günstiger ausfallen dürfte als die Lage vor Konfliktbeginn am 28. Februar
Die dritte Option würde der Weltwirtschaft am wenigsten schaden – gilt aber angesichts der bisherigen Erklärungen und Handlungen der beteiligten Parteien als die unwahrscheinlichste.
Ärmere Länder tragen die größte Last
Die Auswirkungen der notwendigen Senkung der weltweiten Nachfrage nach Rohöl und raffinierten Produkten um rund zehn Prozent werden nicht gleichmäßig verteilt sein. Ärmere Länder in Asien und Afrika werden die ersten und härtesten Auswirkungen spüren, da sie Schwierigkeiten haben werden, raffinierte Produkte sowohl zu beschaffen als auch zu bezahlen. Statt nationaler Abschottung braucht die Welt jetzt internationale Kooperation – bevor die Krise weiter eskaliert.
