Hollywood-Filme flüchten nach Großbritannien – doch der Boom wackelt
Hollywood-Filme wandern nach Großbritannien ab – doch Trump und sinkende Ausgaben gefährden den Boom.

Die Filmproduktion Hollywoods wandert seit Jahren massiv ins Ausland ab – und Großbritannien hat sich als einer der größten Profiteure dieser Entwicklung etabliert. Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass der britische Filmboom ins Stocken geraten könnte. Donald Trump droht mit Steueranreizen, um die Produktion zurück in die USA zu holen, während gleichzeitig die Ausgaben für britische Filmproduktionen deutlich sinken.
Einst war Hollywood die unangefochtene Filmhauptstadt der Welt. Auf ihrem Höhepunkt Ende der 1990er-Jahre beschäftigte die Branche in und um Los Angeles noch 262.000 Menschen. Bis 2024 ist diese Zahl auf 100.000 gesunken – ein dramatischer Einbruch. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom beschrieb die Lage jüngst mit drastischen Worten: Hollywood befinde sich „am Leben erhalten durch Maschinen“.
Großbritannien als Gewinner der Runaway-Produktion
Der große Nutznießer dieser Entwicklung ist das Vereinigte Königreich, das in der Branche längst den Spitznamen „Brollywood“ trägt. Dort gibt es heute eine geschätzte Off-Screen-Belegschaft von 244.500 Menschen, von denen viele direkt oder indirekt von US-Filmproduktionen abhängen, die auf der Insel gedreht werden. Der Grundstein für diesen Aufschwung wurde 1997 mit der Einführung von Filmsteuervergünstigungen gelegt.
Bereits im Jahr 2000 drehte Warner Bros. „Harry Potter und der Stein der Weisen“ auf einem stillgelegten Flugfeld in Leavesden, nördlich von London. 2004 begann der britische Regisseur Christopher Nolan mit den Dreharbeiten zu „Batman Begins“ im Vereinigten Königreich – mit einer Besetzung, die von den britischen Schauspielern Christian Bale, Gary Oldman und Michael Caine angeführt wurde. Die Filme zogen Millionen an Steuervergünstigungen an, und Warner Bros. wurde zu einem der größten Investoren der britischen Filmbranche.
Eine weitere Erhöhung der Steuerkredite im Jahr 2014 wurde vom damaligen britischen Finanzminister George Osborne am Set von „Star Wars: The Force Awakens“ angekündigt. Disney bedankte sich sogar in den Abspanncredits bei ihm. Osborne tweetete damals: „Ein weiterer #StarWars-Film wird im UK gedreht. Ein #LongTermEconomicPlan in einer Galaxie fern, fern.“ Dies zog auch die in den USA ansässigen Streaming-Dienste und Marvel-Filme an, darunter „Deadpool & Wolverine“ und „Avengers: Doomsday“, die ebenfalls in Großbritannien gedreht wurden.
Trumps Drohungen und erste Rückschläge
Doch in letzter Zeit zeichnen sich besorgniserregende Anzeichen ab. Donald Trump erklärte diesen Monat, er wolle die Branche „ZURÜCK IN DIE USA“ holen und werde einen bundesweiten Steueranreiz dazu unterstützen. Zuvor drohte er bereits mit einem Zoll von 100 Prozent auf im Ausland produzierte Filme – eine Idee, die weithin als beispiellos kritisiert wurde.
Parallel dazu berichtete das British Film Institute, dass die Ausgaben für britische Filme und hochwertige TV-Produktionen im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 15,6 Prozent zurückgegangen sind. Dies geschah trotz einer Erhöhung der audiovisuellen Steuerkredite in Großbritannien im Jahr 2024 auf zwischen 25 und 40 Prozent, je nach förderfähigen Ausgaben.
<a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3ANFLX">Netflix kündigte zudem kürzlich eine Investition von einer Milliarde US-Dollar in ein neues Produktionsstudio in New Jersey an – ein deutliches Signal für eine Rückkehr zur lokalen US-Produktion, nachdem der Staat seine Filmsteuerbegünstigungen erhöht hatte. Netflix-CEO Ted Sarandos gab zu, dass das Unternehmen sieben Produktionen, die ursprünglich in Großbritannien gedreht werden sollten, nach New Jersey verlegt hat.
Abhängigkeit statt Unabhängigkeit
Die britische Filmindustrie würde ohne staatliche Unterstützung nur noch auf Reserve laufen. In Großbritannien ansässige Filmproduzenten mögen zwar als unabhängig beschrieben werden, tatsächlich sind sie jedoch abhängig: von Stars, Subventionen und Streaming-Diensten. Netflix allein gibt seit 2020 jährlich 1,5 Milliarden Dollar für die britische Film- und TV-Produktion aus. Im Bereich mit niedrigerem Budget hängen Produzenten von Fördermitteln des BFI, der BBC, von Film4 und Private Equity ab.
Hinzu kommt die Bedrohung durch künstliche Intelligenz, die die lebendige Visual-Effects-Branche des Landes aushöhlen könnte. Zudem sehen sich die Briten wachsender Konkurrenz durch Irland, EU-Länder, Australien und einzelne US-Bundesstaaten wie Georgia ausgesetzt, die allesamt wettbewerbsfähige Steuerermäßigungen anbieten.
Ein historisches Déjà-vu
Ironischerweise war es die britische Regierung, die im Jahr 1927 als Reaktion auf die Dominanz Hollywoods erstmals amerikanische Filmimporte besteuert hatte. Dieser Protektionismus brachte ein Genre hervor, das als „Quota Quickies“ bekannt ist – preiswerte, in Großbritannien produzierte Filme, die es den Kinos des Landes ermöglichten, Mindestquoten für Vorführungen zu erfüllen. Diesen Produktionen wird zugeschrieben, Filmemachern wie Alfred Hitchcock und David Lean den Karrierestart ermöglicht zu haben.
Ein Jahrhundert später hinterlässt Hollywood sein Vermächtnis in Großbritannien in Form einer weltklasse Studioinfrastruktur und einer neuen Generation einheimischer Stars, Regisseure und Crewmitglieder. Christopher Nolan sagte, der erhöhte Filmsteuerkredit werde „neue Möglichkeiten schaffen … für die kommenden Jahre“. Ob Hollywood und die Streaming-Dienste jedoch weiterhin präsent bleiben, um diese zu finanzieren, ist fraglich. Andernfalls könnte die britische Regierung die Steueranreize weiter erhöhen müssen, um die Branche wettbewerbsfähig zu halten.
