EZB legt Zinspolitik von Sitzung zu Sitzung fest, sagt Kocher
EZB-Politiker Martin Kocher betont im Interview mit dem österreichischen "Kurier" die hohe Unsicherheit und den Preisschock im Nahen Osten.

Wien – Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihre geldpolitischen Entscheidungen nicht im Voraus festlegen, sondern die wirtschaftliche Lage bei jeder Sitzung neu bewerten. Das betonte der EZB-Politiker Martin Kocher in einem Interview mit der österreichischen Zeitung "Kurier", das am Donnerstag veröffentlicht wurde. "Wir haben klar gesagt – und ich glaube, das ist der richtige Ansatz –, dass wir angesichts der hohen Unsicherheit und des Preisschocks aufgrund der Lage im Nahen Osten die Situation bei jeder Sitzung neu bewerten werden", zitiert ihn die Zeitung.
Kocher machte damit deutlich, dass der EZB-Rat sich nicht auf einen vorgezeichneten Zinspfad festlegen will. Stattdessen soll nach jeder Sitzung anhand der aktuellen Datenlage entschieden werden, ob die Zinsen angehoben werden oder nicht. Die Agentur Reuters meldete die Äußerungen aus Wien am 24. September.
Diese sogenannte Sitzung-für-Sitzung-Strategie ist ein bewusst gewählter Ansatz, um in einem Umfeld hoher Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Wer sich frühzeitig auf einen bestimmten Zinspfad festlegt, riskiert, bei einer unerwarteten Entwicklung der Konjunktur oder der Preise die falsche Richtung einzuschlagen. Die EZB hält sich deshalb ausdrücklich die Option offen, von Sitzung zu Sitzung neu zu entscheiden.
Hohe Unsicherheit als Leitmotiv
Als Begründung nennt Kocher zwei Faktoren: die hohe Unsicherheit insgesamt und einen Preisschock, der auf die Lage im Nahen Osten zurückgeht. Ein Preisschock bezeichnet einen plötzlichen, oft von außen kommenden Anstieg der Preise – etwa bei Energie oder Rohstoffen –, der sich auf die Inflation eines Währungsraums niederschlagen kann. Für Notenbanken ist eine solche Entwicklung besonders heikel, weil sie sowohl die Preise als auch das Wirtschaftswachstum gleichzeitig belasten kann.
Kocher betonte in dem Interview, dass der von der EZB gewählte Ansatz der richtige sei. Die Formulierung "wir werden die Situation bei jeder Sitzung neu bewerten" signalisiert, dass der Rat weder eine Zinserhöhung noch einen Verzicht darauf bereits beschlossen hat. Beide Optionen bleiben ausdrücklich offen.
Für deutsche Privatanleger bedeutet diese Haltung, dass die künftige Zinsentwicklung im Euroraum schwerer vorhersehbar bleibt als in Phasen, in denen die Notenbank eine klare Richtung vorgibt. Wer auf Zinsänderungen setzt – etwa bei Sparprodukten, Krediten oder Anleihen –, muss daher mit kurzfristigen Kurskorrekturen rechnen. Planungssicherheit über einen längeren Zeitraum ist in einem solchen Umfeld begrenzt.
Die Aussagen Kochers reihen sich in eine Kommunikationslinie ein, die auf Datenabhängigkeit setzt. Entscheidend sind damit die jeweils aktuellen Konjunktur- und Preisdaten, die der EZB-Rat vor jeder Sitzung auswertet. Erst danach fällt die Entscheidung über den weiteren Kurs der Geldpolitik im Euroraum.
Für den Markt ist vor allem eines relevant: Die EZB gibt keine Zusage über die nächsten Schritte. Anleger sollten daher jede einzelne Sitzung und die dazugehörigen Datenveröffentlichungen als eigenständigen Entscheidungspunkt betrachten – und nicht auf eine im Voraus festgelegte Zinsrichtung vertrauen.
