Europäische KI-Unternehmen wehren sich gegen US-Bremssignale
Mistral und andere kritisieren US-Wettbewerber, die Sicherheitsbedenken für Marktvorteile nutzen.

Europas führendes KI-Unternehmen Mistral und andere europäische Akteure werfen US-Wettbewerbern vor, Sicherheitsbedenken zu instrumentalisieren, um ihre Marktführerschaft zu festigen. Sie lehnen die Aufrufe von Anthropic-CEO Dario Amodei ab, die Entwicklung fortgeschrittener KI-Modelle zu verlangsamen – während Europa selbst Mühe hat, technologisch aufzuholen.
Amodei hatte in einem Online-Aufsatz Unternehmen dazu aufgefordert, das Tempo der Verbesserung von KI-Modellfähigkeiten zu drosseln. Er forderte zudem eine Kartellrechtsausnahme, die es führenden Entwicklern ermöglichen würde, gemeinsam Sicherheitsmaßnahmen zu erarbeiten. Dies geschah vor dem Hintergrund wiederholter Warnungen von Forschern vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz, einschließlich des Risikos einer existenziellen Bedrohung für die Menschheit.
Während OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk von xAI ebenfalls vor den Risiken zunehmend leistungsfähiger KI-Systeme warnten und die Notwendigkeit einer kontrollierten Entwicklung betonten, haben europäische Unternehmen und Behörden eine deutlich skeptischere Haltung eingenommen.
Europäische Vorwürfe: Marktmacht statt Sicherheit
„Einige etablierte Player nutzen diesen Moment, um ihre Marktstellung zu konsolidieren, und drängen auf Regulierungen, die ihnen gegenüber Wettbewerbern Vorteile verschaffen“, erklärte das französische Startup Mistral in einer Stellungnahme. Das Unternehmen wies darauf hin, dass die Risiken bereits seit Monaten klar seien.
Raphael Auphan, Chief Operating Officer des Schweizer Datenschutzsoftwareunternehmens Proton, bezeichnete die Bewegungen der US-Firma als „völlig selbstbedienend“. Bei einer Tech-Veranstaltung in Paris sagte er: „Sie wollen einfach eine Dimension der Abhängigkeit von ihrem Dienst erhalten.“
Ben Brooks, Leiter der öffentlichen Beziehungen des deutschen KI-Startups Black Forest Labs, warnte davor, dass Maßnahmen zur Durchsetzung einer Kluft zwischen großen Laboren und neuen Marktteilnehmern „auf Basis willkürlicher Schwellenwerte die offene Innovation an oder nahe der Frontier eindämmen würden“.
„Es ist nicht Zeit zum Verlangsamen, sondern zum Beschleunigen“
Clement Delangue, CEO des französisch-amerikanischen Softwareunternehmens Hugging Face, schrieb auf X: „Es ist nicht Zeit zum Verlangsamen, sondern zum Beschleunigen.“ Allerdings unterstützte er Amodeis Vorschlag, „unabhängige Prüfer“ in KI-Unternehmen zu integrieren.
Europa hat bislang nur wenige Entwickler für sogenannte Frontier-KI hervorgebracht. Das dreijährige Mistral gilt als die beste Hoffnung der Region, ein eigenes Frontier-KI-Modell zur Herausforderung der US- und chinesischen Dominanz zu entwickeln. Derzeit ist die Region stark von Modellen abhängig, die von OpenAI, Anthropic oder <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft entwickelt wurden, was viele hinsichtlich der anhaltenden Abhängigkeit von US-Technologie skeptisch stimmt.
Kritik aus der Wissenschaft: „Regulatory Capture“
Kristian Kersting, Professor für KI an der Technischen Universität Darmstadt, bezeichnete Amodeis Vorschläge als „regulatory capture“ (Regulierungsübernahme). „Wenn eine Handvoll großer Unternehmen eigenständig entscheidet, was ‚gefährlich‘ ist, die entsprechenden Inspektoren auswählt und eine Befreiung vom Wettbewerbsrecht fordert, handelt es sich nicht mehr um echte Regulierung“, so Kersting.
Auch europäische politische Entscheidungsträger und Branchenverbände äußerten ähnliche Bedenken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte am Mittwoch, dass die wegweisenden KI-Regeln der EU die Union in die Lage versetzten, globale Bemühungen zur Bewältigung der Risiken mitzugestalten. Der französische Finanzminister Roland Lescure erklärte gegenüber Reuters: „Allen hinter sich das Tempo drosseln lassen zu müssen, damit sie an erster Stelle bleiben können – ich sehe ihren Eigennutz ganz deutlich.“
Das deutsche Bundesministerium für Digitales stellte klar, dass eine Einstellung der KI-Entwicklung angesichts des europäischen Bedarfs an digitaler Souveränität unrealistisch sei. Daniel Abbou, Leiter des deutschen KI-Branchenverbands, betonte: „Für europäische Unternehmen ist diese Debatte irrelevant. Wir müssen zunächst unseren technologischen Nachholbedarf decken.“
Amodei selbst argumentierte in seinem Aufsatz, dass die KI-Entwicklung schneller voranschreite, als Regierungen regulieren könnten. Er schrieb, führende Entwickler sollten sich freiwillig auf Sicherheitsstandards koordinieren und der Aufsicht durch dauerhaft integrierte Prüfer unterwerfen. „Leider kann die Verabschiedung von Gesetzen Zeit in Anspruch nehmen, und KI macht sehr schnelle Fortschritte. Daher können und sollten KI-Unternehmen parallel zum regulatorischen Weg freiwillig zusammenarbeiten, um Standards festzulegen“, so Amodei.
Der britische König Charles lud unterdessen für Donnerstag Technologie- und KI-Experten zu einem Gipfeltreffen in Schottland ein, um die drängenden Probleme der Branche zu erörtern.
