Euro-Zone startet mit Rückenwind in den Aufschwung
Geldmengenwachstum und Kreditvergabe stützen Konjunktur, Zinspolitik vor möglicher Wende

Ein unscheinbarer, aber viel beachteter Konjunkturindikator weckt derzeit Hoffnungen auf einen anhaltenden Aufschwung in der Euro-Zone. Der Einkaufsmanagerindex, den S&P Global monatlich auf Basis von Befragungen von rund 5000 europäischen Unternehmen erstellt, ist im September um 0,2 auf 51,2 Punkte gestiegen. Damit liegt er weiterhin über der entscheidenden Marke von 50 Punkten, die Wachstum signalisiert. Industrie und Dienstleistungssektor melden damit erneut eine leichte Belebung, nachdem der Index bereits in den vergangenen Monaten positive Impulse geliefert hatte.
Ein weiteres Signal liefert der „Monetary Stimulus Indicator“, den der Vermögensverwalter Bantleon für die Euro-Zone berechnet. Obwohl das Barometer im Juli leicht zurückging, verzeichnet es den zweithöchsten Wert des laufenden Jahres. Dieser Frühindikator bündelt mehrere geldpolitische Kennzahlen wie Zinsdifferenzen, Geldmengenentwicklung und das Kreditneugeschäft der Banken. Mit einem Vorlauf von rund zwölf Monaten gilt er als zuverlässiger Hinweisgeber für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Auffällig ist vor allem das stabile Wachstum des Geldmengenaggregats M1, das Bargeld und Sichteinlagen umfasst. Es liegt seit mehreren Monaten konstant bei fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig vergeben europäische Banken weiterhin zahlreiche neue Kredite, was laut Bantleon-Ökonomen auf eine „lebhafte“ Kreditnachfrage hinweist.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich Bantleon-Chefvolkswirt Daniel Hartmann überzeugt, dass der Aufschwung in der Euro-Zone anhalten wird. Die günstigen monetären Rahmenbedingungen sprächen für eine Fortsetzung der konjunkturellen Erholung bis in den Herbst 2026 hinein. Prognosen zufolge dürfte das gemeinsame Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 1,4 Prozent wachsen und 2026 die Marke von zwei Prozent erreichen. Damit würde der Euroraum ein deutlich dynamischeres Wachstum verzeichnen als Deutschland, wo Wirtschaftsweise Monika Schnitzer für 2025 lediglich mit einer ausgeglichenen Bilanz rechnet.
Offen bleibt jedoch die weitere Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Seit Sommer 2024 hat sie den Leitzins achtmal gesenkt, wodurch die Finanzierungskosten erheblich gesunken sind. Viele Analysten erwarten nun eine Zinspause, wenn die Notenbank am 30. Oktober und 18. Dezember zu ihren letzten geldpolitischen Sitzungen des Jahres zusammenkommt. Einige Beobachter schließen auch nicht aus, dass die EZB 2026 bei steigender Inflation wieder zu moderaten Zinserhöhungen übergehen könnte. Besonders die deutsche Direktorin Isabel Schnabel hat diese Möglichkeit jüngst überraschend deutlich angesprochen. Die aktuelle Phase niedriger Zinsen könnte damit ihrem Ende entgegengehen, während die Konjunktur in Europa an Fahrt gewinnt.
