Deutsche Wirtschaft schrumpft im zweiten Quartal
Rückgang bei Investitionen und Bau, schwache Aussichten für das Gesamtjahr

Die deutsche Wirtschaft hat im zweiten Quartal des Jahres eine unerwartete Schrumpfung erlebt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Zeitraum von April bis Juni um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt bekannt gab. Besonders bemerkbar machte sich der Rückgang bei den Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen sowie im Bausektor. Diese Entwicklung ließ Deutschland hinter anderen großen EU-Staaten zurückfallen.
Ökonomen hatten zuvor ein minimales Wachstum des BIP um 0,1 Prozent erwartet, nachdem im ersten Quartal ein Zuwachs von 0,2 Prozent verzeichnet worden war. Deutschland hinkte damit bereits zu Jahresbeginn leicht hinter dem EU-Durchschnitt von 0,3 Prozent hinterher. Frankreich konnte im Frühjahr ein Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent erzielen, während Spanien sogar ein Plus von 0,8 Prozent erreichte.
Die deutsche Wirtschaft kämpft seit dem Frühjahr 2022 mit einer stagnierenden Konjunktur. Schwierigkeiten bei den Standortfaktoren und eine unsichere Wirtschaftspolitik tragen maßgeblich zu dieser Situation bei. Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, wies darauf hin, dass das kontinuierlich sinkende Auftragspolster in der Industrie kein Zufall sei und zudem Arbeitsplätze gefährde.
Die weltwirtschaftliche Lage bietet ebenfalls wenig Unterstützung. China hat als Wachstumstreiber an Schwung verloren, und im Inland steigt die Zahl der Firmenpleiten. Eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank im Juni brachte bislang keine durchgreifende Besserung für die deutsche Wirtschaft. Viele Ökonomen hatten einen Aufschwung für die zweite Jahreshälfte erwartet, doch Konjunkturindikatoren wie der ifo-Geschäftsklimaindex deuteten bereits vor der Veröffentlichung der BIP-Zahlen auf einen Fehlstart hin. Der Index sank im Juli den dritten Monat in Folge. ifo-Präsident Clemens Fuest erklärte, die deutsche Wirtschaft stecke in der Krise fest.
Trotz der schwachen wirtschaftlichen Leistung hat sich die Stimmung unter den Verbrauchern zuletzt verbessert. Die Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land sorgte für eine Aufhellung, und die Bereitschaft zu größeren Anschaffungen stieg auf das Niveau von März 2022. Dennoch bleibt unklar, ob dieser Trend von Dauer sein wird oder nur ein kurzzeitiges Aufflackern aufgrund der EM-Euphorie darstellt.
Die Bundesregierung hat ein Maßnahmenpaket zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts verabschiedet. Dieses Paket umfasst erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten, um Investitionsanreize zu schaffen. Die Maßnahmen sollen im kommenden Jahr einen zusätzlichen Wachstumsimpuls von rund einem halben Prozentpunkt bewirken, was einer zusätzlichen Wirtschaftsleistung von 26 Milliarden Euro entspricht. Doch Experten wie Monika Schnitzer und Moritz Schularick zweifeln an der Effektivität des Pakets und sehen darin keine ausreichende Lösung für die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Wachstumsprognose für Deutschland ebenfalls gesenkt und erwartet nur noch ein Wachstum von 0,2 Prozent in diesem Jahr. Dies ist die schwächste Rate aller führenden G7-Industriestaaten. Im Vergleich dazu rechnet der IWF für die Weltwirtschaft mit einem Wachstum von 3,2 Prozent. Diese schwachen Aussichten haben eine Debatte über den Wirtschaftsstandort Deutschland entfacht.
