Britische Wirtschaft zeigt Erholungssignale
Staatsverschuldung und schwache Exporte bleiben große Herausforderungen

Die britische Wirtschaft zeigt Anzeichen einer Erholung, jedoch bleiben die Herausforderungen groß. Zu Jahresbeginn verzeichnete das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein Wachstum von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistikamt ONS mitteilte. Dies ist das höchste Wachstum seit 2021 und setzt die britische Wirtschaft im Vergleich zu anderen G7-Staaten gut in Szene. Nur die USA wiesen mit 1,4 Prozent ein höheres Wachstum auf. Gleichzeitig sank die Inflation im April auf 2,3 Prozent, den niedrigsten Wert seit Juli 2021. Dennoch hatten Experten einen stärkeren Rückgang erwartet.
Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es weiterhin ernsthafte wirtschaftliche Probleme. In der britischen Industrie trübte sich die Stimmung im Juni erneut ein. Der Einkaufsmanagerindex fiel auf 50,9 Punkte, was zwar noch Wachstum signalisiert, aber unter den Erwartungen liegt. Rob Dobson von S&P Global Market erklärte, dass die britische Industrie die stärkste Wachstumsphase seit über zwei Jahren erlebe. Dennoch bleibt die schwache Exportleistung ein Problem, da britische Hersteller Schwierigkeiten haben, neue Aufträge in wichtigen Märkten wie den USA, China und Europa zu gewinnen.
Ein weiteres ernstes Problem ist die hohe Staatsverschuldung. Zwei Wochen vor den Parlamentswahlen erreichte die britische Staatsverschuldung den höchsten Stand seit über 60 Jahren und liegt nun bei 2,742 Billionen Pfund. Dies entspricht einer Schuldenquote von 99,8 Prozent des BIP, dem höchsten Wert seit 1961. Das langsame Wachstum des BIPs pro Kopf zeigt ebenfalls, dass die britische Wirtschaft schwächelt. Während dieser Indikator in den USA zwischen 2007 und 2024 um rund 22 Prozent stieg, wuchs das britische BIP pro Kopf im gleichen Zeitraum nur um sechs Prozent. Prognosen zufolge wird der Lebensstandard in Großbritannien während der kommenden Legislaturperiode voraussichtlich zum ersten Mal seit den 1950er Jahren sinken.
Die nächste britische Regierung wird sich diesen Herausforderungen stellen müssen. Besonders die hohe Staatsverschuldung könnte langfristig ein großes Problem darstellen. Zudem machen das langsame Wirtschaftswachstum und steigende Zinssätze, die von der Bank of England zur Bekämpfung der Inflation auf ein 16-Jahres-Hoch getrieben wurden, öffentliche Investitionen schwieriger. Beide zur Wahl stehenden Parteien haben versprochen, weder die Einkommensteuer noch die Mehrwertsteuer oder andere wichtige Abgaben zu erhöhen, was die Finanzierung öffentlicher Investitionen zusätzlich erschwert.
Investitionen in Wohnungsbau, Infrastruktur, Bildung und Gesundheit wären dringend nötig, um die Wirtschaft zu stärken. Laut Paul Dales von Capital Economics könnten solche Investitionen einige der wirtschaftlichen Schwächen in Stärken verwandeln. Im Gesundheitssystem sind Investitionen besonders dringend, da die konservative Regierung in den letzten 13 Jahren die Ausgaben für den NHS deutlich zurückgefahren hat. Dies führte in den letzten Monaten zu mehreren Ärztestreiks. Auch der Wohnungsmarkt benötigt dringend Investitionen, da er das schlechteste Preis-Leistungs-Verhältnis unter vergleichbaren Volkswirtschaften aufweist. Die Labour Partei plant, bis zu 1,5 Millionen neue Wohnungen zu bauen, jedoch bleibt die Finanzierung dieser Projekte unklar.
