Unternehmen verlagern Produktion ins Ausland
Hohe Energiekosten und Bürokratie belasten den Standort Deutschland zusätzlich

Der Motorsägenspezialist Stihl hat seine Pläne für ein neues Werk auf Eis gelegt, während Miele Arbeitsplätze nach Polen verlagert und Autozulieferer ihre Standorte unter Druck sehen. Diese Entwicklungen sind Teil einer besorgniserregenden Tendenz für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Trotz wiederholter Klagen über Bürokratie und hohe Personal- oder Energiekosten in der Vergangenheit, erscheint die Situation nun besonders ernst. Jürgen Sandau von Deloitte betont, dass Unternehmen langfristig pessimistisch sind und nicht mehr daran glauben, dass die strukturellen Probleme schnell gelöst werden können.
Laut einer neuen Studie von Deloitte und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) befürchtet fast jedes zweite Unternehmen, dass die Deindustrialisierung Deutschlands kaum noch aufzuhalten ist. 49 Prozent der befragten Unternehmen haben bereits Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagert und planen, dies weiterhin zu tun. Neben der Bürokratie und hohen Energiekosten belasten auch die nachhaltig höheren Kosten für die Lieferketten die Margen der Firmen.
128 Unternehmen wurden von Deloitte befragt, davon knapp die Hälfte mit einem Umsatz von mehr als 500 Millionen Euro. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur kleine und mittlere Unternehmen betroffen sind. Wolfgang Niedermark vom BDI fordert die Bundesregierung zu entschlossenerem Handeln auf, um den politischen Stillstand zu überwinden und dringend notwendige Investitionen zu ermöglichen. Die Mehrheit der Unternehmen glaubt, dass Deutschland nicht nur an Attraktivität, sondern auch an politischer Stabilität verliert.
Erst vor wenigen Wochen hatte Miele angekündigt, 700 Arbeitsplätze von Gütersloh nach Ksawerow in Polen zu verlagern, ein Schritt, den auch der Autozulieferer Valeo angekündigt hatte. Trotz einer leichten Erholung der Konjunktur und sinkender Energiepreise bleibt die Lage angespannt. Angelique Renkhoff-Mücke von Warema beschreibt die Situation als so schlecht wie lange nicht mehr, vor allem wegen der fehlenden Perspektive in Deutschland.
Ein weiteres Problem sind die gestiegenen regulatorischen Anforderungen und die Energiekosten, die die Unternehmen belasten. Zudem zeigen die Erfahrungen aus der Coronapandemie und dem Beginn des Ukrainekriegs die Fragilität der Lieferketten. 34 Prozent der befragten Firmen rechnen in den kommenden zwei bis drei Jahren mit einer weiteren Verschärfung der Lieferkettenproblematik. Die Beschaffung aus Ländern, die geopolitische Verbündete sind, gewinnt daher an Bedeutung.
Unternehmen müssen immer einen Plan B haben, um ihre Lieferketten abzusichern, was jedoch zusätzliche Kosten verursacht und Mittel für Zukunftsinvestitionen bindet. Geopolitische Unsicherheiten erschweren die Suche nach alternativen Standorten. Zwei Drittel der Unternehmen fürchten zudem eine Eskalation des Taiwankonflikts und machen sich Sorgen um die Cybersicherheit. Trotz dieser Herausforderungen sehen die Unternehmen Möglichkeiten zur Verbesserung. 86 Prozent sind der Ansicht, dass mehr investiert und innoviert werden muss, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Digitalisierung und Automatisierung könnten dabei helfen, den Fachkräftemangel zu lindern und Kosten zu senken. Auch die Kreislaufwirtschaft bietet Potenzial, die Abhängigkeit von Rohstofflieferungen zu verringern und Verlagerungen zu verhindern.
