Boots vor Übernahme: Weston-Familie bietet 9 Milliarden Dollar
Die britische Apothekenkette Boots steht kurz vor dem Verkauf an die kanadische Milliardärsfamilie Weston.

Die britische Apothekenkette Boots steht kurz vor einem milliardenschweren Eigentümerwechsel. Die kanadische Milliardärsfamilie Weston bietet rund 9 Milliarden US-Dollar für das Unternehmen, wie die Financial Times am Mittwoch berichtete. Die Transaktion ist noch nicht final, könnte aber bereits nächste Woche offiziell angekündigt werden.
Für Boots würde damit eine mehr als vierjährige Phase der Unsicherheit enden. Seitdem der Mutterkonzern Walgreens Boots Alliance (WBA) das Geschäft im Jahr 2022 erfolglos zum Verkauf stellte, befand sich die Kette in einer Art Eigentums-Purgatorium. Nun zeichnet sich eine Lösung ab – allerdings eine, die nicht allen Beteiligten gefallen dürfte.
Ein Verkauf an die Westons wäre zugleich eine Rückkehr der Familie in die britische Einzelhandelsbranche. Erst 2022 hatte sie die Kaufhauskette Selfridges für 4 Milliarden Pfund verkauft. Der britische Zweig der Westons kontrolliert heute den Modehändler Primark und besitzt das gehobene Kaufhaus Fortnum & Mason.
Die Details
Der Deal hat eine bewegte Vorgeschichte. Boots ist das Werk des Serien-Akquiriers Stefano Pessina und seiner Frau Ornella Barra, die durch mehr als tausend Transaktionen nicht nur Europas mächtigsten Drogenhändler, sondern ein globales Apothekenimperium aufbauten. Nach der orchestrierten Hebelkauftransaktion (LBO) in Höhe von 24 Milliarden US-Dollar für WBA im vergangenen Jahr, mit Hilfe der Private-Equity-Gruppe Sycamore Partners, wurde das Unternehmen schnell in fünf eigenständige Firmen aufgeteilt. Die Familie Pessina hält weiterhin jeweils 44 Prozent an jedem dieser fünf Teile.
Die Financial Times hatte in diesem Sommer exklusiv berichtet, dass die Apotheke einen Verkauf entweder an die Familie Weston oder an die australische Apothekengruppe Sigma Healthcare erwog. Zuvor waren Pläne für einen möglichen Börsengang in London verworfen worden. Sollte die Familie Weston nun tatsächlich bei Boots zum Zuge kommen, wäre dies ein Schlag für die City, wo Banker gehofft hatten, das Unternehmen könnte doch noch den Gang aufs Parkett wagen.
Boots selbst hat eine Art Wendegeschichte erlebt. Als WBA vor vier Jahren versuchte, das Geschäft zu verkaufen, galt es als Problemkind in Pessinas Imperium – und niemand wollte zuschlagen. In jüngerer Zeit haben neue Beauty-Marken und die enorme Popularität von Gewichtsabnahme-Injektionen den Einzelhandels- und Apothekenumsatz im Vereinigten Königreich getrieben.
Auch personell hat sich bei Boots einiges verändert. Pessina trat nach dem Sycamore-Deal als geschäftsführender Vorsitzender des Vorstands zurück und blieb stattdessen als Direktor erhalten. In einem Interview mit der FT sagte er Anfang dieses Jahres, er arbeite nun „nur noch 12“ Stunden am Tag statt der üblichen 18 Stunden, die er in seiner Jugend geleistet habe. Falls die Familie Weston das Unternehmen kauft, wird Boots zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten nicht mehr in Pessinas Händen liegen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 09.06.2026 berichtete aktien.news, dass die britische Apotheken- und Kosmetikkette Boots vor einem milliardenschweren Eigentümerwechsel steht. Damals führte die US-amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Sycamore Partners Gespräche über einen Verkauf von Boots für rund 10 Milliarden US-Dollar. Als Interessenten galten der kanadische Zweig der Familie Weston sowie das australische Unternehmen Sigma Healthcare.
Sycamore Partners hatte erst im vergangenen Jahr die Kontrolle über Boots übernommen – als Teil der milliardenschweren Übernahme der Muttergesellschaft Walgreens Boots Alliance für insgesamt 23,7 Milliarden US-Dollar. Die Gespräche mit potenziellen Käufern begannen dem Bericht zufolge zu diesem Zeitpunkt. Der nun kolportierte Preis von 9 Milliarden US-Dollar liegt damit unter der Summe, die im Sommer im Gespräch war.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Fall Boots vor allem ein Lehrstück über die Risiken und Chancen von Private-Equity-Engagements im Einzelhandel. Der geplante Verkauf zeigt, wie schnell sich die Eigentümerstruktur großer Marken verändern kann, wenn Finanzinvestoren ihre Beteiligungen wieder abstoßen. Wer über Fonds oder Direktinvestments in solche Strukturen eingebunden ist, sollte die Exit-Strategien der beteiligten Gesellschaften genau verfolgen.
Bemerkenswert ist zudem die Rolle der Familie Weston, die mit Primark und Fortnum & Mason bereits stark im britischen Handel verankert ist. Ein Zusammenschluss könnte die Konsolidierung im europäischen Apotheken- und Drogeriemarkt weiter vorantreiben. Für den Standort London wäre ein Verkauf an einen strategischen Investor statt an die Börse ein Signal, dass die City als Finanzplatz bei großen Konsumtransaktionen an Bedeutung verliert.
Der Blick auf den breiteren Markt zeigt, dass derartige Transaktionen derzeit auch in Deutschland politisch brisant sind. Drei große Deals testen die Bereitschaft Berlins, politische und finanzielle Unterstützung für transformative Transaktionen zu geben. BASF, der weltweit größte Akteur der Chemieindustrie, hat ein Angebot in Höhe von 10,3 Milliarden Euro für den kleineren Konkurrenten Evonik gemacht, um die unter Druck stehende Branche zu konsolidieren. Das Ziel lehnte das initiale Angebot als zu niedrig ab. Erfolg oder Misserfolg hängt weitgehend von Evoniks größtem Aktionär ab, der RAG-Stiftung, deren Kuratorium eine Who’s Who der Politiker zählt: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst, Finanzminister Lars Klingbeil und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sitzen im Aufsichtsrat.
Ausblick
Ob der Deal tatsächlich zustande kommt, ist noch offen. Die Transaktion ist nicht final und könnte nach Angaben der FT bereits nächste Woche angekündigt werden. Sollte sie scheitern, bleibt ein Börsengang in London eine – zuletzt allerdings verworfene – Option. Klarheit dürfte in den kommenden Tagen entstehen.
Kurz erklärt
- LBO: Ein Leveraged Buyout ist die Übernahme eines Unternehmens, bei der ein großer Teil des Kaufpreises durch Fremdkapital finanziert wird.
- Private Equity: Private-Equity-Gesellschaften sammeln Kapital von Investoren, um damit Unternehmen zu kaufen und später mit Gewinn zu veräußern.
- Börsengang: Beim Börsengang werden Anteile eines Unternehmens erstmals öffentlich an einer Börse gehandelt.
