BofA warnt: Energieschock bedroht Wachstum der Eurozone
Hohe Energiepreise, schwaches Wachstum und eine nervöse EZB: Die Eurozone steuert laut BofA auf eine anhaltende Stagnation zu.

Die Eurozone steht vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen. Laut einer aktuellen Analyse von BofA Global Research droht ein massiver Energieschock, verschärft durch anhaltende geopolitische Spannungen, das Wachstum der Region dauerhaft zu bremsen. Zwar erwartet die Bank of America, dass die Eurozone eine technische Rezession knapp vermeidet – doch die Aussichten bleiben trüb.
BofA hat seine Wachstumsprognosen für die Eurozone deutlich nach unten korrigiert. Für das laufende Jahr wird nur noch ein Wachstum von 0,6 % erwartet, für 2027 lediglich 1,0 %. Im Vergleich zu früheren Schätzungen entspricht das einem kumulativen Verlust von 90 Basispunkten. Als Hauptursache nennen die Analysten die dauerhaft hohen Energiepreise: Brent-Rohöl soll bei rund 100 US-Dollar pro Barrel verharren, während der europäische Gaspreis (Dutch TTF) auf etwa 80 bis 90 Euro pro Megawattstunde bis zum nächsten Winter projiziert wird.
Die Analysten warnen vor einem "dauerhaften Schaden an der Energieversorgung", der eine schnelle Preiskorrektur selbst bei einer Entspannung der geopolitischen Lage verhindert. Innerhalb der Eurozone zeigen sich dabei deutliche Unterschiede: Deutschland, als industrielles Herzstück der Region, ist am stärksten betroffen – das Wachstum wird auf magere 0,3 % geschätzt. Italien steht mit einer Prognose von 0,2 % ähnlich schlecht da. Frankreich und Spanien zeigen sich aufgrund ihrer spezifischen Energiestrukturen und politischer Maßnahmen widerstandsfähiger, bleiben aber ebenfalls dem Inflationsdruck ausgesetzt.
EZB unter Druck: Zinserhöhungen trotz Wachstumsschwäche
Die Inflation bleibt ein zentrales Problem. BofA prognostiziert, dass der Verbraucherpreisindex (VPI) der Eurozone im Jahr 2026 im Schnitt bei 3,3 % liegen wird – eine deutliche Aufwärtsrevision gegenüber früheren Schätzungen von 1,7 %. Das 2-%-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) soll demnach erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 wieder unterschritten werden.
Als Reaktion darauf erwartet BofA eine restriktivere Haltung der EZB. Die Analysten rechnen mit Zinserhöhungen von jeweils 25 Basispunkten im Juni und Juli 2026, was den Einlagensatz auf 2,50 % treiben würde. Die Bank beschreibt die EZB als "nervös", da die Währungshüter den Schutz ihrer Inflationsglaubwürdigkeit über kurzfristige Wachstumssorgen stellen. Historisch gesehen birgt diese Strategie jedoch Risiken: BofA erinnert daran, dass die EZB-Zinserhöhungszyklen in den Jahren 2008 und 2011 jeweils mit einer Abwertung des Euro einhergingen, als Wachstumsängste die Inflationssorgen schließlich überlagerten.
EUR/USD: Kurzfristig unter Druck, langfristig erholt
An den Devisenmärkten verfolgt BofA eine bärische Kurzfristeinschätzung für den Euro. Strategen um Alex Cohen prognostizieren den EUR/USD-Kurs bis Ende des zweiten Quartals bei 1,14 – mit Abwärtsrisiken. Als Hauptgrund nennt die Bank die überproportionale Betroffenheit der Eurozone durch die Energiekrise im Vergleich zu den USA, die dank ihrer relativen Energieunabhängigkeit besser aufgestellt sind.
Zwar könnten EZB-Zinserhöhungen nominell als Stütze für den Euro wirken, doch BofA argumentiert, dass die höhere Inflation in der Eurozone den realen Zinsvorteil effektiv aushöhlt. Hinzu kommt die Divergenz zwischen EZB und US-Notenbank Fed: Die Fed soll eigene Zinssenkungen erst im September oder Oktober vornehmen, was das Umfeld zusätzlich verkompliziert. Langfristig hält BofA jedoch an einem EUR/USD-Ziel von 1,20 bis Jahresende fest – allerdings unter der Bedingung, dass die Fed auf weitere Zinserhöhungen verzichtet, sich die Energiepreise normalisieren und sich das Wachstum zwischen den USA und Europa angleicht.
Rezessionsrisiko bleibt real
Das Basisszenario von BofA setzt voraus, dass die Energiekrise auf Preisschocks beschränkt bleibt und es zu keinen physischen Versorgungsengpässen kommt. Sollte sich die Lage jedoch verschärfen, warnt die Bank unmissverständlich: "Höhere Öl- und Gaspreise würden die Eurozone in eine Rezession treiben." Als vorübergehenden Puffer sieht BofA das Konsumverhalten der Haushalte – konkret eine Senkung der Sparquote. Fiskalpolitische Unterstützung bleibt hingegen begrenzt und wird auf lediglich 0,2 bis 0,3 % des BIP an diskretionären Maßnahmen geschätzt.
Für deutsche Anleger und Unternehmen ist die Analyse besonders relevant: Als größte Volkswirtschaft der Eurozone und gleichzeitig am stärksten energieabhängige Industrienation trägt Deutschland das höchste Risiko in diesem Szenario. Die Kombination aus schwachem Wachstum, hartnäckiger Inflation und einer restriktiveren EZB dürfte die Märkte in den kommenden Quartalen weiterhin belasten.
