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Anleihemarkt-Turbulenzen: Warum die EZB ihr QT-Programm aussetzen sollte

Steigende Langfristzinsen und wachsende Spreads setzen Europa unter Druck: Ein Ex-EZB-Direktor fordert, das Quantitative Tightening auszusetzen.

• 6 Min
Anleihemarkt-Turbulenzen: Warum die EZB ihr QT-Programm aussetzen sollte

Die langfristigen Zinssätze sind in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Das hat auf den Finanzmärkten, insbesondere bei den Anleihegläubigern, für erhebliche Besorgnis gesorgt und die Renditen weiter nach oben getrieben. So entsteht ein Teufelskreis, der den Druck auf die Anleihemärkte zusätzlich verstärkt.

In Europa zeichnen sich unterdessen die Schatten der Krise von 2011/12 erneut ab. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Ausweitung der Spreads zwischen Staatsanleihen der Kern- und der Peripherieländer. Bemerkenswert ist dabei, dass Frankreich dieses Mal von den Märkten als Teil der Peripherie behandelt wird.

Vor diesem Hintergrund fordert ein ehemaliges Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB) und ehemaliger Vorsitzender der Société Générale in der Financial Times, die EZB müsse ihre Politik der quantitativen Straffung (Quantitative Tightening, QT) aussetzen. Die Politik wurde im März 2023 gestartet und lässt die Bilanz der Notenbank schrumpfen, indem fällig werdende Vermögenswerte – insbesondere Staatsanleihen – nicht ersetzt werden.

Die Details

Der Mechanismus ist laut dem Autor entscheidend für die aktuelle Marktlage: Lässt die EZB ihre Bestände auslaufen, muss ein größerer Anteil der Nettoversorgung mit Staatsanleihen von privaten Anlegern absorbiert werden. Das geschieht genau zu einem Zeitpunkt, an dem die langfristigen Zinssätze bereits unter Aufwärtsdruck stehen. Die Politik verfolgte das Ziel, die Größe der Bilanz der Zentralbank „wieder normal" zu machen, nachdem sie im vorhergehenden Jahrzehnt expandiert war. Eine ähnliche Vorgehensweise wurde damals auch von anderen Zentralbanken übernommen.

Andere Notenbanken haben ihren Ansatz jedoch später angesichts der Marktentwicklungen unterbrochen oder modifiziert. Der Grund dafür ist nach Einschätzung des Autors, dass die Vor- und Nachteile des Prozesses, durch den eine Zentralbank ihre Bilanz schrumpft, bei der Entscheidungsfindung möglicherweise nicht vollständig berücksichtigt und offen diskutiert wurden. Diese verdienten eine sorgfältige Bewertung. In den USA hat Kevin Warsh, der neu ernannte Vorsitzende der Federal Reserve, eine Task Force eingerichtet, die von drei prominenten Ökonomen geleitet wird, um genau dies für die Fed zu prüfen.

Im Euroraum hingegen wurde die Rückkehr zur Normalität von der Zentralbank als „Verpflichtung" dargestellt. Nach Ansicht des Autors ist sie anscheinend mehr von Nostalgie für die Welt vor der Finanzkrise motiviert als von rigoroser Analyse. Tatsächlich gebe es nichts inhärent „Normales" an der Größe der Bilanz einer Zentralbank, insbesondere wenn sich die zugrunde liegenden wirtschaftlichen und marktbezogenen Bedingungen im Laufe der Zeit grundlegend verändern.

Als Beispiel nennt der Autor die Bankenregulierung. Finanzinstitute sind heute aus Vorsorgegründen verpflichtet, deutlich größere Mengen hochliquider Aktiva – einschließlich Staatsanleihen – zu halten. Müssten Banken erneut Liquidität von der Zentralbank erhalten, indem sie zusätzliche Sicherheiten hinterlegen, würde dies weiteren Druck auf die Renditen ausüben.

Ein weiteres Beispiel ist die veränderte Struktur des Market-Making bei Staatsanleihen, bei dem Nicht-Banken wie Hedgefonds eine größere Rolle übernehmen. Diese Verschiebung, hervorgerufen durch die Regulierung nach der Finanzkrise, setzt die Märkte Stress aus, wenn die Liquidität knapp wird – wie Episoden im US-Treasury-Markt gezeigt haben. Hinzu kommt ein struktureller Kostenfaktor: Ein System, in dem Banken Zentralbankliquidität über Refinanzierungsgeschäfte zu einem Satz oberhalb der Vergütung für Mindestreserven erhalten müssen, schafft Kosten für das Bankensystem – die letztlich von ihren Kunden getragen werden. Es gibt den Banken zudem einen Anreiz, größere Mengen an Staatsanleihen zu halten. Das steht dem Ziel entgegen, die Doom Loop zwischen Banken und Staat zu minimieren, bei der eine Schuldenkrise Druck auf Staatsanleihen ausübt, was wiederum Banken destabilisiert und das Risiko staatlicher Rettungen erhöht.

Hintergrund: Was bisher geschah

Bereits am 20.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Bank of England (BoE) ihren Ansatz für die quantitative Straffung grundlegend überarbeitet hat. Wie die Financial Times berichtete, will die britische Notenbank dauerhaft 120 Milliarden Pfund Sterling an Staatsanleihen (Gilts) in ihrem Bestand halten. Gleichzeitig legte sie einen Plan zur Veräußerung der verbleibenden Bestände über die nächsten acht Jahre vor. Die Entscheidung folgt damit den Empfehlungen des FT Alphaville (FTAV).

Schon am 05.08.2026 hatte aktien.news berichtet, dass die BoE vor einer wegweisenden Entscheidung stand und im September erneut über die Fortsetzung ihrer quantitativen Straffung beraten wollte. Die Argumente für den bisherigen Kurs wurden dabei zusehends schwächer. Seit 2022 hatte die britische Zentralbank mehr als 400 Milliarden Britische Pfund der im Rahmen der quantitativen Lockerung (QE) gekauften Anleihen abgebaut. Etwa die Hälfte der Bankreserven, die zur Finanzierung des QE-Programms geschaffen wurden, war bereits abgeflossen. Als Prozentsatz des nominalen Bruttoinlandsprodukts hatte die BoE-Bilanz im Jahr 2021 mit 42 Prozent ihren Höchststand erreicht.

Auch die EZB selbst stand zuletzt im Fokus: Am 11.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Notenbank die Zinssätze zum zweiten Mal in diesem Jahr anhob und eindringlich davor warnte, dass die Inflationsdrucke nicht bald nachlassen werden. Die Erwartung zusätzlicher Zinsschritte belastete vor allem den Markt für Staatsanleihen, und die Benchmark-Borrowing-Kosten in Deutschland und Frankreich stiegen auf ihre höchsten Niveaus seit Jahren.

Bereits am 01.07.2026 hatte aktien.news gemeldet, dass die EZB laut Insidern eine Verdoppelung der Mindestreserveanforderungen für Banken im Euroraum erwägt. Wie Reuters von sechs Quellen erfuhr, sollte der Anteil unverzinster Pflichtreserven von derzeit 1 Prozent auf 2 Prozent der Kundeneinlagen angehoben werden. Eine Entscheidung wurde bis zum Herbst erwartet.

Was das für Anleger bedeutet

Für deutsche Privatanleger ist die Debatte unmittelbar relevant, weil sie die Renditen von Bundesanleihen und anderen europäischen Staatsanleihen berührt. Steigt der Aufwärtsdruck auf die langfristigen Zinssätze weiter, wirkt das auf die Kurse bereits gehaltener Anleihen. Zugleich erhöht die Unsicherheit über den genauen Zeitpunkt und die Kalibrierung des QT-Übergangs die Volatilität an den Märkten.

Die Ausweitung der Spreads zwischen Kern- und Peripherieländern ist ein Signal, das Anleger im Blick behalten sollten, da Frankreich in diesem Umfeld von den Märkten wie ein Peripherieland behandelt wird. Der Autor betont dabei, dass die EZB besser gerüstet ist als in der Krise 2011/12 und über Instrumente sowie Programme zum Ankauf von Anleihen verfügt, die auf steigende Renditen reagieren können. Die Diskussion beschreibt damit keinen hilflosen Akteur, sondern eine Debatte über die richtige Reihenfolge der geldpolitischen Instrumente.

Ausblick

Nach Einschätzung des Autors sollte die Geldpolitik im aktuellen Konjunkturumfeld, in dem die Inflation die primäre Sorge darstellt, hauptsächlich durch ihr traditionelles Instrument umgesetzt werden – den kurzfristigen Leitzins. Die Veränderung der Größe der Bilanz sollte dagegen als sekundäres Instrument betrachtet werden, weil sie unerwünschte Effekte produzieren kann, die noch nicht vollständig verstanden sind.

Das Prinzip der Vorsicht würde daher nahelegen, QT auszusetzen, bis eine stabilere Umgebung wiederhergestellt ist – und sich die Zeit zu nehmen, die Implikationen für die Finanzmärkte besser zu verstehen. Die EZB verweist bislang darauf, dass das Tempo ihrer quantitativen Straffung relativ langsam sei und dass der genaue Zeitpunkt und die Kalibrierung des QT-Übergangs ungewiss bleiben.

Kurz erklärt

  • Quantitative Tightening (QT): Der Prozess, bei dem eine Zentralbank ihre Bilanz schrumpfen lässt, indem fällige Anleihen nicht ersetzt werden.
  • Spread: Der Renditeabstand zwischen zwei Anleihen, etwa zwischen Papieren von Kern- und Peripherieländern.
  • Doom Loop: Der wechselseitige Verstärkungseffekt, bei dem Schuldenprobleme eines Staates die Banken belasten und umgekehrt.
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