Altersvorsorgedepot: Wie nachhaltig ist die Preisschlacht der Anbieter?
Anbieter liefern sich Preisschlacht ums Altersvorsorgedepot – doch die Kosten könnten später steigen.

In der deutschen Finanzbranche tobt ein Preiskampf, der seinesgleichen sucht. Gleich mehrere Anbieter haben in den vergangenen Wochen Konditionen für das neue Altersvorsorgedepot vorgelegt, die weit unter den Erwartungen liegen. Scalable Capital startet mit 0,15 Prozent Kosten, die Quirin-Privatbank-Tochter und die Sparkassen-Tochter Deka unterbieten mit 0,1 Prozent, und Smartbroker lockt sogar mit gebührenfreien Jahren. Doch die Frage, die viele Anleger umtreibt: Wie nachhaltig ist dieser Wettbewerb?
Das Altersvorsorgedepot ist der zentrale Baustein der Reform der privaten Altersvorsorge, die die schwarz-rote Bundesregierung im Frühjahr beschlossen hat. Ab 2027 soll es mehr Deutschen ermöglichen, staatlich bezuschusst an der Börse vorzusorgen – mit Aktien und ohne die bisherigen Garantiepflichten, die bei Riester-Produkten oft die Rendite geschmälert haben. Der Wegfall der Garantien klingt riskant, ist aber aus Anlegersicht sinnvoll, weil Garantien schlecht zu schwankenden Börsenkursen passen und sich diese Schwankungen über Jahrzehnte relativieren.
Die Details
Die Preisschlacht begann Ende August, als die Onlinebank Scalable Capital ein Altersvorsorgedepot mit Kosten von nur 0,15 Prozent ankündigte. Nur Tage später zog eine Tochter der Berliner Quirin Privatbank nach und versprach weniger als 0,1 Prozent. Smartbroker konterte mit der Ankündigung, die Kunden zahlten die ersten Jahre gar keine Gebühren. Und die Sparkassen-Tochter Deka ließ verlautbaren, ihr Altersvorsorgedepot koste ebenfalls nur 0,1 Prozent – eine echte Ansage, gemessen am Ruf der Sparkassen, bislang eher hohe Konditionen zu bieten.
Die Standardversion des Altersvorsorgedepots, die jeder Anbieter anbieten muss, darf maximal ein Prozent pro Jahr kosten. Zusätzlich hatte die Regierung beschlossen, dass ein staatlich beauftragter Dienstleister ein eigenes Altersvorsorgedepot anbieten soll, das maximal 0,2 Prozent kosten darf. Die privaten Anbieter liegen nun alle unter dieser Marke. Ausgerechnet dem Staat ist es gelungen, den Wettbewerb anzutreiben.
Doch Brancheninsider warnen davor, sich von dieser hübschen Fassade blenden zu lassen. Denn das Gesetz, das die Basis für das Altersvorsorgedepot bildet – das Altersvorsorgeverträge-Zertifizierungsgesetz – räumt den Anbietern ein spezielles Recht ein: Sie können ihre Preise später jederzeit erhöhen. Sie müssen dies nur vier Monate vorher ankündigen und sich das Recht einer Kostenerhöhung bereits bei Abschluss der Produkte einräumen lassen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 27. März 2026 berichtete aktien.news, dass der Bundestag den Beschluss für das Altersvorsorgedepot gefasst hatte. Damit endete nach 25 Jahren die Ära der renditeschwachen Riester-Verträge. Die Reform setzt auf Kapitalmarktrenditen statt auf staatlich verordnete Sicherheitspuffer.
Am 8. Mai 2026 stimmte der Bundesrat über das Reformprojekt ab – ein historisches Datum für deutsche Sparer. Erstmals öffnet Deutschland seine staatliche Altersvorsorgeförderung vollständig für Aktieninvestments, ohne Beitragsgarantie, aber mit echten Renditechancen. Das zentrale Problem der Riester-Produkte war die Beitragsgarantie, die renditemindernd wirkte.
Am 5. Juli 2026 berichtete aktien.news, dass hinter der Reform auch ein kultureller Anspruch steckt: Deutschland gilt traditionell als Land der Sparer, nicht der Investoren. Das Altersvorsorgedepot soll die sogenannte Aktienkultur stärken und mehr Menschen dazu bewegen, am Kapitalmarkt zu investieren.
Was das für Anleger bedeutet
Die Bürgerbewegung Finanzwende drängt vor diesem Hintergrund darauf, dass die Regierung das staatliche 0,2-Prozent-Angebot tatsächlich umsetzt. „Weil die Kosten später noch steigen können, braucht es unbedingt das öffentlich organisierte Angebot – schon als Ermunterung für die Anbieter, es nicht zu bunt zu treiben“, sagt Moritz Czygan, Referent für Verbraucherschutz bei Finanzwende. Das „öffentliche Standarddepot“ sei auch „eine wichtige Referenzgröße“.
Für Privatanleger bedeutet dies: Die aktuell niedrigen Kosten sind verlockend, aber nicht in Stein gemeißelt. Wer sich für ein Altersvorsorgedepot entscheidet, sollte die Vertragsbedingungen genau prüfen, insbesondere die Klauseln zur späteren Kostenanpassung. Die Niedrigkonditionen gelten nur solange, bis der Anbieter sie wieder ändert.
Ausblick
Ob das staatliche Altersvorsorgedepot überhaupt kommt, ist derzeit offen. Der Branchendienst Finanz-Szene berichtete, in der Geldindustrie rechneten manche damit, dass es kein eigenes Angebot des Staates geben werde – oder frühestens in einigen Jahren und nicht schon zum Start im Januar 2027. Unklar ist bislang, welche Behörde oder welches staatsnahe Unternehmen das Angebot organisieren könnte: die KfW oder die Bundesbank?
In Kreisen der Bundestagsfraktion von CDU und CSU heißt es, man halte ein staatliches Depot inzwischen für „überflüssig“. Mit Rücksicht auf den Koalitionspartner SPD will sich die Union aber nicht öffentlich dagegen aussprechen. Das SPD-geführte Bundesfinanzministerium teilt auf Anfrage mit: „Die Abstimmungen zu dem staatlichen Altersvorsorgedepot laufen und wir können den Ergebnissen nicht vorgreifen.“ Eine notwendige Verordnung der Bundesregierung liegt bislang nicht vor.
Kurz erklärt
- Altersvorsorgedepot: Ein staatlich gefördertes Wertpapierdepot für die private Altersvorsorge, das ab 2027 angeboten wird und Investments in Aktien und Fonds ohne Garantiepflichten ermöglicht.
- Riester-Rente: Die erste staatlich geförderte private Altersvorsorge in Deutschland, die Anfang der 2000er Jahre eingeführt wurde und aufgrund hoher Kosten und Garantiepflichten oft geringe Renditen erzielte.
- Altersvorsorgeverträge-Zertifizierungsgesetz: Das Gesetz, das die rechtliche Grundlage für Riester-Produkte bildete und nun um die Regelungen für das Altersvorsorgedepot erweitert wurde – es erlaubt den Anbietern, Preise später zu erhöhen.
