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Zossen: Briefkastenfirmen kosten Gemeinde 20 Millionen Euro Rückzahlung

Niedrige Gewerbesteuer lockte Scheinfirmen an – nun droht der finanzielle Kollaps der Brandenburger Gemeinde

2 Min
Zossen: Briefkastenfirmen kosten Gemeinde 20 Millionen Euro Rückzahlung

Die Brandenburger Gemeinde Zossen steht vor einem finanziellen Desaster. Nach Überprüfungen durch das Finanzamt muss die 22.000-Einwohner-Stadt in den kommenden zwei Jahren 20 Millionen Euro an Gewerbesteuern zurückzahlen. Der Grund: Hunderte vermeintliche Firmensitze existierten nur auf dem Papier.

Ein Blick auf die Zahlen offenbart das Ausmaß: Laut Recherchen von "Frag den Staat" und dem ZDF-Magazin Royale sind in Zossen offiziell 2.155 Unternehmen registriert. Das entspricht nahezu einem Unternehmen pro zehn Einwohner. Allein in einem zweigeschossigen Altbau an der Hauptstraße sollen 153 Firmen ihren Sitz haben. Im alten Schloss der Stadt sind es 123 – darunter fünf Geschäftsadressen der Rapperin Shirin David.

Mit einem Gewerbesteuerhebesatz von nur 270 Prozent warb Zossen gezielt um Unternehmen. Zum Vergleich: In Berlin beträgt der Hebesatz 410 Prozent, bundesweit liegt der Durchschnitt laut DIHK bei 438 Prozent. Bis 2021 verlangte Zossen sogar nur 200 Prozent. Die verkehrsgünstige Lage nahe der Autobahn und des Flughafens BER machte die Gemeinde zum idealen Standort für sogenannte "Virtual Offices".

Finanzamt deckt Scheinkonstruktionen auf

Das Finanzamt Luckenwalde führte umfangreiche Kontrollen durch. Bis Oktober 2025 wurden etwa 360 Unternehmen überprüft. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei 164 Firmen konnte kein tatsächlicher Geschäftssitz in Zossen nachgewiesen werden. In 16 Fällen leitete die Behörde Steuerstrafverfahren ein.

Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit sieht ein strukturelles Problem: "In den Gewerbesteueroasen sehen wir vor allem große Konzerne und reiche Privatpersonen, die weniger zum Gemeinwohl beitragen." Diese nutzten die Infrastruktur der Großstädte, verschöben ihre Gewinne aber in Niedrigsteuer-Gemeinden. Der bundesweite Schaden durch solche Praktiken belaufe sich auf etwa eine Milliarde Euro jährlich.

Anbieter wie das "Gewerbezentrum Zossen" boten Firmensitze ab 199 Euro monatlich an. Die Kunden seien überwiegend Einzelunternehmer und kleine GmbHs aus den Bereichen Beratung und digitale Geschäftsmodelle, bei denen "nur sehr wenig operatives Tagesgeschäft anfällt". Bürgermeisterin Wiebke Şahin-Connolly zeigt sich skeptisch: "Ich frage mich, was ein virtuelles Büro bedeutet."

Haushaltssperre und Sparkurs

Die Konsequenzen für Zossen sind dramatisch. Der Kämmerer verhängte eine Haushaltssperre. Die Bürgermeisterin spricht von einem "Genickbruch" für die Gemeindefinanzen. Gespart werden muss nun bei freiwilligen Leistungen: Sportplätze, Straßenbeleuchtung und Grünflächenpflege stehen auf dem Prüfstand.

Dennoch gibt sich Şahin-Connolly kämpferisch: "Es gibt Hoffnung durch einen starken Mittelstand. Nicht jeder Gewerbesteuerzahler in Zossen ist eine Briefkastenfirma." Das Landesfinanzministerium Brandenburg bestätigt, dass die Steuerbehörden inzwischen deutlich kritischer prüfen als in der Vergangenheit.

Der Fall Zossen zeigt exemplarisch, wie der Wettbewerb um Gewerbesteuereinnahmen zwischen deutschen Kommunen zu fragwürdigen Geschäftsmodellen führen kann. Für Anleger ist das Thema relevant: Unternehmen, die aggressive Steuergestaltung betreiben, könnten künftig verstärkt in den Fokus der Finanzbehörden geraten – mit entsprechenden Nachzahlungsrisiken.

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