Zölle ohne Wirkung auf die Inflation
Warum die Fed trotz Druck aus dem Weißen Haus die Zinsen vorerst nicht senkt

Trotz monatelanger Diskussionen über die wirtschaftlichen Folgen von US-Zöllen bleibt ein Effekt auf die Inflation bislang aus. Im Mai stiegen die Konsumentenpreise in den Vereinigten Staaten lediglich um 0,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Auch die Arbeitslosigkeit zeigt sich stabil bei 4,2 Prozent. Zwar haben sich Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze abgeschwächt, doch das Bruttoinlandsprodukt dürfte laut Prognosen im zweiten Quartal immerhin um 1,5 Prozent wachsen – weniger als zuvor erwartet, aber kein dramatischer Rückgang.
Ökonomen hatten früh mit spürbaren Preissteigerungen infolge der Zollpolitik gerechnet. Doch bisher zeigen sich diese Effekte nicht in den Verbraucherpreisen. Als Grund dafür wird unter anderem die Lagerhaltung vieler Unternehmen genannt. Vor Inkrafttreten der Zölle stockten sie ihre Warenbestände auf und konnten so Preisanpassungen zunächst vermeiden. Diese Pufferphase könnte sich jedoch dem Ende nähern, weshalb einige Beobachter damit rechnen, dass die Preiswirkung lediglich zeitlich verschoben ist.
In diesem wirtschaftlichen Umfeld wird US-Notenbankchef Jerome Powell vorerst keine Zinsänderung bekannt geben. Vielmehr steht die nächste Zinspause an. Trotz des Spielraums, den ihm die stabile Lage am Arbeitsmarkt bietet, sieht Powell sich in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Vorsicht und politischem Druck. Präsident Donald Trump drängt weiter auf Zinssenkungen, um seine Konjunkturpolitik zu untermauern und durch positive Wirtschaftsdaten zu punkten.
Gleichzeitig ist eine Zinssenkung auch aus fiskalischer Sicht für Trump attraktiv. Sinkende Zinsen würden die staatliche Kreditaufnahme vergünstigen – ein willkommener Effekt angesichts des geplanten Haushaltsgesetzes, das Steuersenkungen mit hohen Kosten vorsieht. Das US-Haushaltsdefizit liegt derzeit bereits bei über 1 Billion Dollar, während die Zolleinnahmen bislang nur 72 Milliarden Dollar einbrachten. Die Einnahmen reichen somit nicht annähernd, um die laufenden Ausgaben zu decken.
Die Position der Federal Reserve ist durch diesen politischen Druck zusätzlich belastet. Ein Nachgeben ohne stichhaltige wirtschaftliche Begründung würde ihren unabhängigen Ruf gefährden. Trump selbst kündigte kürzlich an, bald einen Nachfolger für Powell präsentieren zu wollen. Dabei gilt sein Finanzminister Scott Bessent zunehmend als Favorit. Die Möglichkeit, dass der Präsident einen Einflussnehmer mit starkem Einfluss im Hintergrund installiert, sorgt unter Analysten für Unruhe. Eine politische Instrumentalisierung der Notenbank könnte erhebliche Konsequenzen für das Vertrauen in den Dollar und die US-Finanzmärkte haben.
